Teil 1: Einführung in den Kaschmir-Shivaismus
Es war Anfang der 1990er Jahre. Ich lernte Yoga kennen – den klassischen indischen Yoga, wie er damals gelehrt wurde: asketisch, streng. Dabei freundete ich mich seit geraumer Zeit mit einem Weltbild an, das mich das Gegenteil lehrte: dem der Traditionellen Chinesischen Medizin. In dieser Weltsicht ist der Mensch kein Wesen, das sich aus dem Leben zurückziehen muss, um irgendwann „anzukommen". Er ist bereits Teil des großen Ganzen. Die Aufgabe lautet nicht Überwindung, sondern Ausrichtung: lauschen, spüren, sich einstimmen auf die großen Zyklen der Natur, des Lebens, sich einweben in dieses große Ganze, um gesund und glücklich zu sein. Verbundenheit war kein Ziel – sie war die Ausgangslage.
Im Yoga hörte ich dieselben Worte: Einssein, Verbundenheit. Doch die oft dogmatische Strenge, die die Praxis begleitete, ließ mich davon nichts spüren. Ich bin jemand, dem Ästhetik wichtig ist. Ich liebe die Schönheit des Lebens: Stoffe, die sich gut anfühlen, gutes Essen, feine Düfte, besondere Keramik, schöne Kleidung, hochwertige Hautpflege, Kunst, Musik und Räume, die mit Sorgfalt gestaltet sind. Als Frau des späten 20. Jahrhunderts, mit einem Leben, das ich nicht hinter mir lassen wollte, hatte ich ein nagendes Gefühl: Ich genüge nicht. Nicht diszipliniert genug. Nicht weit g