In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Wie du es schaffst, deine inneren Saboteure mit ins Boot zu holen, um gute Vorsätze langfristig durchzuhalten und in die Tat umzusetzen


„Mit etwas anzufangen, ist leicht. Die Kunst besteht darin, das Ziel zu erreichen.“ So lautet eine asiatische Weisheit und bringt auf den Punkt, was wir alle schon einmal erlebt haben: Zu Silvester nehmen wir uns fest vor, im neuen Jahr keine Schokolade mehr zu essen, keinen Alkohol mehr zu trinken oder regelmäßig auf die Yogamatte zu gehen – am besten täglich. Aber bereits nach einigen Wochen bröckeln die guten Vorsätze. Eine Party hält uns von der Abstinenz ab, der Alltag fordert seinen Tribut und nimmt uns die nötige Zeit zum Üben, oder aber wir sind einfach zu faul, das durchzuhalten, was wir uns zum Jahreswechsel vorgenommen hatten. Aber auch im Verlauf des Jahres können wir den Wunsch verspüren, Umstände hinter uns zu lassen, die uns schaden: Nach einer Auseinandersetzung mit dem Chef gehen wir mit dem festen Vorsatz nach Hause, zu kündigen. Doch bereits am nächsten Morgen verlässt uns der Mut, unser Vorhaben durchzuziehen, und wir bleiben in der Anstellung, obwohl wir schon längst nicht mehr wollen.

Wie aber gelingt es uns, unsere Silvestervorsätze durchzuhalten oder unsere Absichten umzusetzen? Wie schaffen wir es, die guten Vorsätze mit durch das ganze Jahr zu nehmen, um uns dann zum nächsten Jahreswechsel stolz auf die Schulter klopfen zu können, anstatt von unseren inneren Saboteuren wieder zu hören, was für große Versager wir doch sind?

Leichter gesagt als getan

Es heißt, dass wahre Ziele sich nicht so einfach realisieren lassen. Und auch wenn er noch so ehrlich gemeint ist, ein guter Vorsatz allein reicht nicht. Wichtig sind immer eine klare Entscheidung, eine Entwicklung und ein Plan. Aber was es noch mehr braucht, um am Ziel anzukommen, ist ein Verbündeter. Und der bist du selbst!

Nicht der Gongschlag um Mitternacht in der Silvesternacht legt innerlich einen Schalter um, sondern nur du selbst bist derjenige, der dich mit Disziplin und Kraft auf deinem Weg voranbringt. Aber das ist leichter gesagt als getan. Das Ziel, auch dann noch täglich auf die Yogamatte zu gehen, wenn die akuten Rückenbeschwerden weg sind, oder sich im eigenen Körper wohlzufühlen und sich nicht mit zu viel Zucker zu vergiften, kann möglicherweise zwiespältige Gefühle in dir auslösen. Deshalb ist es gut, zu wissen, dass jeder von uns Stimmen in sich hat, die uns anspornen, ein solches Ziel zu erreichen, und dass wir alle gleichzeitig Anteile haben, die das Vorhaben boykottieren und uns von diesem Ziel abhalten. Deshalb verlieren wir manchmal trotz bester Absichten bereits bei der ersten kleinen Hürde den Mut oder haben das Gefühl, dass wir es gar nicht wert sind, als Sieger durch die Ziellinie zu laufen. Unbewusst können uns unsere inneren Saboteure einen Strich durch die Rechnung machen und unsere großen und kleinen Erfolge blockieren.

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So paradox es klingen mag, manchmal halten so genannte innere Anteile in uns es nicht aus, wenn wir plötzlich glücklich sind oder es uns leichtfällt, keinen Alkohol mehr zu trinken, oder wenn wir abnehmen und eine gute Figur bekommen. Wenn ein solcher Anteil in uns die Grundüberzeugung vertritt, dass wir es nicht verdient haben, Erfolg zu haben, dass wir uns unser Glück schwer verdienen müssen, die Arbeit hart ist und man seine Träume nicht realisieren kann, weil es niemand in der eigenen Familie geschafft hat, kommen wir nie zum Ziel.

Das innere Team

Diese verschiedenen Stimmen, die uns entweder anfeuern oder kleinhalten, werden als das innere Team bezeichnet. Ob es uns bewusst ist oder nicht: Jedes Mitglied dieses Teams hat seine eigene Meinung zu einem Vorhaben und äußert sich dazu. Und dabei sind sie längst nicht immer einer Meinung. Die einen Stimmen befürworten unser Vorhaben, abends Yoga zu machen anstatt fernzusehen. Die anderen Stimmen finden Argumente, das Geplante wieder sein zu lassen. Solange wir uns unseres Teams nicht bewusst sind, werden wir entweder nur mit sehr viel Arbeit oder aber gar nicht zum Ziel kommen. Gelingt es uns hingegen, mit diesen unterschiedlichen Stimmen bewusst umzugehen, sie wahrzunehmen, sie ernstzunehmen und richtig einordnen zu können, kommen wir hinsichtlich Entscheidungen und Zielfindung zu mehr innerer Klarheit.

Unsere inneren Saboteure oder Unterstützer gehen meist zurück auf Menschen, die uns im Laufe unseres – meist frühen – Lebens als Autoritätspersonen begegnet sind. Manche Stimmen sind aber auch gesellschaftlich oder religiös geprägt, wieder andere lassen sich auf Vorbilder zurückführen. Aber auch Charakterstärken, Werte sowie Kompetenzen tauchen als eine Stimme auf. Und auch feinstoffliche Begleiter, innere Führer oder Kraftwesen können wir hören.

Regeln zum Erfolg

Die 2-Tage-Regel

Wenn du dir zu Silvester vornimmst, im kommenden Jahr jeden Tag eine halbe Stunde Yoga zu machen, dann solltest du innerhalb der nächsten 48 Stunden mit deinem Plan beginnen. Unser Gehirn liebt klare Ansagen, und der Hinweis „Ab JETZT“ wirkt sich auf das gesamte vegetative Nervensystem und alle biochemischen Vorgänge positiv aus. Forschungen haben gezeigt, dass Patienten am schnellsten gesund werden, wenn sie sich bewusst dazu entscheiden. „Jetzt werde ich gesund!“ ist einer der machtvollsten Gedanken, der Selbstheilungskräfte in Gang setzt und sogar das Unterbewusstsein umprogrammieren kann. Allerdings musst du dein Ziel innerhalb von zwei Tagen, d.h. am 2. Januar in Angriff nehmen, und nicht erst am 15. Januar auf die Matte gehen. Sonst verpuffen selbst die besten Vorsätze.

Klare Formulierungen

Die genaue Formulierung spielt beim Erreichen des Ziels eine wesentliche Rolle. Aus diesem Grund sollten Ziele „SMART“ sein. S = spezifisch. Schreib auf, wann und wo du deine tägliche Yogapraxis machen möchtest. M = messbar. Stell dir eine Uhr, wie lange du üben möchtest.  A = anspruchsvoll. Du solltest deine Komfortzone verlassen, damit du auch Spaß hast, und gleichzeitig sollte dein Ziel natürlich erreichbar sein. R = realistisch. Wenn du dein Ziel zu hoch steckst, ist die Frustration zu hoch, darum ist es wichtig, dass du nur das machst, was wirklich möglich ist. T = terminierbar. Das Ziel sollte irgendwann erreicht sein, also spätestens nächstes Jahr Silvester! Auch hier kannst du dein inneres Team zu Rate ziehen und die einzelnen Punkte mit ihm durchsprechen, damit ihr gemeinsam zum Ziel kommt.

Wer bist du?

Um dich selbst besser kennenzulernen und Klarheit darüber zu gewinnen, wer durch dich hindurch wirkt, ist es sinnvoll und zielführend, wenn du dir dein eigenes inneres Team genauer anschaust. Hier ist natürlich Achtsamkeit gefragt, um die verschiedenen Stimmen zu identifizieren und mit allen inneren Anteilen zum Ziel zu kommen. Lade alle Teammitglieder, die angenehmen und die unangenehmen, ein und bitte sie, sich dir vorzustellen. Frag sie, warum sie bei dir sind und wie genau sie dich beim Erreichen deines Ziels unterstützen möchten oder weshalb sie das Ziel ablehnen. Mach dir bewusst, wer gerade zu dir spricht. Ist es der innere Kritiker? Die Ungeduldige? Der Perfektionist? Die Griesgrämige? Der Ängstliche? Und wer sind die Stimmen, die dich unterstützen? Der Optimist? Die Intuitive? Die Weise?! Wer so differenziert mit sich selbst umgeht und sich selbst mit Abstand und Achtsamkeit betrachtet, ist den inneren Stimmen nicht mehr ausgeliefert, sondern kann ihre Einwände und gut gemeinten Ratschläge mit einem gewissen Abstand bewusst wahrnehmen und entsprechend darauf reagieren.

Wie du deine Anteile zum Erfolgsteam machst

Eine hilfreiche Möglichkeit, um sein inneres Team kennenzulernen, ist die Aufstellung der Persönlichkeitsanteile mittels Spielfiguren. Auf diese einfache Weise kannst du erkennen, welche Anteile eng zusammenstehen – also zusammenarbeiten, voneinander abhängig sind etc. Es kann so aber auch deutlich werden, wer von ihnen eher ein Außenseiterdasein führt und entsprechend wenig beliebt, aber trotzdem präsent ist. Hast du die Figuren aufgestellt, kannst du einen Dialog mit ihnen führen. Fragen können beispielsweise sein:

Was genau sollte ich von dir wissen?
Wie ist deine Funktion?
Womit möchtest du gesehen werden?
Was wäre, wenn du nicht so präsent wärst?
Worin möchtest du von mir verstanden werden?
Welche Vorschläge hast du für die aktuelle Situation?
Welche Einwände hast du dagegen, dass ich mein Ziel erreiche?
Was benötigst du von mir, um deine Einwände aufzulösen?
Wie kann ich dir helfen?

Einen solchen Dialog mit deinen inneren Anteilen solltest du so lange führen, bis du eine Lösung gefunden ist, die für alle Persönlichkeitsanteile akzeptabel ist, damit alle als inneres Team gut harmonieren.

Eine weitere Möglichkeit, mit deinem inneren Team in Kontakt zu kommen, ist das Team-Treffen. Es ist eine Form von Meditation.

Teamtreffen

Du sitzt mit geschlossenen Augen da. Mach es dir zuerst bequem und atme ein paar Mal tief ein und aus. Stell dir Folgendes vor: Dir gegenüber steht ein Stuhl, der noch leer ist. Hinter dem Stuhl ist eine Tür. Hier tritt nach ein paar weiteren Atemzügen jemand ein, der zu deinem inneren Team gehört. Er setzt sich auf den Stuhl, dir gegenüber. Ihr schaut euch wohlwollend in die Augen, und du fragst ihn:

Wer bist du?
Welche Rolle spielst du in meinem Team?
Wovor willst du mich schützen?
Worin willst du mich unterstützen?

Schreib dir die Antworten auf und lies sie dir immer wieder durch. Denn: Wenn du dein inneres Team besser kennenlernst, dann kann es dich maßgeblich darin unterstützten, deine Ziele zu verwirklichen, so dass du am Ende des nächsten Jahres auch stolz darauf sein kannst, deine Ziele tatsächlich erreicht zu haben. Aber nicht nur das: Du hast dich besser kennengelernt, und die verschiedenen Anteile fügen sich zu einer „runden“ Persönlichkeit zusammen.

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Doris Iding
Doris Iding ist Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin. „Selbstbewusstsein statt Selbstoptimierung“ spielen für sie die zentrale Rolle. Sie vermittelt, wie wir spielerisch und mit einem Augenzwinkern zu uns selbst finden können, ohne uns dabei in Oberflächlichkeiten zu verlieren. 18 ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.

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