In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Keuschheit ist in den asketischen Traditionen des Yoga ein zentraler Aspekt. Wie schwierig ist Brahmacharya und warum wird der enthaltsame Lebenswandel von vielen nach Erleuchtung Strebenden für sinnvoll oder gar notwendig erachtet?

 

„Ich spüre wirklich viel Energie und Elan und möchte etwas bewegen.“ Das sagt die 38-jährige Devani, Mitarbeiterin bei Yoga Vidya in Bad Meinberg, mit so viel Frische und Freude in der Stimme, als hätte sie gerade drei Wochen Urlaub hinter sich. Ihre Tatkraft setzt Devani dazu ein, möglichst vielen Menschen die Wohltaten des Yoga näherzubringen. „Es ist einfach toll, Yogaschüler zu unterrichten und Vorträge zu halten.“ Und das macht sie von morgens bis abends. „Ich schlafe Nachts nur fünf Stunden“, sagt sie, denn neben dem Unterrichten und den Yogalehrerausbildungen kümmert sie sich auch noch als Bereichsleiterin um den Unterrichtsbetrieb, die Seminarplanung, die Ausbildungsorganisation und das Kinderbetreuungsteam. Und dann findet sie auch noch Zeit für das Studium der alten Yoga-Schriften. Was Devani so beflügelt, ist ihr Leben als Brahmacharini. Das äußerliche Merkmal ist ihre gelbe Kleidung. Während die meisten Yogalehrer bei Yoga Vidya im Unterricht ein gelbes T-Shirt tragen, trägt Devani von Kopf bis Fuß Gelb. Auch wenn ihr Äußerlichkeiten nichts bedeuten, kann so doch jeder sehen, dass sie es auf dem spirituellen Weg sehr ernst meint, und sie weltliche Begierden hinter sich gelassen hat. Allerdings wirkt Devani keineswegs wie eine weltabgewannte Nonne, denn sie strahlt viel Lebendigkeit und Fröhlichkeit aus.

Als Brahmacharini hat sie sich verpflichtet, mindestens sieben Jahre in Brahmacharya zu leben. Brahmacharya bedeutet wörtlich „Wandeln in Brahman“; gemeint ist eine Verhaltensweise, die zu Brahman führt. In der Hindu-Mythologie ist Brahman das höchste Wesen, der universelle Geist, der über und hinter allen Dingen, auch den Göttern, wirkt. Brahmacharya bedeutet vor allem auch sexuelle Enthaltsamkeit, Keuschheit und Ehelosigkeit. Zusätzlich soll die Abhängigkeit von sinnlichen Genüssen abgelegt werden. Ein Brahmachari lebt auch in Bezug auf Essen und Konsum äußerst bescheiden. Natürlich isst er/sie kein Fleisch. Und wenn man sich immer nur gelb kleidet, braucht man sich über modisches Styling keine Gedanken zu machen. Ohne Lebenspartner und Familie entfallen auch all die Konflikte und Kompromisse, die der Beziehungs- und Familienalltag mit sich bringt. Das spart viel Zeit und Energie, die der Brahmachari oder die Brahmacharini dann für die spirituelle Praxis und den Dienst an den Menschen, den Karma-Yoga, zur Verfügung hat.

Devani macht wenig Aufhebens um ihre Person. So trägt sie auch keine Mala auf ihrem gelben Gewand. „Es ist eine westliche Sache, sich die Malas um den Hals zu hängen.“ Traditionellerweise würde die Mala für andere unsichtbar in einem Stoffbeutel mitgeführt und nur für die Wiederholung des eigenen und des Gayatri-Mantras benutzt, eine Übung, die sie ebenfalls täglich praktiziert. Auch um ihre Brahmacharya-Weihe, die im Dezember 2010 im Yoga-Vidya-Ashram an der Nordsee stattgefunden hat, macht sie kein großes Tamtam. „Die Weihe ist vorbei, warum an vergangenen Gefühlen und Erfahrungen hängen?“ sagt sie. Aber immerhin erzählt sie dann doch noch, dass bei der Weihe eine Homa-Zeremonie, ein indisches Feuerritual, durchgeführt wurde, ähnlich wie es schon in den Veden beschrieben sei. Danach ging die frisch-geweihte Brahmacharini für etwa zwanzig Minuten alleine in die Stille. Anschließend folgte nicht etwa eine große Feier, sondern das „ganz normale Ashram-Leben“ mit Satsang, Meditation, Mantra-Singen, Arati (Lichtzeremonie) und Prasad (heilige Speise). Und das sei auch gut so, denn Brahmacharya sei nichts Außergewöhnliches oder Besseres, sondern eine ganz normale Sache. „Brahmacharya ist einfach eine Art und Weise mit einer konstanten inneren Ausrichtung an das göttliche Prinzip zu leben und es durch sich hindurch wirken zu lassen“, sagt sie.

Brahmacharya im Yogasutra und in der Tradition
Im Yoga-Sutra des Patanjali, einer der Hauptschriften der Yogaphilosophie, stellt Brahmacharya einen der fünf Yamas (=ethische Verhaltensregeln, die erste Stufe des achtgliedrigen Pfades) dar. „Wenn Brahmacharya fest begründet ist, wird kraftvolle Vitalität erlangt”, so heißt es im Yoga-Sutra II,38. Die Enthaltsamkeit soll dabei helfen, die sexuelle Energie in spirituelle Energie zu verwandeln und damit eine höhere Form der Freude, Ananda, zu erreichen und am Ende die vollkommene Befreiung zu erlangen. Die strikten Anweisungen in einigen Yogaschriften waren für Mönche, Einsiedler oder Menschen bestimmt, die sehr intensiv Yoga übten. Auch in anderen religiösen Traditionen wie Christentum, Buddhismus, Jainismus, Daoismus haben sich, meinst in den Jahrhunderten um Christi Geburt, Mönchsorden entwickelt, die nach asketischen Regeln lebten und natürlich auch sexuelle Enthaltsamkeit praktizierten.

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In Indien sollen die ersten asketischen Bewegungen schon 1500 Jahre vor Christus aufgetreten sein. Bis dahin war als ideales und typisches religiöses Lebensmodell das eines verheirateten Haushaltvorstandes vorgeschrieben. Nach der vedischen Theologie bestanden die religiösen Pflichten des „Householders“ darin, Opfer zu bringen und Kinder zu zeugen. Das Opfer und die Fortpflanzung wurden damals als Grundlage für Schöpferkraft und Unsterblichkeit angesehen. Und nun gab es plötzlich immer mehr Asketen, die ein weltabgewandtes Leben führten, sich in den Wald oder eine Höhle zurückzogen oder als wandernde Bettelmönche, Sadhus, unterwegs waren und sich um einen Guru, einen spirituellen Lehrer, scharten. Ein Sadhu legt ein Gelübde ab, das neben sexueller Enthaltsamkeit oft auch Heimatlosigkeit, Armut, Fasten und völlige Bedürfnislosigkeit verlangt. Einige Sadhus dürfen keine sozialen Kontakte pflegen, halten sich nie lange an einem Ort auf und leben von dem, was sie von ihren Mitmenschen erhalten. Manche von ihnen fallen durch bizarres Verhalten auf, durch extreme Formen der Askese und Selbstkasteiung, andere sind für ihren Rauschgiftkonsum bekannt. Die ersten großen Hindu-Klöster wurden im achten Jahrhundert unter Shankara, dem großen Hindu-Philosophen, gegründet, der den Hinduismus gegenüber dem wachsenden Buddhismus stärken wollte. Die dort lebenden Samnyasins, die Entsagenden, folgen noch heute der Askese, suchen spirituelle Befreiung, studieren und lehren die heiligen Schriften.

Der enorme Erfolg der asketischen religiösen Bewegung in Indien führte später dazu, dass das Konzept von Brahmacharya in den vedischen Hinduismus integriert wurde. Im System der Ashramas, der vier Lebensstadien des Menschen, steht Brahmacharya für die Zeit des Lernens (12 bis 20 oder 25 Jahre) als Schüler bei einem Guru oder spirituellen Lehrer. Daran schließt Grhastha an, das Stadium des Familienvaters mit all seinen Pflichten. Ab ca. 50 Jahren folgt das Stadium des Vanaprastha (wörtl.: „im Wald lebend“), in dem der Familienvater sein Heim verlässt und sich allein oder mit seiner Ehefrau auf die spirituelle Suche in die Einsamkeit begibt. Mit 70 beginnt die letzte Phase, Samnyasa, in der er dann endgültig alle Bindungen hinter sich lässt und nur noch nach Befreiung, Moksha, strebt. Außer in der zweiten Phase, in der Sexualität am besten nur zum Zeugen von Kindern praktiziert werden soll, ist in den restlichen drei Lebensphasen das Üben von Brahmacharya essenziell. Mahatma Gandhi zum Beispiel übte nicht nur Ahimsa (Gewaltlosigkeit), sondern auch Brahmacharya, und das, obwohl er mit seiner Frau bis zu deren Tod weiterhin zusammenlebte.  

 

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