Back to the roots: Charakteristika der ursprünglichen Tantralehre. In unserem Dossier finden Sie immer wieder die Differenzierung zwischen klassischem Tantra und Neo-Tantra. Neo-Tantra hat eine psychotherapeutische und eine paartherapeutische Dimension, kann aber auch rein spirituell ausgerichtet sein, wobei auch der spirituelle Weg im neo-tantristischen Rahmen oft stark über die Sexualität führt. Doch was ist „klassisches Tantra“? Was ist die Essenz des Tantra, welche Praktiken gehören zum ursprünglichen Tantra, und in welchen Quelltexten wurden diese übermittelt? Diese Fragen sollen hier beantwortet werden.

Das alte indische Tantra
Bei Tantra (von der Sanskrit-Wurzel „tan“ – „ausdehnen“) handelt es sich ursprünglich um bestimmte Strömungen innerhalb des Hinduismus und des Buddhismus. Zwar würden hier bereits die Ersten widersprechen und auf Naturreligionen oder matriarchalische Stammeskulturen außerhalb dieser beiden Religionen verweisen, die ebenfalls bestimmte tantrische Züge tragen, jedoch ist Tantra unter diesem Namen und mit den nachfolgend beschriebenen Charakteristika ein Phänomen aus der hinduistischen und buddhistischen Tradition.

Dies bedeutet zunächst einmal, dass deren Grundelemente wie der Reinkarnationsglaube und der Glaube an eine höhere spirituelle Realität – ein Absolutum oder Nirvana – auch im Tantra vorhanden sind. Die Tantriker glauben, dass jene höhere Realität die sinnlich erfahrbare Welt durchdringt und als dieser Welt inhärent auch durch diese Welt erfahren werden kann. Um jedoch die Einheit mit der absoluten Wirklichkeit für immer zu realisieren und aus dem Kreislauf des Samsara auszutreten, muss die Kundalini erweckt und durch die Chakras nach oben geführt werden. Wenn dies gelingt, kann man nach tantrischer Auffassung noch während des irdischen Lebens Erleuchtung erlangen, also zum Jivanmukta (lebenden Erlösten) werden. Zur Arbeit mit der Kundalini gibt es zahlreiche Techniken, die in den tantrischen Schriften beschrieben sind.

Eine wichtige Rolle im Tantra spielt auch das Ritual, das auf magischer Analogie basiert. Im Tantra wird dem Ritual somit nicht nur eine rein symbolische Bedeutung zugeschrieben, sondern eine hohe Wirkkraft. Freilich kann man dieses Potenzial auch für weltliche Zwecke nutzen und damit die Erfüllung profaner Wünsche anstreben. David Frawley merkte dazu in einem Essay über Tantra (vgl. YOGA AKTUELL Heft 31) an: „Das unentwickelte menschliche Ego wird sich Gott natürlich zuerst eher im Hinblick auf seine eigenen Bedürfnisse nähern anstatt im Zuge irgendeines ernsthaften Strebens nach Erkenntnis oder Hingabe. Tantra hält einen der ausgefeiltesten Wege dafür bereit und erkennt darin den Wert, dass es sich um einen ersten Schritt handelt, die Menschen auf den spirituellen Pfad zu bringen.“

Wirkkräftig ist auch die Sadhana: Übt man intensiv die tantrischen Praktiken, können sich so genannte Siddhis, d.h. übernatürliche Fähigkeiten, einstellen. Diese paranormalen Kräfte umfassen z.B. Levitation oder eine ungeheure Manifestationskraft, bei der der Adept seinen Willen unmittelbar ins Dasein bringen kann. Auch hier haben wir es wieder mit der Verlockung zu tun, dass diese Kräfte für eher egoistische Zwecke eingesetzt werden und vom eigentlichen Ziel der Realisierung des höchsten Absolutum nur wegführen. Wohl auch weil die im Tantra eingesetzten Methoden so machtvoll sind und nicht jeder in gesunder Weise damit umzugehen bereit ist, unterlagen sie traditionell einer strikten Geheimhaltung. Die Einweihung erfolgte durch einen Meister, der Schüler musste sich zunächst als ernsthafter Aspirant erwiesen haben. Das alte Tantra war in erster Linie asketisch und monastisch, hatte aber auch eine Haushälter-Tradition.

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