Es begegnet vielen von uns immer wieder im Leben: dieses schleichende Empfinden, wir seien für etwas nicht gut genug. Sei es für den lang ersehnten Traumjob, für den wir unserer Meinung nach leider nicht die nötigen Qualifikationen mitbringen. Oder sei es zum ersten Mal vor eine Gruppe zu treten und unser Wissen zu teilen, nachdem wir eine Yogalehrerausbildung gemacht haben. Wir finden uns in unserem Alltag ständig in Situationen wieder, in denen wir unser Können oder unseren Wert neu verhandeln. Per se ist daran auch nichts auszusetzen, Dinge zu hinterfragen und uns wieder neu zu verorten; tatsächlich fördert es unsere Entwicklung. Doch wenn der Gedanke, nicht gut genug zu sein, erdrückend wird und uns bremst, positive Veränderungen in unserem Leben anzustoßen, ist es vielleicht an der Zeit, Muster genauer zu betrachten.

Die Yogapraxis kann hierfür ein wundervolles Werkzeug sein. Aber paradoxerweise scheint es gerade hier immer häufiger vorzukommen, dass Menschen meinen, sie seien nicht gut genug für Yoga.

Als Yogalehrerin höre ich folgende Sätze erschreckend oft – sei es von Beginnern, von Menschen, mit denen ich mich zum ersten Mal über Yoga unterhalte oder auch von Leuten, die schon jahrelang Yoga praktizieren: „Ich bin nicht flexibel genug für Yoga.“ „Ich bin nicht fit genug für Yoga.“ „Ich kenne mich beim Yoga nicht aus.“ „Mein Körpergefühl ist nicht gut genug für Yoga.“ Und auch ich selbst finde mich manchmal in der Situation wieder, dass ich in einer Hatha-Yoga-Stunde für einen Moment denke, eine Mattengenossin neben mir kann ein Asana besser als ich. Was für ein konditionierter Unsinn!

Die zitierten Sätze und auch meine Gedankenblitze spiegeln wieder, welches verzerrte Bild von Yoga in unserer Gesellschaft vorherrscht: Er sei ein Übungs- oder gar Sportprogramm, um sich selbst zu optimieren. Er sei ein Mittel, um schlanke Muskeln, einen schönen Körper oder strahlende Haut zu bekommen. Oder es seien gewisse Voraussetzungen nötig, um überhaupt Yoga machen zu können. Dabei ist der Yoga als ganzheitlicher Übungsweg, in seinem traditionellen Sinne, jedem Menschen und zu jeder Zeit zugänglich.

Zu sagen, man sei nicht dehnbar oder stark genug für Yoga, ist so wie zu sagen, man sei zu schmutzig um zu duschen, zu müde um zu schlafen oder zu hungrig um zu essen. Es sind gerade unsere vermeintlichen Schwächen, die wir mit Yoga in ein liebevolles Licht rücken können. Und hiermit meine ich nicht eine verkürzte ischiocrurale Muskulatur oder ein wenig Hüftspeck, sondern die tief sitzenden, unbewussten Muster und Eindrücke, der Yoga nennt sie Samskaras, die verschleiern, dass wir von Natur aus gut und ganz sind. Es gilt also mit dem hartnäckigen Missverständnis aufzuräumen, man müsse für Yoga eine bestimmte Figur, Leggings oder Yogamatte haben.

Wenn du die folgenden Kriterien erfüllst, dann bist du definitiv bereit für Yoga:

  1. Du atmest.
  2. Siehe Punkt 1.

Den Yoga an den Menschen anpassen

Im zweiten Vers des ersten Kapitels seines berühmten Yogasutra beschreibt Patanjali, was Yoga ist: das Zur-Ruhe-Kommen der Fluktuationen (oder Gedanken) im Geist, yoga chitta-vrtti nirodhah. Es geht also nicht primär um den Körper, auch wenn wir ihn als ein hilfreiches Werkzug nutzen können, wie wir es zum Beispiel in der Asanapraxis tun, sondern es geht um den Geist.

Es sind die modernen Massenmedien und die Strukturen in unserer Konsumgesellschaft, die zu einem großen Teil dafür verantwortlich sind, dass viele Menschen im 21. Jahrhundert glauben, im Yoga gehe es primär um den physischen Körper. Der starke Fokus auf Asanas, die jedoch nur einen der acht Glieder des klassischen Yogapfades bilden und die heute oft mit dem Wort „Yoga“ gleichgesetzt werden, hat bei vielen Menschen ein sehr lückenhaftes Bild dieser praktischen Lebensphilosophie entstehen lassen. Man nehme dann zum Beispiel noch die so genannten „Influencer“ hinzu, die für ein mit Yoga-Hashtags versehenes Instagram-Bild im Spagat posieren und damit ein Millionenpublikum erreichen. Wen wundert es da noch, dass wenige Menschen wissen, dass der Yoga dazu dient, das Ego zu transzendieren anstatt es aufzupolieren und bei vielen Unsicherheit entsteht, ob sie für Yoga überhaupt gut genug sind.

Aber die Antwort lautet ganz eindeutig: Ja! Denn das Schöne am Yoga ist, dass er den individuellen Menschen dort abholt, wo er gerade steht. Beziehen wir es auf unsere Asanapraxis dann sei gesagt, dass die Herausforderung gerade darin besteht, die Praxis an den Menschen anzupassen und nicht den Menschen in eine unbequeme Haltung zu zwängen, die so aber im Lehrbuch steht. Beim Hatha-Yoga kann es darüber hinaus so schön sein, mal wieder etwas ganz Neues auszuprobieren, auch wenn man sich vielleicht zu Beginn etwas seltsam vorkommt, z.B. mit angewinkelten Beinen wie ein Baby auf dem Rücken zu liegen, die Welt auf dem Kopf zu betrachten oder wie ein Löwe zu brüllen. Und jenseits der Yogamatte ist so vieles spirituelle Praxis: Bewusstes Atmen ist Yoga. Barfuß auf einer Blumenwiese zu laufen und das Gras unter den Sohlen zu spüren ist Yoga. Einen inspirierenden Text zu lesen ist Yoga. Die eigene Kreativität auszuleben ist Yoga.

Oft sind es Scham oder Angst, die uns hemmen und uns im Altbekannten verharren lassen. Doch gerade der Yoga ist unsere Spielwiese, um uns von Mustern zu lösen, die uns klein halten und um uns von dem destruktiven Gedanken, wir seien für etwas nicht gut genug, zu verabschieden.Anzeige

1 Kommentar

  1. Der richtige Moment ist jetzt – weg mit dem inneren Kritiker und einfach mit Yoga beginnen. Man/frau ist immer gut genug, egal wie und wann. Das wichtigste ist, immer gut für sich zu sorgen und nicht über die eigenen Grenzen zu gehen. Und wenn mal eine Übung zu schwer erscheint und man/frau sie nicht schafft, dann einfach mental dran bleiben und die Übung geistig durchführen – das wirkt auch schon Wunder. Denn wir wissen alle: Gedanken versetzen Berge… 😉

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