Wie wäre es mit einer kleinen meditativen Reise in deine Jugendzeit? Kannst du dich noch an deine Identitätsfindung erinnern? Was hast du im Alter zwischen 14 und 18 Jahren für Musiktitel gehört? Welche Menschen, Orte, Gerüche und Erlebnisse verbindest du mit dieser Zeit? Welche Emotionen und Gedanken waren sehr intensiv? Schließe jetzt bitte deine Augen und schenke dieser Lebensphase einen Moment deiner ungeteilten Aufmerksamkeit…

Wie war deine Identitätsfindung?

Ich kann mich gut an depressive Verstimmungen erinnern, die zum Glück mit realen Freunden an meiner Seite halb so dramatisch waren. Das Jugendalter ist vollgepackt mit sehr prägenden Entwicklungsaufgaben. Schon allein die körperlichen Umbauprozesse erfordern ein neues Bewohnen des Körpers. In diesem rasanten Transformationsprozess ist es nahezu utopisch, konstant in seiner Mitte verankert zu sein.

Richten wir den Blick auf heute: Cyberbulling? FOMO? Ghosting? Gatsbying? Thigh Gap?

Wenn dir auch einige Begriffe befremdlich vorkommen, dann musstest du wahrscheinlich diese zusätzliche Entwicklungsaufgabe nicht meistern: Die digitale Identitätsfindung.

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Die Jugendlichen müssen sich heute nicht nur im realen Leben behaupten und Anerkennung in der gleichaltrigen Gruppe finden, sie müssen es auch parallel in der digitalen Welt schaffen. Sie sind auf der Jagd nach Followern und konkurrieren mit perfekt inszenierten Scheinrealitäten. Der jederzeit abrufbare Vergleich liegt als designtes Statussymbol griffbereit in der Hosentasche. Wenn Heranwachsende nicht gerade in andere Scheinwelten abtauchen, begleitet die Fotografie des eigenen Selbst den Moment und lässt ein Ankommen im Jetzt kaum zu. Die Fragen „Wer bin ich und was ist mir wichtig?“ werden bei der digitalen Identitätsfindung überdeckt von der Frage: „Wie muss ich wirken, damit mich andere Menschen, teilweise sogar Unbekannte, liken?“

Die Schlagzeilen „Social Media könne Teenager krank machen“ werden immer hartnäckiger

Zahlreiche Studien versuchen zu belegen, dass die Nutzung von Instagram und Co besonders in der Phase der Adoleszenz zu Leid führt. Der entwicklungspsychologische Verlauf der Identitätsfindung findet in der Regel von außen nach innen statt. Das erklärt, warum Jugendliche häufig auf ihr Aussehen fokussiert sind. Sie orientieren sich dabei am Mainstream ihrer Altersgruppe. Das bietet einen großen Markt für Verkäufer und Influencer. Statt Identitätsfindung kann der Jugendliche durch ungünstige Vorbilder in einen Identitätsverlust hinein schlittern.

Digitale Identitätsfindung: Ist das Öffnen von Instagram & Co also ein täglicher Lauf durch ein Trigger-Minenfeld?

Auch wenn unser laienhafter Blick dies mit „Ja“ beantworten möchte, gibt es keine wissenschaftlichen Beweise. Es zeichnet sich eine „Huhn-oder-Ei-Fragenkette“ ab:

  • Werden Teens tatsächlich durch die Nutzung von Instagram und Co depressiver, ängstlicher, stressanfälliger?
  • Leidet ihr Selbstwertgefühl?
  • Oder betrifft das „nur“ psychisch labile Jugendliche, denen es aus multifaktoriellen Gründen sowieso nicht gut geht?
  • Geht es Teens nicht gut, weil sie zu viel Zeit in sozialen Medien verbringen oder verbringen sie nur viel Zeit im Netz, weil es ihnen schlecht geht?

Fakt ist, es gibt zurzeit keine wissenschaftlich beweisbare Kausalität. Belegt ist bisher nur, dass ein hoher Konsum der digitalen Medien zu Schlafstörungen führen kann, was gesundheitlich allerdings auch alarmierend ist. Eindeutig ist, Instagram & Co sind Kommunikationswelten, die nun einmal zum Alltag der Jugendlichen gehören. Wenn junge Menschen nicht fest in sich verankert sind, kann das beschwerende Gepäck auf der Reise zu sich selbst sein. Gepäck, das sie von der Leichtigkeit des Augenblicks abschirmt und sie schlechtesten Falls in Sekunden haltlos in ein utopisches Vergleichssystem saugt.

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Yoga und die (digitale) Identitätsfindung

Wie kann Yoga die Jugendlichen dabei unterstützen, sich nicht von der rasanten Flut der digitalen Welt überrollen zu lassen?

Es ist schlüssig, dass der sich in der Pubertät schnell verändernde Körper, der zudem durch den Schulalltag und intensive Mediennutzung oft zu Bewegungsmangel neigt, von den Asanas profitiert und ein bewusst geführter Atem den Umgang mit Stress positiv unterstützt.

Chakras und Teenager  

Wenn wir einen Blick auf die Lehre der Chakras richten, sind das zweite Chakra „Sakralchakra“ (ca. 7.-14. Lebensjahr) und das dritte Chakra „Nabelchakra“ (ca. 15.-21. Lebensjahr) aktiv in diese Entwicklungsphase involviert. Die Yogapraxis bietet gezielt Asanas an, die diese Chakras in Balance bringen können. Für das zweite Chakra sind das zum Beispiel weiche, fließende Abfolgen und Hüftöffner. Das dritte Chakra wird unterstützt durch kräftigende Asanas, wie zum Beispiel Navasana und Trikonasana.

TIPP: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich Heranwachsende sehr für die Chakras interessieren, gerne ätherische Öle ausprobieren und die zugeordneten Heilsteine kennenlernen möchten. Esoterische Themen können inspirierende Anregungen sein. Aber man sollte als Yogalehrer von Jugendlichen sensibel mit Esoterik umgehen, weil junge Menschen vielleicht noch naiver auf Angebote ansprechen, die unseriöse Heilversprechen anbieten.

Yogaphilosophie in der modernen, digitalen Welt

Im Reizüberflutungsstrom der digitalen Welt sind ein stabiles Selbstwertgefühl und die Fähigkeit, vollkommen gegenwärtig zu sein, wirkungsvolle Anker. Eine altersgemäße und didaktisch interessante Einführung in die Yogaphilosophie kann ein wichtiger Boden für eine hohe Resilienz sein. Die Erkenntnis von Avidya (Unwissenheit) ermöglicht einen achtsamen und ungetrübten Umgang mit den Medien. Asmita (Ego) macht deutlich, dass Likes zwar das Ego streicheln, aber nicht die Antwort auf inneres Glück sind. Der Teenager wird erkennen, dass die Produktwerbung und die Inszenierung mancher Profile auf Raga (Begehren) abzielen. Devesha (Ablehnung) zu vermeiden, führt dazu, dass der Jugendliche an Cyber Mobbing nicht teilnimmt. Und FOMO (Fear of missing out) kann als ein Teilaspekt von Abhinivesha gesehen werden.

Das Üben des achtgliedrigen Pfades führt den jungen Menschen zu einem gegenwärtigen „Online sein mit sich selbst“. Wie wäre es zum Beispiel, wenn Tapas (Disziplin) zu einer kontrollierten Nutzung der Social-Media-Kanäle motiviert? Und wenn Svadhyaya (Selbstreflexion) vom Inszenieren wegführt, hin zu sich selbst? Der gesamte yogische Übungsweg fließt Richtung Samadhi. In diesem Zustand wird nichts mehr den inneren Frieden stören, auch kein vibrierendes Smartphone.

Yoga & Teens: Wie begeistere ich Jugendliche für Yoga?

Im Austausch mit Kollegen sowie Jugendlichen stellt sich heraus, dass manche Yoga-Kurse für Teens sich sehr nah am Konzept Kinderyoga orientieren und dementsprechend von den Jugendlichen als „kindlich“ und „albern“ empfunden werden. Andere Kurse wiederum setzen voraus, dass die Jugendlichen sich komplett ohne Hemmungen auf Yoga einlassen können, was Jugendliche oft als „peinlich“ und „uncool“ empfinden.

Ein Yogaunterricht für Jugendliche erfordert ein striktes vorurteilsfreies Einlassen auf die Welt des Jugendlichen und nicht umgekehrt. Nur so kann der Heranwachsende mit Geduld und Übung seinen inneren Kompass spüren und vertrauen. Ein guter Yogaunterricht für Jugendliche braucht einen feinfühligen, flexiblen und authentischen Lehrer mit solidem Hintergrundwissen, auch bezüglich der Entwicklungsaufgaben und der statistisch häufig auftretenden Risikoentwicklungen in dieser Lebensphase. Ich empfehle, den Unterricht mit den jungen Menschen gemeinsam zu gestalten. Besonders bei der Musikauswahl sollten die jungen Yogis komplett ihre Vorlieben einbringen dürfen.

Und bevor wir als Vertrauensperson (egal in welcher Rolle) Teens im eigen-verantwortlichen Umgang mit Instagram & Co fördern wollen, sollten wir unbedingt auch einen yogaphilosophischen Blick auf uns selbst werfen: Schon mal ein Foto in einer beeindruckenden Yogapose gepostet? Vielleicht sogar im Bikini? Und darunter Hashtags geschrieben wie: #beyourself #mindfulness #beinthenow? Auch wir können unsere Jugendlichen influencen – durch Integrität.

Yoga ist für jede Lebensphase ein bereichernder Übungsweg. Auch auch als erfahrener Yogi sollten wir uns immer wieder bewusst machen, dass es noch viel zu lernen und zu üben gibt. Das ist der Anfang für eine Welt mit viel mehr Herz – digital wie real.

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