Mit zunehmenden Lebensjahren zeigt sich bei uns allen früher oder später eine leise Wahrnehmung, dass der eigene Körper sich verändert und die Zeit in dieser Daseinsform hier begrenzt ist. Die Haut wird faltiger, das Haar beginnt zu ergrauen, die Augen sehen schlechter. Auch wenn wir uns theoretisch mit dieser Tatsache schon lange auseinandergesetzt haben, weil wir die alten yogischen Schriften während einer Yogalehrerausbildung studiert haben oder über das Alter meditiert haben, so ist es doch immer wieder ein großer Unterschied, ob wir etwas lesen oder am eigenen Leib erfahren.
Aus yogischer Sicht ist die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit kein Grund zur Resignation. Sie gilt eher als ein Weckruf, die eigene Zeit hier auf Erden bewusst zu nutzen. Sie fordert uns sogar auf, die eigene Wiedergeburt als großes Geschenk des Lebens an uns zu betrachten und die Zeit nicht sinnlos mit Konsum und Ablenkung zu vergeuden.
Darüber hinaus unterscheidet der Yoga zwischen dem Vergänglichen und dem Unsterblichen. Während der Körper altert, bleibt das innere Selbst, der Atman, vom Tod unberührt. Die Bhagavadgita beschreibt es als das, was weder geboren wird noch stirbt. Der Körper ist lediglich etwas, das wir am Ende des Lebens wie ein altes Kleidungsstück ablegen. Deshalb markiert der Tod kein Ende, sondern einen Übergang in eine neue Daseinsform innerhalb des Kreislaufs von Samsara.
Mich persönlich inspiriert diese Sichtweise immer wieder dahingehend, mein Leben bewusst zu leben. Nicht aus Angst vor dem Ende, sondern aus Wertschätzung für die Möglichkeit, in dieser Inkarnation, hier und jetzt, den yogischen Werten entsprechend zu leben, meine Lektionen zu lernen, zu reifen und mein Bewusstsein in ein Wissen der Verbundenheit mit allem zu entfalten und zu vertiefen.
Endlichkeit des Körpers – Kontinuität des Selbst
Sowohl die Bhagavadgita als auch Patanjalis Yogasutra und Buddhas Vier Edle Wahrheiten erklären, dass wir leiden, weil wir zu sehr mit dem identifiziert sind, was sich permanent verändert und der Sterblichkeit unterworfen ist.
Wenn wir im Laufe unseres Lebens irgendwann ein tieferes Bewusstsein dafür entwickeln, dass wir sterben werden, dann können Fragen über den eigenen Lebenssinn noch einmal bewusster auftauchen. Forschungen haben gezeigt, dass diese Fragen ab dem 50. Lebensjahr noch einmal tiefer an Bedeutung gewinnen.
Und vielleicht hast auch du selbst an einem runden Geburtstag wie dem 50. oder 60. Geburtstag realisiert, dass folgende Fragen drängender werden: Habe ich mein Leben stimmig gelebt? Habe ich meine Wahrheit ernst genommen?
Der Yoga lädt dazu ein, diesen Fragen mit Milde zu begegnen und dich nicht schuldig zu fühlen, wenn du nicht alle Fragen mit einem klaren Ja beantworten kannst. Jede Lebensphase bringt eigene Aufgaben mit sich. Nichts ist umsonst gelebt, jede Erfahrung prägt das Bewusstsein auch über dieses Leben hinaus. Und, das ist meine persönliche Meinung, wir tun immer zu jeder Zeit unser Bestes, dem jeweiligen Bewusstseinszustand entsprechend.
Sobald du das Bewusstsein für die Kostbarkeit dieser Inkarnation entwickelt hast, bist du eingeladen, achtsam zu denken, zu leben und zu handeln, ohne dich an Ergebnisse zu binden und auf besonders gute Früchte zu hoffen. So lehrt es uns zumindest die Bhagavadgita.
Den Körper achtsam begleiten
Dass dein Körper währenddessen altert, sollte dich nicht hindern, sondern du kannst auch dies als eine yogische Übungspraxis betrachten. Mit zunehmendem Alter verändert sich der Zugang zum Körper, und auch seine Bedürfnisse verändern sich. Dann sind weniger Ehrgeiz, mehr Wahrnehmung und noch mehr Achtsamkeit angesagt. Asanas dienen nun vor allem dazu, Beweglichkeit zu erhalten, den Energiefluss zu unterstützen, innere Präsenz zu fördern und die innere und äußere Balance aufrechtzuerhalten.
Folgende einfache Übungen können dich dabei unterstützen.
Tadasana – Berghaltung
- Stell dich hüftbreit hin, die Füße parallel. Verlagere das Gewicht gleichmäßig auf beide Fußsohlen. Lass die Knie weich, das Becken sinkt schwer nach unten. Heb sanft den Brustkorb, ohne ins Hohlkreuz zu fallen. Die Schultern gleiten nach hinten und unten, der Nacken bleibt lang. Spür die Aufrichtung von den Füßen bis zum Scheitel. Atme ruhig durch die Nase und versuch vollkommen in die Präsenz des gegenwärtigen Moments zu kommen.
- Wirkung: Fördert Standfestigkeit, Körperbewusstsein und innere Sammlung.
Marjaryasana/Bitilasana – Katze/Kuh
- Komm in den Vierfüßlerstand, Hände unter den Schultern, Knie unter den Hüften. Mit der Einatmung senkst du den Bauch, hebst Brust und Blick leicht an (Kuh). Mit der Ausatmung rundest du den Rücken, ziehst das Kinn zur Brust (Katze). Beweg dich langsam im Rhythmus deines Atems.
- Wirkung: Mobilisiert die Wirbelsäule, verbindet Atem und Bewegung, wirkt regulierend auf das Nervensystem.
Supta Baddha Konasana – liegende Schmetterlingshaltung
- Leg dich auf den Rücken. Die Fußsohlen berühren sich, die Knie sinken nach außen. Unterstütz sie bei Bedarf mit Kissen oder Decken. Leg eine Hand auf den Bauch, die andere auf das Herz. Lass den Atem frei fließen.
- Wirkung: Fördert Entspannung, öffnet sanft den Becken- und Herzraum.
Atem und Geist in Einklang bringen
Im Yogasutra wird Pranayama als Brücke zwischen Körper und Geist beschrieben. Ein ruhiger Atem beruhigt die Gedanken und schafft innere Weite.
Verlängerte Ausatmung
- Setz dich bequem hin oder leg dich auf den Rücken. Atme vier Sekunden lang ein und sechs Sekunden lang aus. Wenn sich das angenehm anfühlt, bleib mehrere Minuten bei diesem Rhythmus.
- Wirkung: Beruhigt das Nervensystem, reduziert innere Unruhe, fördert Gelassenheit.
Nadi-Shodhana – Wechselatmung
- Setz dich aufrecht hin. Schließ mit dem rechten Daumen das rechte Nasenloch und atme links ein. Schließ dann links, öffne rechts und atme aus. Atme rechts ein, wechsle und atme links aus. Üb ohne Atemanhalten, ruhig und gleichmäßig.
- Wirkung: Ausgleichend für Körper und Geist, fördert Klarheit und Konzentration.
Inneren Wandel zulassen
Yoga beschreibt Vairagya, das Nicht-Anhaften, als wichtige Qualität auf dem Weg. Älterwerden bedeutet, dass sich Prioritäten verändern. Manche Wünsche verlieren an Bedeutung, andere treten deutlicher hervor. Wandel anzunehmen, bedeutet nicht aufzugeben, sondern tiefer zu verstehen und gehen zu lassen, was nicht mehr von Bedeutung ist.
Balasana – Kindhaltung
- Komm in den Fersensitz, beug dich nach vorne. Leg den Oberkörper auf die Oberschenkel oder auf ein Kissen. Die Stirn ruht auf dem Boden oder auf einer Unterlage. Die Arme liegen entspannt neben dem Körper oder nach vorne ausgestreckt.
- Wirkung: Fördert Rückzug, Selbstwahrnehmung und emotionale Beruhigung.
Sitzmeditation mit Atembeobachtung
- Setz dich bequem hin, die Wirbelsäule aufgerichtet. Richte deine Aufmerksamkeit auf den natürlichen Atemfluss. Gedanken dürfen kommen und gehen, ohne dass du ihnen folgst.
- Wirkung: Schult Achtsamkeit, unterstützt innere Klarheit und Akzeptanz.
Beziehungen im Wandel
Beziehungen verändern sich, auch das gehört zum Kreislauf des Lebens. Yoga lehrt Ahimsa, Gewaltlosigkeit. Sie schließt mitfühlenden Umgang mit dir selbst und anderen ein. Sie möchte dich einladen, jene Beziehungen gehen zu lassen, die sich vollendet haben. Sie möchte dich auch inspirieren, in Frieden auseinanderzugehen, anstatt im Streit weiterhin zusammenzuleben aus Angst vor Veränderung oder dem Alleinsein.
Metta-Meditation – liebende Güte
- Setz dich ruhig hin. Beginn mit dir selbst und wiederhole innerlich Sätze wie: Möge ich gesund sein. Möge ich in Frieden leben. Weite diese Wünsche dann auf andere Menschen aus.
- Wirkung: Fördert Mitgefühl, emotionale Offenheit und innere Verbundenheit.
Sanfte Herzöffnung im Liegen
- Leg dich auf den Rücken und platziere ein Bolster oder eine gerollte Decke längs unter der Wirbelsäule. Die Arme sinken entspannt zur Seite. Bleib einige Minuten und atme in den Brustraum.
- Wirkung: Öffnet den Herzraum ohne Druck, unterstützt emotionale Balance.
Erinnerung an das Wesentliche
Die Bhagavadgita erinnert daran: Der Tod ist kein Ende, sondern ein Übergang. So wie der Körper altert, wandelt sich auch das Leben – doch das Bewusstsein bleibt. Diese Sichtweise lädt dich ein, das Älterwerden nicht zu fürchten, sondern als Reifung zu verstehen.
Bewusst zu leben, bedeutet im Yoga, präsent zu sein. Jetzt, genau in diesem Augenblick. Dieses Leben ist ein wertvoller Abschnitt auf einem größeren Weg. Und genau deshalb verdient es deine volle Aufmerksamkeit. Und zwar jetzt. Wenn nicht jetzt, wann dann?!