Die Ashtanga-Yogalehrerin Ellen Johannesen unterrichtet im Tourismusviertel Thamel und studiert am Rangjung Yeshe Institute der Universität Kathmandu Tibetologie und Buddhismuskunde. Wir trafen sie in ihrer Wahlheimat in Nepal und sprachen mit ihr über die Verbindung von Buddhismus und Yoga.

(Um dieses Interview im englischen Original zu lesen, klick hier)

In YOGA AKTUELL Nr 122 erzählt Ellen von ihren Erfahrungen mit der buddhistischen Praxis. Vorab verkürzen wir uns die Zeit bis zum Erscheinungstermin am 1. Juni mit einem anderen Teil unseres Gesprächs, den wir euch nicht vorenthalten wollten. Der Fokus liegt dabei auf den yogischen Aspekten.

Du kannst nicht immer meditieren und die Meditation macht auch keinen Sinn, wenn du die Theorie dahinter nicht wirklich studiert und darüber nachgedacht hast. Denn wenn du deinen Geist grundlegend verändern möchtest, solltest du davon überzeugt sein, dass du das Richtige übst und davon, dass eine Veränderung überhaupt möglich ist.

Interview

YOGA AKTUELL: Liebe Ellen, wie hat dein Yogaweg begonnen und wohin hat er dich geführt ?

Ellen Johannesen: Ich komme ursprünglich aus Norwegen und aus dem zeitgenössischen Tanz. 1994 entdeckte ich Ashtanga Yoga, von da an bestimmten Tanz und Yoga mein Leben, schließlich dann nur noch Yoga. Ich eröffnete das erste Mysore-Studio in Oslo und begann, regelmäßig nach Indien zu reisen. Heute studiere ich die tibetische Sprache und tibetischen Buddhismus in Nepal. Ich lebe jetzt seit acht Jahren in Kathmandu, leite hier ein Mysore-Programm und halte Retreats und Workshops im umliegenden Kathmandutal sowie auch international. Ich mag es, eine Kombination zu unterrichten, in der ich den Ashtanga Yoga mit Hintergrundwissen zu den spirituellen Praktiken, die im Kathmandutal zelebriert werden, vermische. Hier werden wirklich unzählige buddhistische und hinduistische Rituale praktiziert, hinzu kommt die spezielle Newari-Kultur, die es einzigartig im Kathmandutal gibt. Ich lehre die Buddhistische Philosophie und die yogische Philosophie ungern isoliert, sondern kombiniere sie und richte mein Augenmerk darauf, wie sich diese Praktiken und Übungen auf das Alltagsleben der Menschen auswirken können.

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Unterrichtest du in Kathmandu hauptsächlich Touristen, oder kommen auch hiesige Yogis in deine Klasse?

Es mischt sich und ich bin sehr froh, dass jetzt auch mehr nepalesische Schüler in meinem Kurs sind. Es gibt so große Unterschiede unter den Einheimischen. Natürlich ist der Besuch eines Yogastudios für den gewöhnlichen Nepalesen viel zu teuer und vielleicht auch eine fremde Idee. Aber es gibt auch Nepalesen, die beispielsweise im Ausland zur Schule gegangen oder einfach sehr westlich orientiert sind, jene, die es einfach besser getroffen haben, und unter ihnen wird Yoga natürlich auch immer beliebter. Es kommen aber auch Expats, die hier für eine NGO oder eine Botschaft arbeiten und natürlich kommen Reisende. Was ich auch toll finde: Manche Schüler bleiben für einen ganzen Monat, um Yoga zu praktizieren und sich vollends darauf konzentrieren zu können.

Ellen in Tittibhasana in Kathmandu (c) Ellis del Sol

Lass uns nochmal zu deinen Anfängen zurückgehen. Du hast mit Yoga bei David Life in New York begonnen, richtig?

Ja, damals wurde an den Jivamukti-Schulen noch Ashtanga unterrichtet. Ich habe zwar alle Stunden besucht, habe aber beschlossen, dass sich dieser Yoga-Stil aufgrund des linearen Aufbaus und immer gleichen Ablaufs am besten dazu eignet, nach Hause mitzunehmen, einfach, weil ich mir die Abfolge der Positionen leichter merken konnte. Zuhause habe ich dann bald angefangen, Yoga für ein paar Freunde und Kollegen zu unterrichten.

Ein Lehrer, der dich später stark beeinflusst hat, ist John Scott. Wie kam es dazu?

Ich habe ein Retreat bei ihm besucht. Damals gab es in Norwegen noch kein Ashtanga Yoga, also besuchte ich Retreats im Ausland. Ich mochte seine Art zu unterrichten sofort. Sie passte wunderbar zu den Erfahrungen, die ich im zeitgenössischen Tanz gemacht hatte. Er unterrichtet sehr oder funktionell. Als Tänzerin halte ich nicht viel davon, bestimmte Haltungen nur aus ästhetischen Gründen zu machen. Auch in seinen Hilfestellungen geht er sehr systematisch vor. Ich habe also ein zweijähriges Teacher Training bei ihm absolviert und noch heute arbeite ich nach seinen Prinzipen, weil ich ihnen vertraue.

Ich habe gelesen, John Scott hat dich dazu inspiriert, nach Mysore zu reisen?

Ja, ich war schon davor in Mysore gewesen, jedoch hatte es mich nicht besonders beeindruckt. Ich fand, Guru-ji (Patthabi Jois, Anm. d. Red.) war ein netter Kerl, aber damals gab es sehr lange Wartezeiten: Wir waren rund 70 Leute und im Studio gab es nur Platz für zwölf. Wir saßen also rum und warteten eineinhalb Stunden. Auch wenn die Praxis gut war, beeindruckte mich aber die Yoga Philosophie am meisten, die ich in Indien einfach davon gelernt hatte, in Indien zu SEIN. Ich hatte das Gefühl, dort ist die spirituelle Kultur wirklich lebendig spürbar. Vor allem die „Karma“-Idee hatte es mir angetan. Ich fand das spannend. Achtsam zu sein, sich seiner Taten und Gedanken bewusst zu werden, und das nicht nur bezogen auf dieses Leben. Mich beeindruckte einfach diese ganze Art zu leben und das Leben wahrzunehmen; sich seiner Verantwortung und seines Handelns bewusst zu werden und zu versuchen, ein besserer Mensch zu sein, das alles hat mich sehr angesprochen.

Jedoch hat es dich mehr zum Buddhismus hingezogen, als zum Hinduismus. Warum?

Das geschah eigentlich, als ich dann nach Indien zurückkehrte. Ich habe einige westliche Buddhisten kennengelernt und begonnen, mich in die buddhistische Philosophie einzulesen. Ich nahm diese Konzepte als sehr stimmig wahr. Es gibt so viele Methoden darin, die sich direkt anwenden lassen. Ich hatte irgendwie das Gefühl, die anderen östlichen Philosophien waren zwar sehr ansprechend, doch es fehlte ihnen an direkt und praktisch Anwendbarem. Es bleibt unklar, wie sie praktiziert werden, und wie sie direkt Einfluss auf unser Leben nehmen können. Im Buddhismus wird das sehr detailliert behandelt. Du übst all diese Methoden, die wir als Geistesschulung bezeichnen, um deine Sicht auf die Dinge zu verändern, um altruistischer zu werden, um zu verändern, wie du die Welt und deine Umwelt und dich selbst und auch andere wahrnimmst. Man trainiert also seine Verbundenheit mit allen anderen Wesen und lernt, alle liebevoll und voller Mitgefühl zu behandeln.

Der Buddhismus hat dir schließlich so sehr imponiert, dass du sogar in ein Kloster gezogen bist. Was waren deine Beweggründe – hattest du vor, Nonne zu werden?

(lacht) Nein, ich hatte nie vor, Nonne zu werden. Ich habe diesen sehr charismatischen Lehrer getroffen und das Ganze war seine Idee. Ans Kloster hatte ich nicht gedacht. Ich bin davon ausgegangen, von dem Lehrer Übungen für Zuhause zu bekommen, er aber sagte: „Nein, komm mit ins Kloster!“ und das habe ich dann auch gemacht. Ich fand es wunderbar, dort zu leben und den Alltag der Menschen zu sehen, diese Art der Gemeinschaft, in der jeder dasselbe Ziel anstrebt, sich der Geistesschulung widmet und die Rituale praktiziert werden. Diese Menschen sind anders. Sie laufen nicht hektisch durch die Gegend, Mädchen oder Besitztümern hinterher, wie das andere junge Männer tun. Sie führen eine völlig andere Art von Leben und müssen ihr maskulines wie auch ihr feminines Wesen leben, denn im Kloster gab es auch jede Menge Kinder, um die man sich kümmerte. Ich genoss es, in der Nähe der Mönche zu sein. Sie sind sehr ausgeglichen und erheben nie ihre Stimme, es sind einfach sehr liebe Menschen.

Dort lebten also nur Mönche und du warst die einzige Frau?

Ja. Wir waren drei Ausländer, aber wir haben nicht direkt mit den Mönchen gelebt, ich war in einer Pension in der Nähe untergebracht. Aber natürlich habe ich mich die meiste Zeit im Kloster aufgehalten und habe mitgeholfen, mich um die Kinder gekümmert. Schon das bloße Beobachten der Lebensweise im Kloster empfand ich als wohltuend. Natürlich hatte ich auch meine Ashtanga-Yoga-Praxis und ich begann, die tibetische Sprache zu lernen. Es war eine bereichernde Zeit. Aber alles in allem verstand ich nicht wirklich, was dort vor sich ging. Es wurden zahlreiche tantrische Rituale abgehalten und lange Pujas zelebriert. Irgendwann wusste ich dann aber einfach, dass ich den Buddhismus und ebenso die Sprache auf strukturiertere Weise studieren musste. Also beschloss ich, mich an der Universität in Kathmandu einzuschreiben.

Das Studium an der Universität war der Anlass für dich, nach Kathmandu zu ziehen?

Ja, die Uni ist ziemlich gut. Das Rangjung Yeshe Institute ist im Grunde ein Kloster, also war das Leben hier keine große Umstellung für mich. Ich bin nach wie vor im Kloster, ich lebe zwar nicht dort, aber ich studiere in einem und fast alle Kurse werden von Mönchen gehalten. Hier unterrichten lopons (Junior-Lehrmeister) und khenpos (Senior-Lehrmeister), also hoch angesehene Mönche, die in einem sehr traditionellen Stil unterrichten. Und genau danach sehnte ich mich, als ich vom Kloster in Südindien nach Kathmandu kam. Denn ich hatte die Theorie hinter dem buddhistischen Leben dort nicht verstanden und niemand hatte sie mir erklärt. Ich war also sehr wissbegierig, als ich mit dem Studium begann und habe einfach alles in mich aufgesogen.

Warst du während deiner Zeit im Kloster nie versucht, den asketischen Lebensweg einzuschlagen?

Das Leben im Kloster war im Grunde ziemlich asketisch. Ich lebte in einem kleinen Zimmer und alles war sehr einfach gehalten. Manchmal gab es keinen Strom, manchmal waren wir tagelang ohne Wasser. Ich ging auch kaum unter die Leute, da ich zum Gebete Rezitieren und Studieren im Zimmer bleiben sollte. Ich denke, ich hatte schon immer diese auch irgendwie romantische Vorstellung vom Asketentum, dass ich eines Tages in einer Höhle sitzen und einfach nur Yogini sein würde. Und im Grunde ist Kathmandu eben genau so ein Ort, an dem man das ziemlich gut machen kann. Ich kenne viele Praktizierende, die sich regelmäßig für einen Monat oder auch länger, manchmal für ein Jahr zurückziehen, das ist zwar ziemlich extrem, aber sie machen das wirklich. Sie isolieren sich, sitzen und praktizieren monatelang, Nepal bietet Interessierten dazu viele Möglichkeiten.

Macht man das auf eigene Faust?

Man hat hier schon eine Art Support-System. Es gibt Retreat Center, in die man gehen kann. Dort hast du dein Zimmer und bekommst etwas zu essen, sodass du nicht an weltliche Dinge wie Einkaufen und Kochen denken musst. Drei Mal täglich wird dir Essen an deine Zimmertür gebracht.

Mir fällt es oft schwer, ein Gleichgewicht in mein Leben zu bringen: Manchmal möchte ich nur meditieren und mich zurückziehen, aber an anderen Tagen tauche ich vollkommen in weltliche Dinge ab, möchte alles auf einmal schaffen und finde keine Zeit zum Praktizieren. Wie geht es dir damit, die Balance zu halten?

Das fällt auch mir oft sehr schwer, vor allem während des Studiums war das ein echtes Problem, einfach, weil es so viel zu tun gab. Mein Kopf konnte deshalb nie wirklich entspannen. Immer stand der nächste Test bevor und es gab immer noch hunderte Seiten mehr zu lesen. Die einzige Lösung für mich bestand darin, das Lernen als Praxis anzusehen und ich machte mir klar, dass ich da gerade heilige Schriften studierte, und las diese dann auch mit der nötigen Ehrfurcht (in a sacred way). Die buddhistische Praxis besteht aus drei Teile:

  • Zuhören und Lernen
  • Kontemplation
  • Meditation

Du kannst nicht immer meditieren und die Meditation macht auch keinen Sinn, wenn du die Theorie dahinter nicht wirklich studiert und darüber nachgedacht hast. Denn wenn du deinen Geist grundlegend verändern möchtest, solltest du davon überzeugt sein, dass du das Richtige übst und davon, dass eine Veränderung überhaupt möglich ist. Beschäftige dich also mit der Philosophie und realisiere sie dann in deiner eigenen Praxis.

Vielen Dank für dieses Interview!

www.ashtanganepal.com

Zum Weiterlesen:

Wenn du mehr über Ellens buddhistische Praxis und den Buddhismus im Allgemeinen erfahren möchtest, lies den weiteren Verlauf unseres Gesprächs in der neuen YOGA AKTUELL Nr. 122, die seit 1. Juni im Handel und natürlich schon jetzt in unserem Onlineshop erhältlich ist.

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