Spiritualität heißt nicht, die Probleme der Welt einfach hinzunehmen. Wie aber sieht ein spirituell genährtes konstruktives Streben nach sozio-kultureller Veränderung aus?

Wenn mit Aktivismus jene Art des Handelns gemeint ist, die auf sozio-kulturelle Veränderungen ausgerichtet ist, dann ist spirituller Aktivismus ein solches Handeln, das einer spirituelle Werte, Prinzipien und Ziele einbeziehenden Perspektive verpflichtet ist. Aber was ist mit “spirituell” gemeint? Hier wird die Angelegenheit etwas komplizierter.

Teilweise wird die Antwort von den jeweiligen philosophischen und religiösen Hintergründen abhängen. So wird ein praktizierender Christ vermutlich anders antworten als ein praktizierender Buddhist. Meine eigene Antwort, im Folgenden dargelegt, peilt eine allgemeinere Formulierung an, wenngleich sie am meisten durch die hoch entwickelte Tradition des  Vajrayana Buddhismus inspiriert ist.

Außerhalb des christlich-religiösen Kontexts, in dem er sich herausgebildet hat, wird der Ausdruck „spirituell” tendenziell eher undifferenziert und mehrdeutig verwendet. Linguistisch und historisch bezieht er sich auf  “spirit,” was für den “höheren,” “transzendentalen” Aspekt des Menschen steht. Dieses Konzept ist problematisch und ist von vielen Denkern, einschließlich einigen christlichen Theologen, zurückgewiesen worden. In diesem Licht schlage ich vor, “spirituell” hier im Sinne von  “selbst-trans­zendierend” zu verwenden. Dies fängt die Art von Orientierung und aktuellem Verhalten ein, die darauf abzielt, über das Egoistische hinauszugehen und, sogar noch tiefgreifender, über die Vorstellung vom Ego selbst. Stattdessen zieht sie einen Bewusstseinszustand vor, der sich selbst als zutiefst mit dem Rest der Welt verbunden erlebt.

Somit ist die Verwendung des Ausdrucks “spirituell” ein Zugeständnis an die Umgangssprache, jedoch ohne die Leichenstarre, die man oft mit dem verwandten Wort „spirit“ assoziiert. Spiritueller Aktivismus ist demnach ein Aktivismus, in dem sich Theorie und Praxis vereinen, um unser größeres menschliches Potential zu erfüllen, insbesondere unsere Fähigkeit zur Selbsttranszendenz, ungeachtet unserer spezifischen religiösen oder philosophischen Ausrichtung.

Damit spiritueller Aktivismus authentisch ist, muss er seine Basis in Achtsamkeit und in Ehrfurcht zum Leben als unerlässliche, aber freiwillige Disziplinen haben. Ohne angemessene Kultivierung dieser Praktiken ist spiritueller Aktivismus geneigt, bloßer konventioneller Aktivismus zu werden, der oft von unbewussten Motiven und wenig wünschenswerten Emotionen angetrieben wird, die mit den vorgegebenen Idealen und Zielen nicht viel zu tun haben.

Achtsamkeit erlaubt einem spirituellen Aktivisten, die Kräfte zu betrachten, die seinen Charakter und sein Leben geformt haben, und zwischen ihnen und seinen kulturellen Idealen und aktivistischen Zielen zu unterscheiden. Wenn beispielsweise Wut und Umweltzerstörung gegenwärtig sind, wird ein spiritueller Aktivist seinen Wutgefühlen nicht gestatten, sein Handeln zu färben. Vielmehr wird alles, was er unternimmt, durch seine Ehrfurcht vor dem Leben wohl temperiert sein. Er wird die Rohenergie der Wut einsetzen, um positive Aktionen zu initiieren, d.h. Handlungen, die wohlgemeinte Veränderung beabsichtigen. Er wird das Ziel seiner Wut sorgsam neutralisieren, sei es ein einzelnes Individuum, eine Gruppe, oder „das System“. Es gibt traditionelle Methoden, diese Neutralisierung zu erreichen, aber sie verlangen eine starke Hingabe, alles Leben mit Ehrfurcht zu behandeln.

Zusätzlich zur Kontrolle seiner negativen Emotionen untersucht ein spiritueller Aktivist kontinuierlich die Grundlagen für sein transformierendes Verhalten. Mit anderen Worten: er wendet extremes Verantwortungsgefühl in seinen Entscheidungen und Beschlüssen an, um sicherzustellen, dass sein Aktivismus keinerlei unerwünschte Konsequenzen hat, die das Wohlergehen anderer aufs Spiel setzen. Aktionen, die man als “Öko-Terrorismus” bezeichnen könnte, involvieren z.B. typischerweise, anderen absichtlich oder unabsichtlich (aufgrund mangelnder Voraussicht) zu schaden, um einer Gruppe Dritter Gutes zu tun. Ehrfurcht vor dem Leben erfordert jedoch äußerste Umsicht, damit die angestrebten Taten kein unerwünschtes Resultat und keine Nebeneffekte nach sich ziehen.

Wäre es beispielsweise verantwortungsvoll, einen Damm zu sprengen, damit die Lachse ungehindert flussaufwärts schwimmen können, auch wenn durch diese Aktion zahlreiche andere Wesen getötet würden? Die meisten Leute würden es sicherlich ablehnen, wenn dabei versehentlich ein Mensch ums Leben käme. Wäre eine solch drastische Aktion aber gerechtfertigt, wenn sie das Überleben einer ganzen Spezies retten würde? Vielleicht, wenn alle in die Situation einbezogenen Faktoren bekannt wären und klar verstanden werden könnten. Zweifellos würden verschiedene spirituelle Aktivisten die Grenze unterschiedlich ansetzen.

Auf jeden Fall aber würden sie immense Sorgfalt in ihr Handeln legen und sich stets vom Ideal der Ehrfurcht vor dem Leben leiten lassen.
Für einen spirituellen Aktivisten ist alles Leben kostbar, nicht allein das menschliche. Gleichzeitig begreift er, dass das Leben durch das Leben erhalten wird. Das heißt, dass die meisten Lebensformen um überleben zu können, andere Lebensformen konsumieren müssen. Doch dies ist kein Freibrief, leichtfertig zu töten oder Leben aus purer Nachlässigkeit oder Nichtachtung zu zertrampeln. An diesem Punkt ist die strikte Moralität des Nichtverletzens, wie sie im Jainismus praktiziert wird, exemplarisch, wenn auch vielleicht im Kontext heutigen Lebens nicht vollkommen anwendbar. Möglicherweise kann hier die Ethik des Buddhismus – obwohl ebenfalls rigoros – ein praktikableres Modell für die alltäglichen Begebenheiten unserer modernen Ära liefern.

In diesem kurzen Artikel geht es mir nicht darum, spezifische Vorschriften zu bieten, sondern mehr darum, die grundlegenden Prinzipien von spirituellem Aktivismus zu skizzieren. Ich bin geneigt zu glauben, dass – genau wie bei jeder anderen Person der Kompass eines spirituellen Aktivisten vom Level seiner moralischen Entwicklung abhängt. Ein voll verwirklichter Bodhisattva, der unwiderruflich dem Auslöschen des Leides aller Wesen verpflichtet ist, indem er sie zur großen Realisierung der Erleuchtung (einwandfreier Egotranszendenz) führt, verhält sich  mit einiger Wahrscheinlichkeit anders als sozusagen ein Grünschnabel, der noch mit seinem Gewissen und negativen Emotionen kämpft.

Demnach kann man davon ausgehen, dass spiritueller Aktivismus für ein und dieselbe Situation mehr als nur eine einzige mögliche Reaktion bereit halt. Aus der Perspektive des Buddhismus ist nur eine voll erwachte Person in der Lage, in einer vollkommen verantwortungsvollen und effektiven Weise zu handeln. Alle anderen kommen nicht umhin, bis zu einem gewissen Grad zu schlafwandeln und somit auch mehr oder weniger schwerwiegende Fehler im moralischen Urteilen zu begehen. Diese ernüchternde Perspektive sollte uns Bescheidenheit und eine gemäßigte Haltung lehren, ebenso wie den Willen, zu wachsen, was Weisheit und Mitgefühl betrifft.

Indem wir selbst uns in Richtung stärkerer Selbst-Transzendenz verändern – Ausdruck findend in Achtsamkeit, Ehrfurcht vor dem Leben und aktivem Mitgefühl für alle Wesen – werden wir zunehmend fähig, diese Welt zum Guten zu verändern.

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