Wahrhaftig zu bleiben in einer Welt voller Täuschungen – das ist eine große Herausforderung. Doch es ist möglich. Und zwar dann, wenn wir uns selbst treu bleiben.
„Sag mir, wer du bist!“
Diese Frage stellten mir verschiedene Teilnehmende des sogenannten Enlightenment Intensive, einem spirituellen Retreat, in dem es darum geht, die eigene tiefste innere Wahrheit zu erkennen. Zwölf Tage lang – von morgens 6 Uhr bis abends 22 Uhr – erforschten wir diese Frage. Die Antworten waren tief berührend, beruhigend und stärkend.
Diese Retreatform wurde von Osho entwickelt. Man sitzt sich dabei in Dyaden gegenüber. Eine Person stellt die Frage: „Sag mir, wer du bist.“ Die zweite Person kontempliert über diese Frage und spricht darüber, was ihr bewusst geworden ist. Die fragende Person ist einfach nur präsent und hört zu – sie dient als eine Art Spiegel.
Während des gesamten Retreats dürfen sich alle Teilnehmenden nicht schminken oder parfümieren, und die Männer dürfen sich nicht rasieren. Wir zeigen uns pur. So, wie wir sind.
Ein solches Retreat gefällt mir sehr gut. Es lädt uns ein, uns wirklich zu zeigen – vor uns selbst und vor anderen. Diese radikale Ehrlichkeit unterstützt uns darin, uns in der Tiefe bewusst zu werden, wer wir sind. Was für ein Geschenk, wenn wir diese innere Wahrheit erfahren dürfen.
Leider beobachten wir in den letzten Jahren eine Entwicklung, die diesem Ansatz entgegensteht: Durch soziale Medien, Schönheitsoperationen, Fake-Accounts und eine allgegenwärtige Oberflächlichkeit – die inzwischen sogar in Yogaretreats Einzug hält – entfernen sich viele Menschen zunehmend von ihrem wahren Selbst: dem unsterblichen Kern, der frei von Anhaftung, Täuschung und Illusion ist.
Auch in den meisten Yogaausbildungen spielt dieser Kern kaum noch eine wesentliche Rolle. Lehrende und Teilnehmende konzentrieren sich häufig fast ausschließlich auf die Asana-Praxis und bemühen sich, eine möglichst gute Figur zu machen – und sich nicht nur auf der Matte oberflächlich in Szene zu setzen. Die Ausrichtung auf eine innere Erfahrung geht dabei zunehmend verloren.
Die Gefahr der Täuschung
Gesellschaftliche Trends wie Botox, retuschierte Fotos und die ständige Selbstpräsentation in den sozialen Medien verstärken diese Entwicklung maßgeblich. Sie sind Ausdruck einer tiefen Sehnsucht nach äußerer Anerkennung. Erschreckend ist dabei, wie unreflektiert viele Menschen den gesundheitlichen Preis dafür in Kauf nehmen.
Eine Ärztin bot einer 25-jährigen, sehr attraktiven Teilnehmerin meiner Kurse an, ihr Botox zu spritzen. Die junge Frau lehnte zum Glück ab. Andere Frauen allerdings – das weiß ich aus Gesprächen – haben sich darauf eingelassen und lassen sich seither regelmäßig das Nervengift injizieren, nur um faltenlos zu erscheinen. Dabei verweisen sie gerne auf ihre Yogapraxis und ihre vegane Ernährung.
Doch die Abhängigkeit von Likes und Followern als Maßstab für das eigene Wohlbefinden ist letztlich ein Zeichen innerer Leere – ein Versuch, über äußere Veränderungen etwas zu kompensieren, das im Inneren fehlt.
Auch in anderen spirituellen Traditionen zeigt sich diese zunehmende Oberflächlichkeit, wenn es mehr um das äußere Erscheinungsbild, um Klicks und Verkaufszahlen geht als um die tatsächliche innere Erfahrung. Diese Entwicklungen führen uns immer weiter weg von unserem wahren Selbst – dem Teil in uns, der unvergänglich und frei ist.
Mara und die Kraft der Ablenkung
Oft denke ich an Mara – das buddhistische Sinnbild für Versuchung und Ablenkung –, wenn ich mich selbst dabei ertappe, mich von Trends, äußeren Eindrücken oder auch von Menschen und Umständen blenden zu lassen, die mir jenseits des Internets zunächst ein Gefühl von Nähe, Anerkennung oder Dazugehörigkeit vermitteln. Wird mir dann – mal früher, mal später – bewusst, wem oder was ich da gerade auf den Leim gegangen bin, erinnere ich mich an die alten buddhistischen Geschichten über Mara, der versuchte, den Buddha von seiner Erleuchtung abzuhalten.
Mara konfrontierte ihn mit den schönsten Frauen und den schrecklichsten Szenarien, um ihn von seiner finalen Erkenntnis abzulenken, die er schließlich unter dem Bodhi-Baum erlangte. Doch jedes Mal, wenn Mara versuchte, ihn zu täuschen, erkannte der Buddha ihn und sprach: „Mara, ich sehe dich!“ Damit zeigte er, dass er sich nicht länger von Illusionen beeinflussen ließ. Als Zeichen seiner Klarheit fügte der Buddha hinzu: „Die Erde ist mein Zeuge.“
Diese zutiefst geerdete Haltung der Klarheit und des bewussten Wahrnehmens ist auch heute eine wertvolle Orientierung, um sich auf dem spirituellen Weg nicht zu verlieren. Denn in einer Welt voller virtueller Ablenkungen – die in Zeiten der KI ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht – ist es entscheidend, die Kräfte zu erkennen, die uns vom wahren Selbst ablenken.
Die fünf Werkzeuge Maras
Unter den vielen Kräften oder Ablenkungen Maras, die ich gerne als seine „Werkzeuge“ bezeichne, werden im Buddhismus traditionell fünf als besonders bedeutsam beschrieben:
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Sinnliches Verlangen
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Wut
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Trägheit und Lethargie
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Ängstlichkeit und Sorge
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Zweifel
Diese Hindernisse beeinflussen uns oft stärker, als uns bewusst ist. Wenn du dir diese fünf Punkte einmal in Ruhe anschaust, kann es sehr hilfreich sein, über einen längeren Zeitraum zu beobachten, welche dieser Kräfte besonders stark durch dich wirken. Eine solche Reflexionsübung – regelmäßig ausgeführt – ist eine wertvolle Unterstützung auf dem Weg zu mehr innerer Klarheit.
Der Weg zur Authentizität durch Bewusstheit
Meiner Erfahrung nach kann ich diese Hindernisse nur dann bewusst erkennen und ihnen mit Klarheit begegnen, wenn ich innerlich Abstand zu ihnen gewinne. Reflexionsübungen oder Meditationen helfen mir persönlich besonders dabei. Denn erst, wenn ich einen Schritt zurücktrete, erkenne ich meine Sehnsüchte, meine Tendenzen zu Anhaftung und Ablehnung. Je nachdem, wie geschickt sich Mara verkleidet und mir in dieser Verkleidung erscheint, braucht es manchmal etwas länger, bis ich ihn entlarve.
Wenn ich mir dieser inneren Kräfte bewusst werde, kann ich sie nicht nur beobachten, sondern auch transzendieren. Das bedeutet, die Illusionen zu durchschauen, die mich täuschen – um dahinter mein wahres Selbst zu erkennen: das unsterbliche Licht, das in jedem von uns leuchtet.
Dieser Prozess ist kein leichter. Nach meiner Erfahrung braucht es immer wieder eine bewusste Entscheidung: den Wunsch, Schritt für Schritt mehr in dieses Selbst einzutauchen; mehr und mehr zu diesem inneren Licht zu werden. Denn nur wenn dieses Licht stark genug scheint, erkenne ich, dass Mara sich ebenso in einer erotischen Beziehung, einem einfühlsamen KI-Dialog oder einem scheinbar spirituellen Lehrer verbergen kann.