Traditioneller vs. moderner Yoga – Simon Borg-Olivier im Interview

Simon Borg-Olivier gehört zu den profiliertesten Yogalehrern der modernen Yogawelt. Seit dreißig Jahren leitet er das Yogastudio YogaSynergy in Sydney. Auf Workshops und Retreats weltweit unterrichtet er seinen einzigartigen gleichnamigen Yogastil, der den traditionellen Yoga auf gesunde und nachhaltige Weise für den modernen Körper zugänglich macht. Im Interview sprach YOGA AKTUELL mit Simon über die Bandhas, die yogischen Verschlüsse im Körper, und erhielt zahlreiche Tipps für eine gesunde Praxis.

Interview

YOGA AKTUELL: Dein Ansatz, traditionellen Yoga für den modernen Körper zu unterrichten, kommt bei Yogapraktizierenden auf der ganzen Welt sehr gut an. Wie funktioniert das? Was braucht der moderne Körper?

(c) Alessandro Sigismondi

Simon Borg-Olivier: Heute ist es im Yoga meist so, dass Menschen versuchen, traditionelle Haltungen zu praktizieren, für die sich ihr moderner Körper aber nicht eignet. Auf eine Art wird dadurch die Tradition im Yoga zerstört. Du kannst es dann natürlich immer noch „Yoga“ nennen, ich nenne es aber lieber „moderner Yoga“. Der moderne Yoga hat die Philosophie des wahren Yoga regelrecht zerstört, bei der es um einen nicht-wettbewerbsorientierten und akzeptierenden Prozess geht, der weit über das Physische hinausreicht.

In der Yogaschule, die ich seit über dreißig Jahren in Sydney führe, unterrichten wir die traditionellen Haltungen, versuchen jedoch, Prinzipien in der körperlichen Praxis anzuwenden, die ein traditionelleres Ergebnis fördern. Zum Beispiel initiieren wir einen Twist nicht, indem wir die Hand auf das Knie legen, das Knie beugen und unseren Körper anschließend zur Seite drehen, wir drehen stattdessen nur den Oberkörper. Wir bewegen uns also aktiv!

Das habe ich gelernt, als wir früher bei Iyengar sehr viele Kopfstände machen mussten. Denn wenn du im Kopfstand eine Drehung machst, drehst du die Wirbelsäule und ziehst dich eben nicht zur Seite. Ebenso heben Yogis in Indien einfach das Bein und legen es hinter dem Kopf ab, ohne es mit den Händen zu berühren. Ich habe viele indische Yogis gesehen, die das können. Ich nutze also einen traditionellen Zugang für meinen Unterrichtsstil.

Vor allem im Westen kommt es häufig vor, dass sehr unflexible Menschen versuchen, etwas zu tun, für das sie noch nicht reif sind. Der Körper wird sich beschweren, und er beschwert sich, indem er uns warnt: „Achtung! Hier stimmt etwas nicht!“ Eine leichte Überdehnung schmerzt, doch wenn du noch etwas weiter gehst, kann daraus eine Verletzung hervorgehen. Da der Körper grundsätzlich versucht, Verletzungen zu vermeiden, stellt er, sobald er eine Dehnung wahrnimmt, in den Fight-or-flight-Zustand um, in dem das sympathische Nervensystem dominiert, und das Unterbewusstsein jene Funktionen abschaltet, die für die Langzeitgesundheit nützlich wären, etwa das Immunsystem, die Verdauung und das Fortpflanzungssystem. Auf diese Weise wird anderen Emotionen wie Angst, Wut, Aggression, Mangeldenken oder Misstrauen Raum gegeben. Das klingt für mich ganz und gar nicht nach Yoga.

Um also Überdehnungen und Anspannungen zu vermeiden, versuche ich, mich auf eine Art zu bewegen, die mir Flexibilität ohne Dehnung ermöglicht, Kraft ohne Anspannung und eine gute Durchblutung, ohne meine Herzfrequenz zu erhöhen, indem ich mich aktiv und fließend aus der Körpermitte heraus bewege und die Bewegung mit einer ruhigen, natürlichen Atmung kombiniere, die bis in den Beckenboden reicht.

Ich habe das Gefühl, in der Yogawelt herrscht viel Verwirrung hinsichtlich der Arbeit mit der Körpermitte und mit den Bandhas. Es fällt nicht jedem auf Anhieb leicht, die richtigen Punkte im Körper zu finden, oder?

Auf meinem YouTube-Kanal YogaSynergy gibt es ein Video namens „Is it correct to pull the navel toward the spine, yes or no?“ (Anm. d. Red.: „Ist es korrekt, den Nabel in Richtung Wirbelsäule zu ziehen, ja oder nein?“), und die Antwort auf diese Frage lautet: ja und nein. Denn es kommt darauf an, wie du den Bauch einziehst. Nutzt du die eine Muskelgruppe, folgst du der Anweisung von Pattabhi Jois, doch nutzt du eine andere Gruppe von Muskeln, kann das viel Stress im Körper verursachen. Ich beobachte viele Yogis, darunter viele Ashtangis und meist eher Frauen als Männer, die die falschen Muskeln einsetzen. Wenn du jene Muskeln aktivierst, die bei einer forcierten Ausatmung involviert sind, um den Nabel zur Wirbelsäule zu ziehen und den Bauch anzuspannen, verursacht das viel Druck, und es ist nicht mehr möglich, in den Bauchraum zu atmen. Auch können Immunsystem, Verdauung und die Fortpflanzungsorgane massiv darunter leiden, zudem blockierst du die Wirbelsäule. Uddiyana-Bandha ist nicht das, was viele Praktizierende denken, und dasselbe gilt für Mula-Bandha.

Die Sache mit den Bandhas ist die: Iyengar hat Uddiyana-Bandha als Weitung des Brustkorbs nach der vollständigen Ausatmung beschrieben – „Halte den Atem draußen und dann weite die Brust!“ Pattabhi Jois sah Uddiyana-Bandha hingegen als Folge einer Kompression der Brust. Um die Brust zusammenzuziehen, ziehen die meisten Menschen jedoch den Bauch zusammen. Die Leute haben ihn also missverstanden und meinten, es ginge darum, den Bauch einzuziehen.

Auch Mula-Bandha ist vielen Praktizierenden unklar: Sie denken, es ginge darum, den Beckenboden anzuspannen, etwa Patthabi Jois’ Anweisung „Tighten the anus“ folgend. Doch tatsächlich hängt Mula-Bandha mit der Anspannung des Damms zusammen, der sich zwischen dem After und den äußeren Geschlechtsorganen befindet. Gleichzeitig spannen sich dadurch die unteren Bauchmuskeln an, und der Transversus abdominis sowie der Musculus multifidus im unteren Rücken werden gestreckt. Aber auch Mula-Bandha verfügt über zwei extreme Formen: Denn jedes Bandha kann entweder ausdehnend oder zusammenziehend agieren. Pattabhi Jois strebte einen komprimierenden Uddiyana-Bandha an, der durch das Zusammenziehen der Brust entsteht, sowie eine Expansion von Mula-Bandha, die durch die Weitung des Bauchraums zustande kommt. Aber viele Praktizierende haben das missverstanden, sie ziehen den Bauch ein und weiten die Brust. Doch das schwächt ihre Praxis!

Schauen wir uns die häufigste Haltung im Ashtanga-Vinyasa-Yoga an – Trini. Trini kommt vor Chatvari und bedeutet, man hebt sich hoch in die Luft. In Iyengars Buch nennt er diese Position Lolasana – es handelt sich um einen halben Handstand. Das Anheben in den halben Handstand erfolgt mit der Einatmung. Wer hier in die Brust einatmet, hat nicht genug Power für die Haltung, man muss in den Bauch einatmen! Wer den Bauch jedoch mit den Muskeln anspannt, die für die forcierte Bauchausatmung zuständig sind, kann nicht mehr in den Bauch einatmen. Das Gleiche gilt in Adho-Mukha-Shvanasana, dem herabschauenden Hund. Die Drshti (der Fokuspunkt) ist in dieser Haltung der Bauchnabel. Wenn du den Nabel jedoch zur Wirbelsäule ziehst, kannst du ihn nicht mehr sehen und hast dementsprechend keinen Fokuspunkt mehr. Ja, es gibt bezüglich der Bandhas sehr viele Missverständnisse.

Extra-Info: Bandhas ziehen

Für Erwachsene sind Bandhas eine große Herausforderung. Und leider spannen vor allem Mädchen und Frauen die Bauchmuskeln zu stark an, denn ihnen wurde schon von klein auf eingeimpft, gerade zu stehen, die Schultern nach hinten zu nehmen und den Bauch einzuziehen. Das führt zu Stress und fördert Ängstlichkeit. Dieses Verhalten versetzt durchwegs in einen Flight-or-Fight-Zustand, was die Nahrungsaufnahme erschwert. Menschen, die den Bauch zu stark nach innen ziehen und daher nicht in den Bauchraum atmen können, leiden oftmals an Verdauungsproblemen. Sie können beispielsweise viel essen, ohne zuzunehmen. Auch Menstruationsbeschwerden sowie Störungen im Reproduktions- und Immunsystem können daraus resultieren. Diese Störungen treten in der Welt des Yoga sogar sehr häufig auf. Daher ist es wichtig, zu wissen, dass die wahre yogische Atmung sehr weit unten im Beckenboden ihren Anfang nehmen sollte.

Simons Tipp to-go: Achte immer darauf, dass du deine Atmung wie in deinem entspanntesten und erholsamsten Schlaf beginnst. Atme tief in den Beckenboden und in den Bauchraum. Spürst du deine Atmung im Beckenboden, ist das schon Teil von Mula-Bandha. Tatsächlich öffnet sich dadurch während der Einatmung der Damm (das Perineum) und wird fest. Während der Ausatmung schiebt er sich wieder ein wenig nach außen.

Wir hatten bereits Ashtanga Yoga thematisiert. Was hältst du von all den verschiedenen Yogastilen, die es heute gibt? Es wird viel vermischt, und Namen werden erfunden. Denkst du, das ist von Nutzen?

Das kommt auf den Stil an. Viele der modernen Stile sind im Grunde Formen von Fitness. Es sollte bei Yoga jedoch darum gehen, einen meditativen Zustand zu erschaffen, und die zwei wichtigsten Voraussetzungen dafür sind, dass du ruhig und friedlich in deinem Körper und Geist bist und dennoch die Durchblutung anregst. Anhand des Wortes Hatha möchte ich das weiter veranschaulichen: „ha“ bedeutet in diesem Sinne dann „Durchblutung“ und „tha“ „ruhig“; „ha“ setzt alles in Bewegung und belebt, während „tha“ beruhigt. Beides sollte zugleich da sein. Aber in vielen modernen und fitnessbasierten Yogastilen wird in den ersten 75 Minuten ganz viel „ha“-„ha“-Yoga praktiziert, und am Ende kommt Shavasana, also kurz „tha“-Yoga. Es gibt Menschen, die nur „ha-ha-ha“ praktizieren und es Yoga nennen, und dann gibt es andere, die nur im Sitzen meditieren oder denen beispielsweise im Yin Yoga kalt wird, das ist nur „tha-tha-tha“-Yoga. Es verfehlt den Sinn, denn im wahren Yoga wird nicht erst „ha“ und dann „tha“ praktiziert, es geht darum, „ha“ und „tha“ zeitgleich zu üben. Im Yogasutra heißt es: stira sukham asanam. Das Wort „stira“ bezieht sich in diesem Sinne auf die Durchblutung, „sukha“ auf das ruhige Nervensystem, und vielen der modernen Yogastile fehlt das. Stattdessen wird überdehnt, überspannt, zu viel oder gar nicht geatmet oder überhaupt nicht mehr angespannt, wie etwa im Yin Yoga. Der Name „Yin Yoga“ sagt bereits, dass es sich nicht um Yoga, sondern um „halben“ Yoga handelt, denn sonst müsste es ja Yin-Yang-Yoga heißen. Die Yin-Yoga-Gründer machen auch keinen Hehl daraus, doch viele Menschen glauben, es handle sich um einen Yoga, der für sich alleine stehen könne.

Ich glaube, Yoga kann man in jeder Aktivität erfahren, die …

(1) nachhaltig ist und über lange Zeit hinweg praktiziert werden kann,
(2) für den Geist interessant ist – mit anderen Worten nicht zu stressig, aber auch nicht zu langweilig,
(3) den Körper beruhigt,
(4) sich mühelos anfühlt und
(5) zudem keine Störungen im Körper hervorruft, sondern gleichmäßig auf jedes Körperteil abgestimmt ist. Werden zum Beispiel nur Übungen mit der rechten Hand gemacht, verkümmert die linke. Werden nur Vorbeugen praktiziert, leiden die Rückbeugen darunter.

Es sollte sich also um eine ausgleichende Aktivität handeln, die keinen Stress im Körper hervorruft, mühelos ist und die Durchblutung fördert. Jede Bewegung, die diese fünf Kriterien erfüllt, könnte somit „Yoga“ genannt werden.

Dein Ansatz verlangt Schülern ziemlich viel Geduld ab, oder? Spielt Geistesschulung dabei eine große Rolle? Denn die Menschen wollen heute so beweglich und stark sein wie die Yogis auf Instagram, und zwar sofort. Würde es für viele Menschen nicht mehrere Leben dauern, bis sie das Bein aus reiner Muskelkraft hinter dem Kopf ablegen können?

Glaub mir, wenn du meine Methode ausprobierst, wirst du sehen, dass du tatsächlich leichter in die Haltungen kommen wirst. Sobald du aufhörst, deine Körpermitte zu blockieren, sondern aktiv in die Haltungen gehst, fließende Bewegungen machst und natürlich zu atmen beginnst, macht das einen großen Unterschied! Das Erste, das ich meine Schüler frage, ist: „Worum geht es eigentlich?“ – Es geht darum, gute Energie und Informationen liebender Güte im Körper zu verbreiten. Zweitens, mein Rat: „Du solltest aufhören, diese gute Energie und liebevolle Information zu blockieren (Verspann dich weniger, überdehn weniger, atme weniger, denk weniger und iss weniger!). Drittens: Wie machst du das? Indem du …

  1. … dich aktiv bewegst,
  2. … dich vom Core ausgehend bewegst,
  3. … so atmest, dass die Basis deines Atems immer ein natürlicher Atem ist, also sehr tief im Beckenboden stattfindet, und indem du
  4. … dich fließend bewegst.

Wenn du dir diese vier Dinge zu Herzen nimmst, wirst du sehen, dass du auch mit weitaus weniger Kraftaufwand (sogar im Ashtanga Yoga) schneller und besser vorankommst. Auch wenn du es dann einmal übertreibst und weitergehst, ist die Gefahr für Verletzungen viel geringer.

Vielen Dank für dieses erhellende Gespräch, Simon!

Zum Weiterlesen:

Alles ist miteinander verbunden: Im Interview für die Oktober-/November-Ausgabe von YOGA AKTUELL Nr. 124 spricht Simon Borg-Olivier über seine ersten Schritte auf dem Yogaweg sowie über seine ganz eigene Definition von Yoga. Hol dir die aktuelle Ausgabe jetzt in unserem Onlineshop!

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Marita Peter
Marita Peterhttp://www.yoga-aktuell.de
Marita Peter ist seit 2018 Redakteurin bei YOGA AKTUELL. Sie studierte Germanistik und angewandte Linguistik in Salzburg. Aufgewachsen in einem österreichischen Bergidyll, lässt sie sich noch heute am liebsten von der Natur kreativ inspirieren. 2011 kam sie zum Yoga und blieb dabei.
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