“Jeder sollte sich mit Ayurveda beschäftigen – egal ob Yoga als reine körperliche Übung  oder als Therapieform praktiziert wird – um zu erkennen, wie wir unsere Yogapraxis  an unsere Konstitution anpassen
und welcher Behandlungsplan am besten zu den jeweiligen Krankheiten passt.“

Dr. David Frawley

Um genau dieses Zusammenspiel verschiedener Konzepte und der Begründung eines holistischen Ansatzes zur Behandlung von Beschwerden ging es in dem Einführungsworkshop des ThaiVedic Yoga am vergangenen Wochenende (18./19.6.2016) in Frankfurt am Main.  Barbra Noh und Kimmana Nichols, zwei der drei Begründer des Systems, erläuterten dies am Beispiel von Schmerzen im Bereich des unteren Rückens.

Ein besonderer „Zufall“

Die Idee des ThaiVedic Yoga Konzepts entstand dank einer zufälligen Begegnung zwischen Barbra und Kimmana am Strand in Goa im Jahre 2012. Kimmana stammt aus der 3. Generation einer Familie von Heilern in Australien und beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit verschieden Heilkonzepten, u.a. der Chinesischen Medizin, Ayurveda und westlichen Ansätzen. Als er die halb koreanische, halb australische Anusara-Yogalehrerin Barbra ein Buch über Ayurveda lesen sah, kamen beide ins Gespräch und ihnen wurde sofort klar, dass sie zusammenarbeiten und ihre Ansätze verknüpfen möchten. Der Grundstein für ThaiVedic Yoga war gelegt. Der dritte Mitbegründer ist der Portugiese Sebastian Bruno – Spezialist im Bereich der Thai Massage – mit welchem Kimmana bereits zuvor am ThaiVedic Ansatz arbeitete.

Gemeinsam erarbeiteten die drei ein gesamtheitliches Konzept zur Selbstheilung und Therapie – unter Einbeziehung von Ayurveda, Yoga, Thai Massage und Körperarbeit. In einer ThaiVedic Yoga Ausbildung zum Therapeuten geht es also nicht so sehr um die klassische Yogalehrerausbildung, in welcher man Sequenzierung und Anleitung von Gruppen lernt, sondern um die individuelle Behandlung einzelner Personen – allen voran sich selbst.
Oberstes Ziel ist die Förderung der Gesundheit. Durch den Zusammenschluss verschiedener, sich ergänzender Disziplinen, soll Heilung erreicht werden. Wenn man die eigenen Qualitäten und Defizite besser versteht, kann man zu einer ausbalancierten Lebensweise kommen – auch fernab der Yogamatte.

ThaiVedic Yoga geht von einer nicht-dualistischen Tantra Philosophie aus, die besagt, dass alle Dinge und Lebewesen durch ein Energiefeld miteinander verbunden sind. Sprachlich wird das ayurvedische System der Elemente und Doshas benutzt, welches auch auf andere Bereiche im Leben anwendbar ist. Dies erleichtert eine interdisziplinäre Verständigung.

Leben durch die Augen der fünf Elemente

Die fünf Elemente Äther, Luft, Feuer, Wasser und Erde lassen sich den drei Doshas (Vata, Pita und Kapha) zuordnen. Hierbei haben alle Elemente spezifische Qualitäten, die es erleichtern, Behandlungen abzustimmen, nachdem durch das jeweilige Dosha die Wurzeln der Krankheit bestimmt wurden. Es geht darum, Körper und Geist in Balance zu halten und damit die Basis eines gesunden Lebens zu schaffen.

Auf die Frage, was die Teilnehmer des Wochenendworkshops mit nach Hause nehmen sollen, antwortete Kimmana: „Der wichtigste Punkt ist das ayurvedische System der fünf Elemente. Schau dir das Leben durch die Augen der fünf Elemente an. Meine Schüler sollen das Feld der rein schwarz-weißen Betrachtungsweise verlassen. In Ayurveda ist nichts einfach nur gut oder schlecht. Wir betrachten Dinge durch die Farben der Elemente. Alles hat seine Daseinsberechtigung im Leben, es kommt auf die Zeit, die Saison, das Individuum und den Ort an. Wenn wir das Leben auf diese Weise betrachten, hören wir auf Dinge zu beurteilen und können eher die Verbindung zwischen uns selbst und der Umgebung erhalten. Das wäre ein Thema, was ich gerne transportieren würde.“

Konkret auf Yoga angewendet, können die Elemente dazu dienen, eine Yogastunde ausgeglichener zu gestalten, indem deren verschiedenen Qualitäten integriert werden. Anwendbar ist das Prinzip aber auch auf einzelne Asanas. Neben der Integration der Elemente, kann man auch deren Reihenfolge berücksichtigen. Dies führt zu einer Prioritätenordnung, indem beispielsweise mit dem Äther als stärkstes und wirkungsvollstes Element in einer Yogastunde angefangen wird.

Eine alle fünf Elemente enthaltende Einheit könnte wie folgt aussehen: zum Anfang startet man mit einer Meditation (Ätherelement: Fokus auf Geist und Bewusstsein) gefolgt von Pranayama (Luftelement: Man setzt eine Intention für die Praxis). Danach kommt eine aufwärmende Phase (Feuerelement: Es wird Hitze erzeugt), Vinyasa (Wasserelement: sanfte Bewegungen im Flow) und im Abschluss folgen Übungen zum Muskelaufbau (Erdelement: Form und Struktur zur besseren Verwurzelung). Geendet wird mit Shavasana, welches wieder dem Ätherelement zugeordnet werden kann. Somit ist der Kreis geschlossen.

Ein Beispiel für die Berücksichtigung der Doshas wäre es, seine Asanapraxis nach der Uhrzeit zu richten. Je nach Sonnenstand ist ein bestimmtes Dosha stärker und somit eine ruhigere oder aktivere Praxis empfehlenswerter.

Ein holistischer Ansatz

Der Workshop selbst war in vier Teile gegliedert, in welchen Kimmana uns die Grundkonzepte der fünf Elemente und Doshas vorstellte und Barbra diese in Yogaübungen integrierte. Der theoretische Fokus war auf den unteren Rücken gerichtet, daher haben wir uns vor allem mit Vata beschäftigt. Dieses Dosha verursacht in 80% der Fälle das Rückenleiden.  Wir erlernten in einer interaktiven Mischung Übungen gegen die Schmerzen, ebenso wie den theoretischen Hintergrund oder Hilfestellungen durch kleine Differenzierungen in den Ausrichtungsprinzipien einzelner Asanas. Es sind teilweise kleine Tipps, welche jedoch eine große Wirkung haben und Schmerzen lindern können. Neben Theorie und Yogaeinheiten durften wir uns auch in der Körperarbeit versuchen, indem wir unter Anleitung ThaiYoga in Partnerübungen praktizierten. Mein Fazit: viel Input, aber sehr anschaulich vermitteltes Wissen, das dank seiner direkten Anwendbarkeit gleich umgesetzt werden kann.

Selbst Verantwortung übernehmen

Auf die Frage, warum Ayurveda in der westlichen Welt nicht weiter verbreitet ist, antwortete Kimmana: „Ich würde sagen, dass der erste Grund ist, dass das Ayurvedasystem sehr vom westlichen Denken von gut und schlecht abweicht. Normalerweise urteilen wir gerne. Wenn wir wissen, was gut oder schlecht ist, brauchen wir selbst nicht mehr darüber nachzudenken. Das simplifiziert das Leben. Wir brauchen nicht im Moment zu sein und zu überlegen, was gerade jetzt, genau hier, das Beste ist. Dies braucht mehr Zeit und die nehmen sich viele Menschen nicht. Wenn wir uns die Medizin weltweit anschauen und wie praktiziert wird, stellen wir fest, dass die Arztbehandlungszeit immer kürzer wird. Wie hier in Deutschland zum Beispiel: Geht man ins Krankenhaus, hat der Arzt nur kurz Zeit, seine Diagnose zu stellen. Er kann nicht eine Stunde mit seinem Patienten verbringen. Für Ayurveda brauchst du Zeit, du stellst viele Fragen.
Der zweite Grund ist, dass Menschen allgemein ungern Verantwortung für die eigene Gesundheit übernehmen. Viele wollen ihre Lebensweise und Ernährung nicht umstellen, sie bevorzugen es, eine Pille zu schlucken. Das sind die zwei Hauptgründe warum Ayurveda nicht verbreiteter ist: Zeitmangel und wenig Wille zur Selbstverpflichtung.“
Das ganze Interview mit Kimmana könnt ihr übrigens auf meinem Blog nachlesen.

 

 

20160621_120030Gast-Bloggerin Eva Paasch hat einen Magister in Romanistik, historischer Ethnologie und Philosophie. Nach einigen Jahren in Spanien, arbeitete sie als Analystin in einer brasilianischen Bank in Frankfurt und hat sich nun entschieden, ihrem Leben eine andere Richtung zu geben und durch die Welt zu reisen. Über ihre Erfahrungen und Ausbildungen als Yogalehrerin berichtet sie auf ihrem Travelling Yogini Blog.

 

 Anzeige

1 Kommentar