Wir können innere Freiheit erlangen, wo immer wir sind. Dass dies möglich ist, beschreibt Cuong Lu, ein buddhistischer Lehrer, in seinem Buch. Lu wurde von Thich Nhat Hanh im Plum Village ordiniert. Im Interview teilt er seine Erfahrungen, die er gemacht hat, als er über viele Jahre mit Inhaftierten meditierte.

Interview

Letztes Jahr veröffentliche Edition Spuren Ihr Buch “Buddha hinter Gittern”. Darin schreiben Sie über Ihre Erfahrungen mit Gefangenen in Gefängnissen. Ich habe noch nie ein Buch gelesen, das mich so direkt berührt hat, wie dieses. Einen Buddha in jedem Gefangenen zu sehen, war mir als Gedanke schon bekannt und ich habe auch schon einige Berichte darüber gelesen, aber ich habe noch nie jemanden erlebt, dessen Beschreibungen mir so nahe gingen. Deshalb möchte ich mich an dieser Stelle zuerst einmal persönlich dafür bedanken, dass Sie dieses Buch geschrieben haben.

Cu: Ihr seid berührt, weil ihr den Buddha in euch erkannt habt. Du bist der Buddha. Sobald ihr gesehen habt, dass ihr Buddha seid, seht ihr euch selbst nicht mehr als ein kleines Lebewesen. Ich bin sehr froh, dass Sie von diesem Buch berührt sind. Und ich bin sicher, dass viele Menschen von Ihrer Einsicht berührt werden.

Die Beispiele in dem Buch haben mich immer wieder weinen lassen. Dass Sie anderen Wesen geholfen haben, unter so widrigen Umständen in Kontakt zu kommen mit der eigenen Buddha-Natur fand ich wunderschön. Es gab mir ein Gefühl der Hoffnung und zeigte mir, dass wir frei werden können, egal wo wir sind. Mich daran zu erinnern, gibt mir sehr viel. Besonders in solchen Zeiten, in denen die äußeren Umstände so besonders sind. Gab es für Sie persönlich ein Schlüsselerlebnis, in dem Sie diese innere Freiheit schmeckten?
Ich sehe mich nicht so gut. Und ich sehe mich auch nicht so schlecht. Ich sehe mich als Sie. Das ist meine Schlüsselerfahrung. Ich bin von einem Selbst leer. Auch wenn eine Tasse voll mit Tee oder Kaffee ist, müssen wir wissen, dass eine Tasse immer leer ist. Eine Tasse ist kein Tee oder Kaffee. Ich bin auch immer leer. Ich bin nicht dafür, gut oder schlecht zu sein. Deshalb kann ich Sie sein. Wir sind gleich. Ich kann die Tiefe Ihres Leidens spüren. Und ich bin sicher, dass Sie die Blüte meines Glücks genießen können.

Sie schreiben, dass Sie gesehen haben, dass Gefangene, Kriegsveteranen, Flüchtlinge und andere, die extreme Schwierigkeiten in ihrem Leben hatten, oft in der Lage sind, das Dharma schneller zu begreifen als diejenigen, deren Leben einfacher war. Wie erklären Sie sich das?
Wir versuchen immer, Leiden zu vermeiden. Wir haben Angst, über unser Leiden, unsere Krankheit und unseren Tod zu sprechen. Gefangene, Kriegsveteranen und Flüchtlinge sind Menschen, die ihr Leiden nicht mehr vermeiden können. Sie müssen leiden. Und der Dharma zeigt ihnen etwas, was sie noch nie zuvor erlebt haben: Es ist okay zu leiden. Sobald man aufhört, das Leiden zu bekämpfen, entdeckt man den Frieden. Das gilt für jeden. Nicht nur für Inhaftierte. Sie werden sehen, dass Sie bereits glücklich sind. Selbst inmitten eures Leidens könnt ihr glücklich sein. Und friedlich.

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Was mich an Ihrem Buch so berührt hat, ist, dass Sie durch die Geschichte der Gefangenen deutlich machen, dass ein Mord oder Raub eigentlich die logische Folge dieser Biografien ist. Und dann kommen diese gebrochenen Menschen in ein Gefängnis und werden weggesperrt. Dies ist eine äußerst tragische Situation. Haben Sie durch Ihre Arbeit Institutionen dazu gebracht, mehr Meditation in Gefängnissen anzubieten?
In Holland haben sie mir viel Raum gegeben, um mit Gefangenen zu arbeiten. Aber ich habe ihnen nicht nur Meditation angeboten. Ich gab ihnen das Vertrauen, dass sie dem Buddha absolut gleich sind. Und sie brauchen keine Meditation zu praktizieren, um das zu erleben. Diese Menschen müssen das Gefühl haben, dass sie sich von Herzen sicher fühlen. Wenn sie Ihnen glauben, werden sie ihr wahres Selbst entdecken. Sie werden Vertrauen in ihr Herz haben. Sie können lieben. Sie lieben sich selbst. Sie lieben ihre Familie. Und sie lieben ihre Gesellschaft.

Ich glaube, wir befinden uns alle in einer Art innerem Gefängnis. Manchmal sind es äußere Umstände, die dazu geführt haben, dass wir uns innerlich minderwertig, schlecht oder nicht liebenswürdig fühlen. Infolge solcher Umstände haben wir uns dann ein inneres Gefängnis gebaut. Viele von uns sind sich der dicken Mauern nicht einmal bewusst. Was ist der Schlüssel zu unserer eigenen Gefängnistür? Wie können wir unser eigenes Gefängnis verlassen? Können Sie uns eine Praxis an die Hand geben, die uns den Weg weisen kann, innerlich frei zu werden?
Das Problem ist, auch wenn Sie den Schlüssel haben, können Sie nicht die Tür Ihres Gefängnisses aufsperren. Es geht nicht um den Schlüssel. Es geht um Sie. Wenn Sie nicht an sich selbst glauben, können Sie die Tür Ihres Gefängnisses nicht öffnen. Irgendwann brauchen Sie einen Lehrer, der Ihnen hilft. Wir denken, dass wir alles selbst machen wollen, aber es ist in Ordnung, um Hilfe zu bitten. Ein wahrer Lehrer ist jemand, der wirklich an Ihre Freiheit glaubt. Er kann Ihnen helfen, mit dem Besten in Ihnen in Kontakt zu treten. Er kann Ihre Weisheit und Freiheit berühren.

Ich war auch sehr berührt, dass Sie im Gegensatz zu Richtern Männer nicht als Fälle betrachteten, sondern die Menschen in ihnen sahen. Wie können auch wir das lernen?
Ich habe in meinem Leben viel Leid durchgemacht. Ich war schon oft Flüchtling. Ich habe nach mir und meiner Identität gesucht. Und ich habe mich gefunden. In dem Moment, in dem ich meine Identität gefunden habe, habe ich dich gefunden. Ich bin du. Das ist kein Konzept. Das ist für mich ein Einblick. Erlauben Sie sich, dem anderen zu helfen, während Sie sich selbst helfen. Machen Sie die Praxis zu helfen und sich um den anderen zu kümmern. Diese tiefe Praxis wird Ihnen helfen, Ihre Weisheit und Ihr Mitgefühl zu nähren. Sie werden sehen, dass der andere Sie sind.

Im Moment befinden wir uns auch weltweit in einer sehr schwierigen Situation. Das Corona-Virus hat die Gesellschaft gespalten, und selbst in den Yoga- und Meditationsgemeinschaften hat sich diese Spaltung durchgesetzt. Persönlich macht mich das sehr traurig, denn es scheint nur ein Schwarz-Weiß-Denken zu geben. Die Menschen, die an die Regierung glauben und die Maßnahmen ohne Kritik verfolgen, werden in den Medien als die guten Bürger dargestellt, und diejenigen, die nicht daran glauben, werden alle in einen Topf geworfen und als aufgeschlossene Esoteriker oder rechtsoffene Menschen gebrandmarkt. Der Ärger in der Bevölkerung nimmt zu, und die Kluft wird immer größer. Welche persönliche Praxis kann uns helfen, mehr inneren und äußeren Frieden zu finden?
Die andere Person ist nicht die Ursache Ihres Leidens. Auch wenn er nicht so aussieht wie Sie. Auch er trifft nicht die Wahl, die Sie treffen. Wahres Leiden ist in Ihrem Herzen. Es kann Ihre Angst, Ihr Verlangen oder Ihre Unwissenheit sein. Wenn Sie Ihr Leiden berühren können, fühlen Sie sich wohl. In dem Moment, in dem Sie Ihr Leiden verstehen, können Sie es mit der anderen Person kommunizieren. Und ihr werdet sehen, dass er auch sein Leiden hat. Sie werden entdecken, dass Ihr eigenes Leiden sein Leiden ist. Wir müssen einander helfen. Wir brauchen keine Schuldzuweisungen. Wir brauchen Liebe und Verständnis.

Vielen Dank für dieses herzöffnende Intervie!

(c) Merlin Doomernik

Cuong Lu ist ein buddhistischer Lehrer, der von Thich Nhat Hanh im Plum Village ordiniert wurde. Er widmete sein Leben dem Dienst, nachdem er 1975 auf der Flucht aus Vietnam Zeuge einer Schießerei wurde. Er diente sechzehn Jahre lang als Mönch und unterrichtet heute in den Niederlanden, wo er mit seiner Frau und seinen drei Kindern lebt. Als ehemaliger Gefängnisseelsorger ist er der Autor von The Buddha in Jail: Restoring Lives, Finding Hope and Freedom und dem neuesten Buch Wait: A Love Letter to Those in Despair.

 

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Doris Iding
Doris Iding ist Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin. „Selbstbewusstsein statt Selbstoptimierung“ spielen für sie die zentrale Rolle. Sie vermittelt, wie wir spielerisch und mit einem Augenzwinkern zu uns selbst finden können, ohne uns dabei in Oberflächlichkeiten zu verlieren. 18 ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.
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Jan Clemens

Schön