Ken Wilber, der für seine integrale Sichtweise bekannt ist, hat bereits 2015 ein umfangreiches weiteres Werk vorgelegt, das jetzt auch auf Deutsch erschienen ist. Wesentliches Anliegen ist es, zwei Sichtweisen zusammenzuführen, die erst in der Zusammenschau ein vollständiges Bild der Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen bieten: Zustände des Bewusstseins – Wachen, Träumen, Tiefschlaf, reines Gewahrsein oder Zeugenbewusstsein und absolutes, non-duales Bewusstsein – müssen von Strukturen des Bewusstseins unterschieden werden, wie sie schon Jean Gebser beschrieben hat, die phylogenetisch wie ontogenetisch durchlaufen werden müssen – von der archaischen Stufe über die animistische, magische, mythische, rationale, pluralistische bis zur integralen und superintegralen Stufe. Innerhalb dieses Zustands- und Strukturraums – Wilber nennt seine Metatheorie AQAL: All Quadrants, All Levels – den Achsen des Erwachens und Erwachsens, sind nahezu unbegrenzte Kombinationen der Verortung möglich, die nicht nur die unterschiedlichsten Bereiche und Kompetenzen – kognitiv, emotional, moralisch, spirituell – sondern auch Lebensbereiche – Medizin, Pädagogik, Religionswissenschaft, Politik, Wissenschaften, Wirtschaft, Ökologie u.a. – umfassen. Bildlich gesprochen, entsprechen Strukturen dem selbst unsichtbaren Fensterglas, durch das hindurch Wahrnehmungen und Erfahrungen gemacht und interpretiert werden. Während Zustände seit Jahrtausenden introspektiv erfahren wurden, haben sich Strukturen evolutionär entwickelt und wurden als solche erst in den letzten einhundert Jahren überhaupt entdeckt. Strukturen bestimmen und ermöglichen, wie Erfahrungen interpretiert werden. Fixierungen sind in Teilbereichen und auf unterschiedlichen Stufen möglich. Nur dieses Wissen ermöglicht es, andere in ihrer Andersheit zu verstehen und angemessen mit ihnen zu kommunizieren. Jede Stufe überschreitet die vorhergehende, hebt sie auf und macht sie als solche zum Objekt. Der Horizont weitet sich, der Überblick wächst. Die integrale Stufe ist – wie alle vorhergehenden auch – den früheren zudem darin überlegen, den Fortschritt der Wissenschaften in sich aufgenommen zu haben. Hegels Sprachspiel der „Aufhebung“ entspricht sehr genau dieser modernen Phänomenologie des Geistes, mit der Wilber der Vielzahl an Theorien keineswegs eine weitere hinzufügen will. Seine Metatheorie ist der Spiegel, in dem wir uns – die Menschheit, aber auch jeder einzelne sich selbst – erblicken können und die uns als Ausgangspunkt für die lebenslange Arbeit an uns dienen soll. Ein Arbeits- und Übungsbuch, das nicht nur fundierte Einblicke in zahlreiche Religionen und spirituelle Traditionen gewährt, sondern Anleitung zur Selbsterkenntnis und Selbstentwicklung sein will.
Ken Wilber: Die Religion von Morgen. Eine Vision für die Zukunft der religiösen Traditionen. Phänomen-Verlag, 2024