Wer die Schöpfung ablehnt, wird nie Freiheit finden: Warum das Yogasutra nicht zur Weltentsagung auffordert, sondern ein oft übersehenes Ja zum Leben in all seinen Erscheinungsformen beinhaltet.
Eigentlich ist es erstaunlich, dass das Yogasutra als Standardtext des modernen Yoga gilt, obwohl es nicht unbedingt als lebensbejahender, fröhlicher Text bekannt ist. Trotzdem wird es in fast jeder Yogalehrer-Ausbildung und in vielen Unterrichtsstunden behandelt – wenn auch oft reduziert auf den achtgliedrigen Pfad, die so genannten Kleshas (gerne mit „Störkräfte“ übersetzt) und das berühmte zweite Sutra des ersten Kapitels, das Yoga folgendermaßen erklärt: yogash chitta vrtti nirodhah. Die deutschen Übersetzungen sprechen von Yoga als Zustand, „in dem die Gedanken unterdrückt beziehungsweise im Geiste zur Ruhe gebracht sind“, „die Bewegungen des meinenden Selbst in einer dynamischen Stille gehalten werden“, „der Geist fähig ist, sich ganz auf eine Sache zu konzentrieren“, „die seelisch-geistigen Prozesse zur Ruhe kommen“. Um in diesen Zustand zu kommen, braucht es Disziplin, Anstrengung, Verzicht und die Fähigkeit, loslassen zu können. Der Lohn der Mühen, so steht es im Yogasutra (YS) I.3, ist die transzendentale Erfahrung eines Sehers in seiner eigenen Form. Dieser Seher, heißt es, sei unsere wahre Natur.
Die subtile Botschaft hinter dieser leider sehr einseitigen, historisch bedingt strengen und wenig weltzugewandten Auslegung des Yogasutra ist: Frieden u