Leben ist Beziehung. Im Zusammenleben und Austausch mit anderen verorten wir uns als Menschen, wir lernen von- und übereinander. Dass es hierbei zu Konflikten kommt, ist ganz natürlich. Wir können uns jedoch bewusst dafür entscheiden, diese nicht als negativ abzuwerten, sondern als Instrumente der Heilung zu nutzen.

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Von dem Augenblick an, an dem wir das Licht der Welt erblicken, sind wir mit anderen Menschen in Kontakt. Nach unserer Geburt – ja sogar schon davor, im Mutterleib – gehen wir eine der prägendsten Beziehungen überhaupt ein: die Beziehung zu unserer Mutter. Im Laufe des Lebens treten unzählige Personen auf unserer kosmischen Bildfläche in Erscheinung und verlassen sie auch wieder: Freunde, Liebespartner, Lehrer, Kollegen und Akteure, die vielleicht nur einen kurzen Auftritt genießen, aber oftmals dennoch einen bleibenden Einfluss auf uns ausüben können. Manche Begegnungen werden wir als bereichernd empfinden, andere als schmerzhaft; und wieder andere, wenn wir uns hierfür bewusst öffnen, als bereichernd schmerzhaft.

Es sind diese bereichernd schmerzhaften Begegnungen, die uns auf besondere Weise in unserer Entwicklung voranbringen können. Abgesehen davon, dass wir im Leben zwischenmenschlichen Konflikten nur bedingt aus dem Weg gehen können, bergen sie ein transformatives Potenzial. Tatsächlich können wir sie als Geschenke verstehen, als Chancen, zu wachsen.

Achtsam durch den Schmerz gehen

Konflikte mit anderen Menschen können uns ganz schön aus der Bahn werfen. Scheint der Auslöser auch noch so klein und nichtig: manchmal trifft unser Gegenüber bewusst oder unbewusst einen wunden Punkt in uns, der tief schmerzt – mit Worten oder Taten und auch mit nicht gesagten Worten oder nicht ausgeführten Taten. Vielleicht denken wir, jemand habe uns ungerecht behandelt, missverstanden, hintergangen, respektlos behandelt, angegriffen … die Aufzählung kann lange fortgeführt werden. Oder unser Gegenüber hat solche Gedanken in Bezug auf uns und konfrontiert uns damit. Dabei tauchen bestimmte Gedankenmuster bei einem individuellen Menschen immer wieder auf, welche jedoch scheinbar durch ganz unterschiedliche Situationen im Außen hervorgerufen werden. Eine Situation, die den einen zutiefst aufwühlt, bewirkt bei einem anderen vielleicht keine Reaktion.

Der allererste Schritt, um mit solchen Gedanken heilsam umzugehen, ist uns bewusst mit ihnen auseinanderzusetzen. Gar nicht so leicht, denn wir haben viele Strategien entwickelt, um „Negatives“ erst mal nicht fühlen zu müssen. Wir suchen beispielsweise nach Ablenkung oder schieben unserem Gegenüber die Schuld für unsere schmerzhaften Gefühle in die Schuhe, um die Aufmerksamkeit von uns selbst wegzulenken. Schmerz zu verdrängen wird ihn aber nicht auflösen, sondern ihn letztendlich nur tief in uns vergraben. Hier wartet er auf die nächste Gelegenheit – auf den nächsten Trigger –  um wieder hervorzutreten, dann oftmals sogar verstärkt. Durch Strategien wie diese verleugnen wir, was ist. Wir flüchten aus der Gegenwart und blockieren so unser spirituelles Wachstum. Ähnlich verhält es sich, wenn wir uns von anderen Menschen räumlich oder emotional abschotten, um nicht erst in die Lage zu kommen, mit äußeren und inneren Stürmen konfrontiert zu werden.

Yoga als Wegweiser durch Konflikte

All diese Muster kenne ich selbst nur zu gut. Durch meine persönliche Yogapraxis durfte ich überhaupt erst erkennen, dass ich vor Konfliktsituationen, vor denen es mir regelrecht graute, ständig weglief. Doch natürlich suchten mich meine Beziehungs-Themen immer wieder heim – und sie werden es auch so lange tun, bis ich meine Lektionen aus ihnen lernen durfte. Durch das Beobachten meiner Gedanken ohne Wertung, wenn es mir gelingt, und die Unterstützung meiner wohlwollenden Freuden und Lehrer, die mich in solchen Situationen liebevoll spiegeln, erkenne ich mittlerweile einige wiederkehrende Muster. Sicher gibt es noch viele blinde Flecken, die ich vielleicht eines Tages sehen kann.

Wie so oft war es die Yogaphilosophie, die Licht in mein Dunkel brachte. Sie erklärt genau, worum es sich bei solchen Mustern handelt. Unsere wunden Punkte, die immer wieder zu Konflikten führen, sind tief sitzende Samskaras. Samskaras sind unbewusste Prägungen aus diesem und aus vergangenen Leben – sie sind unser karmisches Vermächtnis. Wenn wir unsere persönlichen Samskaras durch Achtsamkeit identifizieren, sie ohne Wertung betrachten und liebevoll annehmen, dann werden sie sich auflösen. Mit anderen Worten: wir müssen genau dort hingehen, wo der Schmerz ist – denn nur hier kann Heilung geschehen. Durch das Auflösen der Samskaras kommt unser Geist immer mehr zur Ruhe. Das wird wiederum dazu beitragen, dass wir in potenziellen Konfliktsituationen gelassener agieren können.

Es ist unglaublich befreiend, die Verantwortung für die eigenen Gedanken und Gefühle zu übernehmen! Nein, nicht unser Gegenüber ist schuld daran, wenn wir uns mies fühlen. Die Opferrolle aufzugeben bedarf gerade am Anfang des Perspektivwechsels einiges an Geduld und Selbstakzeptanz. Wenn wir diese Weisheit zu unserer Wahrheit machen, werden Konflikte zu wahren Schätzen. Und das nicht nur für uns – es wird uns auch leichter fallen, für unser Gegenüber mehr Verständnis aufzubringen. Auch er oder sie kämpft mit tief sitzenden Prägungen, die Aufmerksamkeit einfordern. Wir alle sind verschieden und arbeiten an der Auflösung ganz unterschiedlicher Samskaras. Für einen Mitmenschen ein liebevoller Spiegel zu werden ist das kostbarste Geschenk, das wir machen können!

Wenn wir also Konflikten mutig begegnen, achtsam betrachten, was ist, Eigenverantwortung übernehmen und uns in unserer Verschiedenheit akzeptieren, dann kann Heilung geschehen. Du und ich, wir haben die freie Wahl. Wir können aus Konflikten gestärkt hervorgehen und sie als Instrumente der Selbsterkenntnis nutzen.Anzeige