Die Texte der Yoga-Philosophie zeigen nicht nur die Lehre des Yoga. Es ist möglich, mit ihnen zu üben und so die eigene Praxis in die Tiefe zu führen.

Nachdem sich Yoga als Körperpraxis immer mehr etabliert hat, entsteht zunehmend das Bedürfnis, den Übungsweg weiter zu führen. Die Philosophie des Yoga rückt in den Fokus, die Wege zum tieferen Sinn des Yoga aufzeigt. Der tiefere Sinn eröffnet sich dabei kaum durch Philosophie im heute oft gebrauchten Verständnis von Hintergrundwissen. Auch geht es nicht um das Lehrsystem oder die Theorie des Yoga, sondern um philosophische Praxis. Die Philosophie des Yoga entfaltet ihr volles Potenzial, wenn es gelingt, sich von ihr persönlich betreffen zu lassen. Yoga-Philosophie wird so zur Übungspraxis, die in die Tiefen des yogischen Erfahrens führt.

Der Text als Grundlage

Wie man Asanas mit dem Körper, Atemübungen mit dem Atem und Meditation mit einem Meditationsgegenstand übt, so arbeiten die Übungen der Yoga-Philosophie mit Texten yogischer Weisheit. Einen Yoga-Text rational zu verstehen macht noch nicht Yoga-Philosophie als Übungspraxis aus. Der tiefere Sinn der Yoga-Philosophie bricht in Einsichten über uns selbst auf. Die Texte bilden hierfür den Ausgangspunkt, von dem aus das Reflektieren beginnen kann.

Für den Einstieg in das philosophische Üben eignen sich besonders Texte, die das Prinzip ‚Übung‘ in den Blick nehmen, in den Yoga-Sutras des Patanjali abhyasa genannt. Texte zum rechten Üben regen dazu an, sich der Notwendigkeit der Anstrengung und der Ausdauer auf dem Yogaweg bewusst zu werden. Sie machen auch die besondere Bedeutung der Konzentration und der Sammlung bewusst. Die fast 3000-jährige Tradition des Yoga eröffnet uns hier einen nahezu unerschöpflichen Fundus an inspirierenden Texten. Wenn du wissen willst, was das philosophische Üben mit Texten heißt, such dir einen aus den drei folgenden Texten als ersten Übungsgegenstand aus:

Texte zur Bedeutung des Übens (abhyasa)

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Dieses SELBST wird nicht erreicht durch Kraftlosigkeit, nicht durch Unachtsamkeit und wahrlich auch nicht durch unechte Enthaltsamkeit.                      

                                                                       Mundaka-Upanishad

 

Nicht erreicht man Vollkommenheit durch das Tragen des Yoga-Gewandes oder durch Gespräche über Yoga, sondern nur durch Üben.      

                                         Hatha-Yoga-Pradipika

 

Gott kann auf allen Wegen verwirklicht werden. Alle Religionen sind wahr. Das Wichtige ist nur, das Dach zu erreichen. Man kann es auf Steintreppen erreichen oder auf Holztreppen oder auf einer Bambustreppe oder mit Hilfe eines Seils. Man kann klettern oder auch eine Bambusstange benutzen.

Sri Ramakrishna

Die drei Schritte der philosophischen Übung

Der ausgewählte Text bildet nun die Grundlage für die folgende Übung. Das mehrfache Lesen des Textes bildet den Ausgangspunkt. Im Verweilen beim Text wird das Fundament der Übung gelegt. Nun folgt der zweite Schritt, die eigene Reflexion. Wichtig ist, sich auch hier Zeit zu lassen. Zunächst gilt es sich zu fragen:

  • Was verstehe ich? Was verstehe ich nicht?

Bis jetzt bleiben wir noch bei einem theoretischen Verständnis stehen. Zur Übung wird Philosophie erst, wenn man sich von dem im Text formulierten Gedanken betreffen lässt. Folgende vier Fragen bieten sich an, die zur Reflexion einladen. Nun geht es darum, nicht nur die Reflexion über die Theorie des Yoga, sondern auch über die eigene Praxis zu fördern. Nimm dir für alle Fragen genügend Zeit!

  • Was sagt mir der Text?
  • Wo finde ich hier meine eigene Erfahrung?
  • Was hat der Text mit meiner Übungspraxis zu tun?
  • Was hat der Text mit meinem Yogaweg, mit meinem Leben zu tun?

Wichtig ist, die philosophische Übung in einem dritten Schritt zu einem Ergebnis zu führen. Du kannst die Erkenntnisse, aber auch die offenen Fragen, mit Blatt und Stift schriftlich festhalten. Diese Gedanken sind dann in die Übungspraxis auf der Matte mitzunehmen. Manche Erkenntnisse können das eigene Üben intensivieren. Manche Fragen werden sich erst im Üben beantworten. Besonders spannend wird es, nach einigen Tagen die eigenen Aufzeichnungen noch einmal zu lesen und über den gleichen Text noch einmal zu reflektieren. Vielleicht lässt sich beobachten, wie sich das Verständnis der Notwendigkeit der eigenen Anstrengung auf dem Yogaweg vertieft hat.

Die Weiterführung der Übung

Wenn dir klar wurde, welche die Bedeutung das Prinzip Übung auf deinem Yogaweg hat, kannst du einen Schritt weiter gehen. Die Yogasutras sprechen von vairagya, von der Loslösung. Nun geht es um Loslassen, um ein Fließenlassen im Üben. Such dir nun einen der folgenden drei Texte aus.

Texte zur Vertiefung der Übung durch die Loslösung (vairagya)

Wer es nicht denkt, der denkt es. Wer es denkt, der kennt es nicht.

                                                                       Kena Upanishad

Wenn so alles leer ist, dann ist das Denken versiegt; innen leer und außen leer, leer wie ein Krug im leeren Raum, innen voll und außen voll, voll wie ein Krug im tiefen Wasser.

                                         Hatha-Yoga-Pradipika

Gott hat die Natur eines Kindes. Ein Kind sitzt mit Perlen im Schoß seines Kleides am Wege. Manch einer geht an ihm vorüber …, der es um Perlen bittet. Aber es bedeckt die Perlen mit den Händen und sagt, indem es das Gesicht abwendet: „Nein, ich will keine fortgeben“. Aber ein anderer kommt des Weges. Er fragt nicht nach den Perlen, und doch rennt das Kind hinter ihm her und bietet ihm die Perlen an, ihn drängend und bittend, sie anzunehmen.

Sri Ramakrishna

Der nun ausgewählte Text bildet die Grundlage für die Weiterführung der philosophischen Übung, die in gleicher Weise nach den eben genannten drei Schritten durchgeführt werden kann.

Der philosophische Anfänger kennt entweder Aktivität oder Passivität, entweder Tun oder Nichttun, entweder Konzentration oder Loslassen. Wie in der Übung immer mehr auch die Loslösung geschehen kann, erscheint oft wenig einsichtig. Möglich ist es deswegen, dass du zur Erkenntnis kommst, dass sich die beiden Prinzipien zu widersprechen scheinen. Mit der Zeit kann jedoch deutlich werden, dass gerade im Zusammenkommen von abhyasa und vairagya, von Übung und Loslösung, das Geheimnis des Yoga zu finden ist. Der tiefere Sinn des Yoga eröffnet sich erst dann, wenn es gelingt, bei aller Anstrengung auch loszulassen, sich in der Konzentration zu entspannen, wenn wir uns in allem Üben für das Nichtstun öffnen.

Der Sinn der philosophischen Übung

Wie viele wunderbare Asanas bekannt sind, so gibt es auch viele wunderbare Texte der Yoga-Philosophie. Wie wir nicht automatisch tiefer in den Yoga eindringen, wenn wir die Menge der geübten Asanas erhöhen, so erschließen sich uns auch nicht die Tiefen der Yoga-Philosophie allein durch die Menge der uns bekannten Texte. Die Kunst der philosophischen Übung besteht in der Beschränkung. Wenn wir uns wirklich betreffen lassen und eine konkrete Vertiefung unseres Yogaweges initiieren wollen, erweist sich das Verweilen bei einem Text meist als hilfreicher, als von einem Text zum nächsten zu springen.

Die Körperübungen und die Texte bilden den Beginn, zwei mögliche Ausgangspunkte des Yogaweges. Die technische Beherrschung der Asanas oder das theoretische Verstehen der Texte sind hilfreich. Wichtig ist, hier nicht stehen zu bleiben. Das Entscheidende des Yogaweges bricht erst in dem Transformationsprozess auf, der durch das Üben mit dem Körper wie auch mit den Texten des Yoga initiiert wird. Für die Übung der Yoga-Philosophie heißt dies: Entscheidend ist es, sich mit den Texten auf den Weg zu machen, um so die eigene Praxis in die Tiefe zu führen und so die ursprüngliche Weisheit des Yoga in unserem eigenen Leben zu entdecken.

(c) ViaNova Verlag

Tipp zum Üben mit Texten der Yoga-Philosophie:

Eckard Wolz-Gottwald: Yoga Philosophie Karten. Ein Grundkurs zur Philosophie des Yoga, Verlag Via Nova 2019.

www.verlag-vianova.de

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