Ayurvedische Betrachtungen über das Wetter und die Jahreszeiten
Alle reden über das Wetter, wir auch: Sicherlich wurde kein Sommer so sehr herbei gesehnt wie dieser! Der lange, kalte Winter mit dem übermäßig vielen Schnee, das verregnete Frühjahr und die kühleren Tage und Nächte bis in den Frühsommer hinein waren eine Belastung für das körperliche und psychische Wohlbefinden vieler Menschen. Doch nun ist der Sommer da und die winterlichen Befindlichkeitsstörungen wie anhaltende Müdigkeit, Depressionen, vermehrte Rückenbeschwerden oder Immunschwächen sind bei den sommerlichen Temperaturen und der üppigen Fülle unserer Natur in Vergessenheit geraten!

Wenn wir uns das verrückte Wetter der letzten Jahre so anschauen – und damit verbunden auch die Naturkatastrophen, Umweltschäden und gesundheitlichen Belastungen – sind die alten ayurvedischen Empfehlungen „Rtucarya“ so aktuell wie nie zuvor und verhelfen uns zu einem gesunden und energievollen Leben im Einklang mit den Jahreszeiten.

Im klassischen Ayurveda wird das Jahr in sechs Jahreszeiten aufgeteilt, in denen die durch das Klima hervorgerufenen Dosha-Einflüsse sehr präzise beschrieben werden. Für jede dieser Jahreszeiten gibt es spezielle Empfehlungen der Ernährungsweise sowie bezüglich geeigneter und ungeeigneter Reinigungs- und Behandlungsformen.
Will man die ayurvedische Medizin in unseren Breitengraden erfolgreich anwenden, so ist eine Anpassung an das eigene heimische Klima unbedingt erforderlich. So ist es z.B. ein Unterschied, ob Sie an der rauen Nordseeküste oder im Tessin leben.

Generell kann man sagen, dass das windige und raue Klima des Nordens Vata-erhöhend wirkt und milde Klimaregionen Vata-senkend sind. Doch auch alle untypischen Wetterlagen, wie z.B. ein zu kalter Frühling, ein zu warmer Winter o.Ä. erhöhen Vata-Dosha und schwächen die Immun- und Lebenskraft. Ebenso wirken sich Fern- und Flugreisen häufig ungünstig auf das innere Dosha-Gleichgewicht aus und bescheren aus dieser Perspektive eher Stress und Vata-Belastung als die erhoffte Erholung und Regeneration.

Laut Ayurveda beginnt der frühe Sommer (grshma rtu) bereits Ende April und zeichnet sich durch Wärme und Trockenheit aus. Dies konnten wir in diesem Jahr nicht bestätigen, denn in manchen Haushalten hingen die warmen Winterjacken noch bis in den Mai hinein gebrauchsbereit an der Garderobe. Trotz der untypischen Kälte reagiert unser innerer Organismus nach dem Rhythmus der Natur, indem er im frühen Sommer Feuchtigkeit verliert, was bei vielen Menschen zu trockener Haut oder Schuppenbildung geführt hat. Um dies auszugleichen, ist der Genuss von süßen, kalten, flüssigen und ölig-fettigen Speisen und Getränken empfehlenswert. Das heißt in der Praxis, dass im Mai und Juni auch Speisen, die sonst eher als „unayurvedisch“ oder gar „ungesund“ gelten, wie z.B. Eiscreme, Gurkensalat oder Quarkspeisen dem eigenen Wohlbefinden dienen können. Freuen wir uns aber nicht zu früh, denn die sauren, salzigen, scharfen und heißen Nahrungsmittel sowie alkoholische Getränke sollten hingegen gemieden werden, was bedeutet, dass wir zum Quark und Eis keine Beerenfrüchte nehmen dürfen und den Gurkensalat nicht mit Essig anmachen sollen.

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Wenn es dann bei uns richtig warm wird, beginnt im ayurvedischen Kalender bereits der späte Sommer (varsha rtu). Nun scheint zwar die Sonne und wir genießen Licht und Wärme an Leib und Seele, jedoch arbeiten die Verdauung und der Stoffwechsel vergleichsweise schwach. Die sommerlichen Temperaturen lassen zwar unser inneres Feuer (pitta) ansteigen, welches uns im Störungsfall mit starkem Schwitzen, Hautrötungen und -Brennen, Kopfschmerzen und innerer Reizbarkeit überfällt, doch unser Verdauungsfeuer (agni) wird mit jedem Sommertag schwächer und schwächer. Das erklärt nun auch, warum die Südländer immer recht scharf essen und ihre Speisen mit Chili, Pfeffer, Zwiebeln und Knoblauch anreichern. Sie steigern damit ihre Verdauungs- und Lebenskraft!

Weitere Empfehlungen, um nicht auszuzehren, sind ein gemäßigter Lebensstil (Siesta halten und immer schön locker bleiben), direkte Sonne vermeiden (Cabrio ade) und übermäßigen  Sex vermeiden. Die letzte ayurvedische Sommer-Regel ist allerdings nicht mehr im südländischen Bewusstsein verankert…

Zur inneren Vitalisierung ist es empfehlenswert, im Sommer viel Honig zu essen (das ist auch gut für die Figur!) und die täglichen Speisen aus leichten Gemüsesorten, frischen Salaten und Kräutern und kalt gepressten Ölen zusammen zu stellen.

Glücklicherweise geht die auszehrende Zeit Ende August zu Ende, denn nun beginnt laut Ayurveda der Herbst (sharad rtu) und damit eine der besten Jahreszeiten! Jetzt ist Agni wieder stark und versorgt uns mit Energie und Tatkraft. Alle Speisen können gut verdaut werden, besonders die süßen, leichten, kalten und bitteren Nahrungsmittel. Im Sport und im Job können wir im September und Oktober zur Höchstform auflaufen und ayurvedische Reinigungskuren werden nun besonders erfolgreich durchgeführt. In diesem Sinne erleben wir auch in unserem Körper ein Erntedankfest, bei dem wir im Herbst all die guten Früchte für unsere gesunden Sommer-Handlungen ernten dürfen.

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