Nein – Yogis werden nicht als Yogis geboren. Fangen wir also mal ganz von vorne an: Als kleiner, unschuldiger Same werden wir in irgendeine Erde gesteckt. Manche ein wenig tiefer, manche näher an der Oberfläche. Die einen in Humuserde voll mit Mineralien, und andere in eine eher karge, vielleicht sogar steinige Erde. Da sitz man dann und wartet auf das Keimen und Wachsen eines Selbst. Das Keimen und Wachsen wird vom Wasser und Licht gesteuert. Diese Nahrung könnte vergleichbar sein mit Liebe, Zuneigung, Aufmerksamkeit, Erziehung, Verstehen, Trost usw. – ein paar der wichtigsten Nährstoffe beim Heranwachsen. Kommt ganz darauf an, wie viel und in welcher Phase des Wachstums wir damit genährt werden. So wachsen unser Sein und unser Körper heran.  Vielleicht bekommen wir in wichtigen Phasen auch zu wenig davon und lernen bzw. werden es gewohnt mit weniger Energie auszukommen. Wir passen uns an.

Wie auch immer, wachsen wird dieser Same. Es entsteht eine kleine, verletzliche Pflanze, welches ihr Bestes gibt, groß und stark zu werden. Weiterhin spielen Wasser und Licht eine große Rolle. Auch die Erde, in der man zu Hause ist, prägt das Gedeihen. Bald beginnt eine Zeit, wo das noch weiche und biegsame Ding zurechtgestutzt wird. Ein Schnitt hier, eine Verletzung da, mal vergessen zu gießen, mal kommt einfach keine Sonne durch und trotzdem wird es wachsen – genau mit dem was es bekommen hat. Sprich: Man erlebt Schicksale, vielleicht sogar Unfälle oder Krankheiten, die die Körperstruktur beeinflussen und prägen. Wir gewöhnen uns daran, mit weniger Licht auszukommen.

Und da sind wir dann – als erwachsene Menschen. Manche von uns kennen keinen klaren Sonnenschein, in dem man sich entspannen kann. Manche kennen auch kein kristallklares Wasser. Sondern haben sich immer irgendwie den Weg aus der Erde nach oben freischaufeln müssen, mit mehr oder weniger Nahrung für Körper und Seele. Ein Leben, welches sich gern und oft in Einschränkungen des Körpers oder der Psyche spiegelt.

 

Vieles, was uns ausmacht, ist unsichtbar

Doch was hat das mit unserer Yogapraxis zu tun? Ziemlich viel. Nehmen wir an eine Pflanze – hoch und stark gewachsen – hat alles bekommen was sie braucht, um gesund und widerstandsfähig zu werden. Sie protzt und strahlt vor Kraft. Solch eine Pflanze wird sich als Yoga-Übender kaum Gedanken machen müssen, was es heißt, anspruchsvolle Asanas zu praktizieren. Mit Übung und Konsequenz werden die Haltungen sicher bald erreicht werden. Und wahrscheinlich geht dann auch noch mehr. Mehr von dem, was einen stolz macht. Mehr von dem, das unglaublich toll aussieht. Mehr von dem, was einen oft entfernt von der eigenen natürlichen Praxis; der Praxis mit sich verbunden zu sein.

Was ich damit sagen möchte ist, dass ein jeder Mensch, der mit stärkeren körperlichen oder psychischen Einschränkungen zu tun hat, auf eine meist weitaus intensivere Yogareise geschickt wird. Denn es reicht nicht eine Haltung zu können. Nein, es heißt, sich Tag für Tag mit seinem Körper und seinem Alltag auseinander zu setzen. Zum Beispiel haben viele von uns mit emotionalen Druck und Stress dauerhaft zu tun – weil sie nichts anderes gelernt haben als kleine Pflanze. Ohne Selbstreflektion und Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit wird sich das Gleiche immer und immer wiederholen. Und sei es zu versuchen, endlich das Grübeln zu reduzieren; zu sehen, was man auch mit wenig Licht gemeistert hat. Aber das bleibt auf der Matte verborgen. Keiner sieht es, keiner riecht es, keiner hört es. Es ist intim. Jeder, der sich auf die Suche nach einem tieferen Sinn des Lebens macht, wird nur selbst von Asana zu Asana mehr erkennen, wo die eigentlichen Grenzen liegen – ganz individuell. Wir wissen als Lehrer und auch als Schüler meist nicht, wer von den anderen Übenden schwierige Schicksale, Leid und Traumen oder Ähnliches erlebt hat.

Meist wird der so kraftvolle und biegsame Yogi gelobt, geschätzt, bewundert und auch geliked. Wo bleiben die Likes für die Yogis, die sich aus dem tiefen Schlamm empor heben? Die, die tagtäglich mit Schmerzen oder Depressionen zu kämpfen haben und trotzdem auf die Matte steigen und in ihrem Ausmaß zu praktizieren? Wir brauchen mehr Lehrer, die genügend Erfahrung und Feingefühl dafür mitbringen. Nein, es muss nicht immer unbedingt ein Yogatherapeut sein. Bei den unzähligen Lehrerangeboten und Ausbildungen sollte es zu den Grundlagen gehören, erkennen zu lernen, wie man eine Gruppe von einerseits gesunden, leistungsorientierten und andererseits schwächeren, bedürftigen Schülern zusammen hält – ohne den einen oder anderen zu verletzen. Denn im Grunde wird diese Mischung an Schülern immer wieder auftreten. Im Äußeren wie im Inneren.

 

Es geht nicht darum, im Außen zu glänzen

Oft mangelt es an Akzeptanz für die Individualität des Schülers. Auch dem Schüler fehlt es oft das Wissen, dass es nicht darum geht, zu glänzen und zu strotzen vor Kraft. Denn diese Kraft ist meist nur äußerlicher Natur. Man kann auch mit einem nicht perfekten Körper kraftvoll und kreativ üben, passende Alternativen anbieten, so dass jeder sein „Limit“ erfahren kann – ohne es ständig zu überschreiten und mehr zu wollen. Jedes einzelne Mal, wenn wir einen Muskelkater mit nach Hause bringen anstatt die Leichtigkeit des Seins, laufen wir Gefahr den Fluss immer noch mehr zu verstopfen, Meridianen ihre Kraft zu nehmen und unser Ego voran zu treiben.

Manche von uns haben schon seit von klein auf mit vielen körperlichen Einschränkungen zu tun – was es nicht gerade einfach macht, dem Trend von Leistung und Können auf der Yogamatte standzuhalten. Dieser “Schein” wird immer wieder hoch bewertet. Es kann nicht sein, dass alles was zählt, ist, der ganzen Welt mitzuteilen, wo man praktiziert, bei wem, wie lange, wie intensiv. Viele Handicaps bleiben deshalb oft verborgen und unausgesprochen.

Ich bin nicht als Yogi geboren. Ich muss und darf aufgrund meiner Geschichte extrem achtsam und vorsichtig sein. Als Schüler roll ich mich in Balasana, wenn mein Körper keine mehr Kraft hat – auch wenn ich in der ersten Reihe übe und jeder weiß ich bin ein Lehrer. Ich schäme mich nicht dafür, nein. Ich bin froh und stolz endlich so weit zu sein, um offen mit meinem Handicap umzugehen. Mein Weg durch die Erde war ja auch ein wenig anders. Das Schneiden meiner Äste und Blätter, das oft mangelnde Licht waren wegweisend für mein Leben und auch für meine Yogapraxis und Tätigkeit als Yogalehrer. Mein Fazit: Ich lerne unglaublich viel von meinen körperlichen Einschränkungen – und kann meine Erfahrungen hoffentlich authentisch weitergeben.

 

 

IMG_5786Gast-Bloggerin Doris Schernthaner kam schmerzbedingt mit 15 Jahren zum Yoga und hat sich früh für den Sinn des Lebens und Leidens interessiert. Sie hat Ausbildungen im klassischen Hatha Yoga, Vinyasa Flow, Pre- und Postnatal Yoga, Yin Yoga sowie Workshops und Retreats für Meditation und Philosophie besucht. Zudem arbeitet Doris mit tibetischen Klangschalen. Die Ausbildung „Touch for Health“ aus der Kinesiologie verhalf ihr zu einer erweiterten Sicht auf die Meridiane und Muskeln, die Struktur und die Energieströme des Körpers sowie die emotionalen Hintergründe für Spannungen und Unwohlsein. Sie lebt mit ihren zwei Kindern in Tirol und unterrichtet seit 2006 im Raum Innsbruck und Umgebung.
www.yogamobil.at

 

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1 Kommentar

  1. Liebe Doris, ich danke dir für deinen wunderbaren Beitrag, der mich zu Tränen rührt, wie ich gerade merke 😉 Ich gehöre auch zu den Lehrern und jahrelang Praktizierenden, die trotz allem Wissen nach wie vor morgens manchmal auf der Matte weint. Weil ich einfach nicht weiß wohin mit meinem schmerzenden, schiefen Körper und mit meinen selbstzerstörenden Gedanken, die sich partout nicht durch „Einatmen-Ausatmen“ ersetzten lassen wollen. Und trotzdem gehe ich jeden morgen auf meine Matte – den Ort, an dem all das da sein darf. An dem ich weinen darf, wütend sein darf, mich ausruhen darf, um immer wieder und wieder aufzustehen.
    DANKE DIR