In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

1. Die Suche nach dem inneren Schatz – was Yoga, Zen, Qigong & Co. gemeinsam haben

Hat man sich heute an eine Yoga­form gewöhnt, so ist mit Sicherheit damit zu rechnen, dass  morgen eine neuer Yogastil „in“ ist. Oder sollte nicht doch lieber Meditation geübt werden? Manche schwören auf die traditionelle Form der Yoga-Meditation, wie sie ursprünglich im hinduistischen Kulturkreis entwickelt wurde. Andere wenden sich hingegen Vipassana oder Zen zu. Die Buddhisten sollen ja als die großen Spezialisten des Meditierens gelten. Oder sollte es doch Qigong oder Taijiquan aus der daoistischen Kultur Chinas sein? Auch der Drehtanz der muslimischen Derwische wurde inzwischen sogar für Frauen geöffnet. Letztlich muss man heute aber auch gar nicht mehr in fremden Kulturen suchen. Im Christentum entwickelte Übungsformen wie das Herzensgebet oder die Kontemplation sind seit langer Zeit wieder entdeckt. Der Markt der Übungen scheint unerschöpflich. Wie ist es möglich, sich hier zu orientieren? Was ist das Gemeinsame, was sind die Unterschiede? Sind alle Übungsformen als gleichwertig zu beurteilen, oder muss eine bestimmte Praxis vorgezogen werden?

Als Erstes ist es wichtig, in aller Ruhe nachzusehen, wo es denn überhaupt hingehen soll. Wohin weisen die Wege? In ihren ursprünglich religiösen Kulturen sah man Yoga, Meditation und auch die anderen genannten Übungen vielfach als Vorbereitung für das Leben nach dem Tode. Man versuchte, sich mit dem Üben jenseitige Schätze zu sichern, das Paradies, das ewige Leben im Himmel, die Befreiung von der Wiedergeburt oder das Eingehen ins Nirvana. Aber auch irdische Schätze sollten gefördert werden, Gesundheit, Wohlstand und ein langes Leben. Das Streben nach den jenseitigen Schätzen ist in der säkularen Kultur des Westens oft aus dem Blick geraten. Aber die irdischen Schätze werden vielen doch bekannt vorkommen, wenn die Steigerung von Fitness und Leistungsfähigkeit die Motivation für das eigene Üben bilden.

Den inneren Schatz finden
Ob sich der Blick auf ein Leben nach oder vor dem Tod richtet, immer geht es um äußere Schätze. Dies mag nicht unbedingt als schlecht beurteilt werden. Das eigentliche und ursprüngliche Potenzial der Übungsformen ist so jedoch noch nicht in den Blick genommen. Schon die Yogis der alten Upanishaden, der ältesten uns überlieferten Texte des Yoga, lenkten den Blick auf einen inneren Schatz, der tief in uns vergraben liegt und darauf wartet, von uns entdeckt zu werden. Und auch alle anderen Traditionen beschreiben einen solchen Schatz, der sich in der Erfahrung einer inneren Gelassenheit, eines inneren Glücks oder als Aufbrechen des inneren, göttlichen Wesensgrundes zeigt.

Alle Übungsformen in den unterschiedlichsten Kulturen und Religionen kommen darin überein, dass ihr ursprünglicher Sinn dann erreicht wird, wenn sie als „Grabetechniken“ für einen inneren Schatz verstanden werden. Hierbei kristallisieren sich Prinzipien heraus, die durchaus konkret benannt werden. Immer geht es darum, sich in der Übung auf einen bestimmten Fokus auszurichten. Die Körperübungen des Yoga oder des Taiji tun dies durch die Konzentration auf den Körper. Die Atemübungen tun das Gleiche mit dem Atem. Die Meditationsformen konzentrieren sich auf ein Mantra, eine Kerze oder auch auf eine leere Stelle an der Wand. Hierdurch denken wir nicht mehr an dies oder auch an das, nicht an die Beleidigung, die uns gerade widerfahren ist, und auch nicht an das leckere Essen, auf das wir uns freuen. Ob mit Worten meditiert oder mit dem Körper geübt wird, immer geht es um die Sammlung auf den jeweiligen Übungsgegenstand. Selbst bei der größten Konzentration verbleiben wir so jedoch immer noch an der Oberfläche.

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Was nun folgt, ist für viele nicht mehr nachvollziehbar. Jetzt stoßen wir auf den Grund, warum der Weg zum inneren Schatz als ein „mystischer“ Weg bezeichnet werden kann, der dem Außenstehenden verborgen bleibt. Aber alle Texte der unterschiedlichen Traditionen und alle Meister der Übungswege stimmen darin überein. Der Weg nach innen bedeutet Sammlung, gleichzeitig aber auch ein Loslassen. In die Tiefe graben wir erst, wenn zur konzentrierenden Sammlung noch die Gelassenheit hinzukommt. Hier ist das ständige Wiederholen der Übung hilfreich, aber auch die grundsätzliche Haltung der Hingabe in der Praxis.

So kann Meister Eckhart, der große christliche Mystiker des Mittelalters, seinen Schülern sagen: „Suchst du ihn (Gott)  nicht, so findest du ihn.“ Im buddhistischen Lotos-Sutra ist der Ausruf des Erwachten zu lesen: „Ich hegte im Herzen keinerlei Erwartung. Es ist mir, als ob diese kostbaren Schätze ganz von selbst zu mir gekommen wären.“ Der daoistische Meister Zhang Sanfeng schließt daran an, wenn er lehrt: „Stellt sich Einsicht spontan ein, ohne dass du sie suchtest, dann ist es wahre Einsicht.“ Und auch der innere Schatz der Yogapraxis bricht erst dann auf, wenn wir im Üben immer weniger machen und uns von der Kraft in der Leichtigkeit tragen und beschenken lassen.

Impulse für die eigene Praxis: die individuell hilfreiche Übungsform finden
Alle Beschreibungen des Weges zum inneren Schatz widersprechen unserem allgemeinen Denken, nach dem mehr Anstrengung auch zu besseren Ergebnissen führen soll. Dies gilt zwar für äußere Schätze – jedoch nicht für das Graben nach dem inneren Schatz. Der Blick in parallele Wege der anderen Kulturkreise scheint dies zu bestätigen. So erweisen sich die Übungen des Yoga, die aus dem hinduistischen Kulturkreis erwachsen sind, keineswegs den buddhistischen Meditationsformen als überlegen. Vom christlichen Herzensgebet kann nicht behauptet werden, dass es wahrer ist als das chinesische Qigong. Unterscheidung ist wichtig. Aber es ist wenig hilfreich, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden. Geht es um die Suche nach dem inneren Schatz, so ist festzustellen, dass nicht jede Übungspraxis bei jedem Menschen gleich wirkt. Beim einen öffnet sich der innere Schatz besser durch die Körperpraxis des Yoga, beim anderen durch die Bewegungen des Qigong. Der eine erfährt eine Meditationspraxis des Yoga, der andere eine Meditationsform des Buddhismus, und wieder ein anderer das christliche innere Beten als hilfreich. Und wieder andere verbinden verschiedene Übungsformen aus unterschiedlichen Kulturkreisen.

Gerade heute wird es möglich, auch den Blick über die Begrenzungen des eigenen Weges zu wagen und die verwandelnde Kraft zu entdecken, die in der Öffnung für die Übungsformen anderer Kulturkreise liegt. Die nun folgende Reihe wird, eine nach der anderen, die wichtigsten Übungsformen der Weltreligionen vorstellen. Vielleicht können wir dann die unterschiedlichen Landkarten der spirituellen Wege zu einer großen Weltkarte zusammenfügen, die Wege der anderen Kulturen besser verstehen lernen und am Ende sogar wichtige Impulse für die eigene Praxis gewinnen.

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1 Kommentar

  1. Danke für diesen Beitrag. ich bin selbst Yogapraktizierende und Yogalehrerin für ashtangayoga. Gerade in dieser Yogarichtung wird ja gern von den Anhängern behauptet, ashtangayoga wäre das einzig wahre Yoga. Obwohl das wahrscheinlich alle Richtungen von sich behaupten…. Ich habe das selbst lange Zeit geglaubt und bin recht missionierend durch die Welt gelaufen. Ich habe versucht, alle davon zu überzeugen, dass ashtangayoga der beste Weg zum Glück wäre.
    Bis es zu einer Wende kam weil ich innerhalb dieses Systems selbst an meine Grenzen gestoßen bin. Ich habe lange Zeit versucht, durch noch größere körperliche und mentale Anstrengung weiterzukommen und war überzeugt, dass nur mein Ego es ist, das mir da Grenzen aufzeigt. Ich müsste einfach weiter durchhalten. Von Liebe, innerer Fülle und Glück war ich natürlich meilenweit entfernt.
    Ich habe irgendwann angefangen, die Vorstellung, wie genau der spirituelle Weg aussehen muss, loszulassen. Nur so konnte ich wieder zur Freude an meinem Körper und meinem menschlichen Sein zurückfinden. Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass nur die Wege “gut” für den einzelnen sind, die ihn in Kontakt mit der Freude an seinem Menschsein bringen. Freude am Körper Freude an seinen eigenen Gedanke und Gefühlen, Freude am Leben, Freude an der Welt. Wenn wir uns kasteien und anstrengen und verbissen üben, nur, weil es irgendein System, ein Guru oder ein Lehrer uns sagt, kommen wir nie in Kontakt mit dem, was wir eigentlich alle suchen.
    Freude ist das Geheimnis. Und die findet jeder woanders.