An der Tür zum Büro gibt manch einer seine yogische Einstellung ab – dabei sind Patanjalis Yamas auch im Berufsleben gefragt
Unter den Yama wird ein Verhalten im yogischen Sinne verstanden, das uns darin unterstützen kann, wie wir im Umgang mit anderen Menschen zu einem friedvollen und achtsamen Miteinander gelangen können. Der Yoga zielt nicht nur darauf ab, innere Zufriedenheit zu erlangen, sondern auch in Frieden mit anderen Menschen zusammen zu leben und einen entsprechenden Umgang mit ihnen zu pflegen. Dies ist nicht nur in einer persönlichen Liebesbeziehung oder innerhalb der eigenen Familie wichtig, sondern gerade in der heutigen Zeit im Arbeitsleben essentiell. Konkurrenzdenken, Intoleranz, Neid und Missgunst lassen sich so wieder in Zusammenarbeit, gegenseitiges Verständnis, Respekt und Toleranz transformieren.

Wie ein Mensch mit seinen Mitmenschen umgeht oder sich seiner Umwelt gegenüber verhält, hängt unter anderem von seinem sozialen und kulturellen Hintergrund, aber auch von seinen religiösen Vorstellungen, seiner Persönlichkeit, seinen Fähigkeiten und seinen Fertigkeiten ab. Unabhängig aber etwa von unserer Kultur oder unserer Persönlichkeit sind wir hinter all den äußerlichen Erscheinungen eins, bzw. stammen wir aus einer und der gleichen, nämlich göttlichen Quelle. Wenn wir diesen Aspekt im Bewusstsein haben, wird sich unser Umgang mit anderen Menschen im Berufsalltag ändern und wir können hier letztendlich zufriedener und entspannter leben. Wenn wir diesen Aspekt beherzigen, dann werden wir fähig zu realisieren, dass wir uns selbst schaden, wenn wir zum Beispiel unser Gegenüber übergehen, übervorteilen oder mobben. Nach Ansicht der Yogis betrügen wir uns in einem solchen Falle letztendlich selbst und häufen durch solche Taten nur negatives Karma an, welches irgendwann wieder auf uns selbst zurückfällt. Mit anderen Worten bedeutet dies, dass wir irgendwann für ein solches Fehlverhalten zahlen müssen – wenn nicht in diesem Leben, dann in einem späteren. Aus diesem Grund wird der Selbsterkenntnis im Yoga ein zentraler Platz zugewiesen: je mehr wir uns selbst erkennen, desto besser wird es uns zum Beispiel in einer leitenden Position gelingen, andere Menschen zu führen. Wer mit seinen eigenen Gedanken und Gefühlen, mit seinen Bedürfnissen und Leidenschaften zurecht kommt und nicht blind von ihnen getrieben wird, der wird auch in der Lage sein, die Ängste, Nöte und Empfindungen seiner Mitarbeiter oder Kollegen besser zu verstehen.

Yama, die Verhaltensweisen im Umgang mit anderen Menschen, werden gemäß dem Sutra des Patanjali in folgende fünf Aspekte unterteilt: Gewaltlosigkeit, bzw. ein überlegter und behutsamer Umgang mit allem, was lebt; besonders mit den Lebewesen, die hilflos sind oder die sich in Schwierigkeiten befinden; Ehrlichkeit, bzw. aufrichtige Verständigung durch Sprache, Gesten und Handlungen; Nicht-Stehlen, bzw. Nichtbegehren oder die Fähigkeit, uns von dem Wunsch nach Dingen, die uns nicht gehören, zu lösen; Enthaltung von Sinnlichkeit, bzw. Mäßigkeit in all unserem Tun; Nicht-Horten bzw. die Fähigkeit uns auf das zu beschränken, was wir brauchen, und nur das anzunehmen, was uns zusteht.

Gewaltlosigkeit
Im Sinne des Sutra ist zum einen gemeint, einem anderen Menschen weder körperlich Schmerzen zuzufügen noch Gewalt auf ihn auszuüben. Damit ist aber auch gemeint, dass man einen Menschen nicht durch Worte und auch nicht durch Gedanken verletzt. Das bedeutet, dass wir selbst darauf achten sollten, wie wir über einen anderen Menschen denken. Wie schnell verurteilen wir etwa einen Arbeitskollegen, wenn er nicht unseren äußeren Vorstellungen entspricht, sich anders kleidet, anders denkt und eine andere Arbeitsweise hat als wir selbst. Und wie schnell verurteilen wir einen anderen Menschen, wenn er nicht die gleiche Meinung vertritt wie wir selbst. In einem solchen Falle bewerten wir ihn dann vorschnell negativ – und lehnen ihn infolgedessen innerlich ab. Oder wie schnell geraten wir in Versuchung, gerade in Führungspositionen unsere Meinung durchzusetzen, ohne Rücksicht auf den anderen Menschen. Auch Mobbing gehört hier dazu.

Wie schnell kann sich auch unter Arbeitskollegen, die sich gegenseitig nicht sympathisch sind, aus einer Meinungsverschiedenheit ein Streit entzünden, der in gegenseitigen verbalen Verletzungen enden kann und einen gemeinsamen Arbeitsalltag erschwert, statt ihn zu erleichtern. Beginnen wir hingegen auf unsere Gedanken zu achten, werden wir auch im Austausch mit dem jeweiligen Gegenüber bewusster und können friedvoller und effektiver miteinander sein und arbeiten.

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Oftmals ist ein anderer Mensch nämlich nur unser Spiegelbild, d.h. wir lehnen eine Eigenschaft an ihm ab, die wir selbst haben, aber nicht wahrhaben wollen, oder die uns nicht bewusst ist, weil uns der nötige Abstand fehlt. Dadurch, dass ein anderer Mensch im engen beruflichen Kontakt uns also die eigene Unzulänglichkeit spiegelt, reagieren wir vielleicht aggressiv auf ihn, ohne zu erkennen, dass er uns lediglich unsere eigenen Schattenseiten vor Augen hält. Durch die regelmäßige Yogapraxis können wir erkennen, wie sehr wir von einem anderen Menschen, der uns als Spiegel dient, lernen können.

Durch eine regelmäßige Yogapraxis werden wir lernen, unseren Geist und somit die eigenen Gedanken zu beobachten und zu beruhigen. Immer wieder werden wir feststellen, wie sich der Geist durch Körperübungen, Atemübungen und Meditationen verändert.
Dadurch werden wir erkennen, wie sehr uns das Üben hilft, den Geist von seiner Unruhe zu befreien. In dem Moment, in dem der Geist ruhiger wird, können wir Alltagssituationen, Arbeitskollegen und Geschäftspartner und Schwierigkeiten in Ruhe betrachten.
Dadurch verfeinert sich im Laufe der Zeit die eigene Wahrnehmung, der Geist wird differenzierter und wir hören auf, unsere Umwelt vorschnell und pauschal zu beurteilen. Dann wird es uns zum Beispiel in einer beruflichen Auseinandersetzung schneller gelingen, dass wir in die Beobachterrolle gehen und erkennen, warum wir so scharf reagieren oder warum wir uns so schnell angegriffen fühlen. Dann können wir im Laufe der Yogapraxis zum Beispiel auch erkennen, dass wir Gefühle haben, aber wir nicht unsere Gefühle sind; dass wir Gedanken haben, aber nicht unsere Gedanken sind.

Manchmal lässt es sich aber nicht vermeiden, dass wir einem Arbeitskollegen, dem Chef oder einem Geschäftspartner gegenüber gewaltvolle oder negative Gedanken empfinden. Schließlich wirken die Hindernisse, die an anderer Stelle beschrieben wurden, durch uns hindurch. Durch eine regelmäßige Praxis können wir aber achtsamer und bewusster werden und bemerken, wie schnell wir die Tendenz haben, unheilvolle, negative und vielleicht sogar auch gewaltsame Gedanken für einen anderen Menschen zu empfinden. Eine regelmäßige Yogapraxis wird uns dann nicht nur helfen, achtsamer und wachsamer im Umgang mit unseren Gedanken zu sein, sondern auch die Verantwortung für das zu übernehmen, was wir denken und was wir fühlen.

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.