Das dynamische Quergewölbe: Als Verbindung zur Erde ist der Fuß ein wichtiges Körperteil, 
dem auch in der Asanapraxis eine besondere Rolle zukommtAnzeige

In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Im Westen sind Füße meist Träger modischen Schuhwerks, pedikürt im Sommer ein Blickfang. In der alternativen Heilmedizin gibt es Fußreflexzonenmassagen als Therapieform. Lotusfüße sind in Indien Metaphern für die Füße von Heiligen, Gurus oder spirituellen Meistern. Es heißt, wer die Füße eines solchen Menschen berührt und sich diese Füße bei einer Niederwerfung über dem eigenen Kopf platziert, erfährt großen Segen. Auf dem indischen Halbkontinent ist diese Art der Niederwerfung und Fußverehrung ein alltägliches Bild. Die Füße spiritueller Meister gelten als besonders rein. Lotusfüße dienen als Sinnbild vollkommener Reinheit und Transformation. Aus dem Schlamm emporwachsend, entfaltet der Lotus über der Wasseroberfläche seine blühende Schönheit. Er ist stets mit dem Schlamm verbunden, seine Wurzeln sind tief darin vergraben, doch seine Blüte ist davon stets unberührt. Das Berühren der Füße soll Energie und die Kraft der Transformation für die eigene Entwicklung übertragen.

Die Wichtigkeit der Füße im Yoga ist auf zwei Ebenen gegeben: anatomisch und energetisch. Yoga-Anatomie fragt nach der objektiven, optimalen Ausrichtung der Füße, aber auch nach dem inneren Gefühl bzw. der inneren Form. Wie fühlt sich ein stabiler und elastischer Fuß an? Findet der Körper seine korrekte Ausrichtung, dann kommt der Geist zur Ruhe, und Balance stellt sich ein. Der Körper hat ein Gespür für die innere Form. Daraus ergibt sich eine an der Physis orientierte, anatomische Ausrichtung bei gleichzeitiger Bewusstheit über innere, energetische Formen und Verbindungen.

Die präzise Ausrichtung des Fußes ist auch für die Weiterleitung von Bewegungs- bzw. subtilen Energieimpulsen nach oben in die Aufrichtung der gesamten Wirbelsäule notwendig. Weist der Fuß Fehlhaltungen und Dysfunktionen auf, können Impulse nicht weitergeleitet werden. Rückenschmerzen können die Folge sein, ebenso energetisch-emotionale Blockaden. Der Aufbau von Asanas beginnt mit dem Fundament, und das sind meist die Füße. Ebenfalls können Verwurzelung und Erdung über den Fuß vermittelt und spürbar werden.

Der Fuß als energetische Schnittstelle

Der Fuß verbindet den Menschen mit der Erde, die Schwerkraft zieht den Körper zur Erde. Im Stehen bzw. im Gehen wirkt die Lebensenergie (Prana) entgegengesetzt in die Aufrichtung nach oben. Auf feinstofflicher Ebene können Energien aus der Erde durch den Fuß in den Körper aufgenommen werden und aufsteigen oder vom Fuß in die Erde abgegeben werden. Der Fuß ist eine Schnittstelle zwischen abfließender Energie (Apana-Prana) und aufsteigender Energie (Udana-Prana). In Standpositionen verleiht er Standfestigkeit und Positionierung. Das Gefühl von Verwurzelung und Erdung kann über den Fuß spürbar werden und symbolisch Einzug in den Alltag nehmen. Ist der Fuß in Standpositionen aufgerichtet und aktiviert, dann fließt die aufrichtende Energie (Prana) entgegen der Schwerkraft weiter durch die Beine über die Hüften ins Becken und in die Wirbelsäule bis zur Kopfkrone. Der Fuß bewegt den Menschen beim Laufen und Gehen. Die Funktion des Fußes in Bewegungen ist das Abrollen und Abfedern. Dadurch kann ein Flow-Effekt beim Wandern oder Joggen entstehen. Im Vinyasa-Yoga entsteht der Flow über fließende Bewegungen und weiche Übergänge. Die Elastizität des Fußes kann über die Fußwelle vermittelt werden. Bewegungsfluss und Leichtigkeit werden im Körper erfahrbar.

Fußgewölbe

Der Fuß ist ein sehr komplexes Gebilde, bestehend aus 32 Gelenken sowie zahlreichen Bändern und Muskeln, verteilt über Rück-, Mittel- und Vorfuß. Form und Funktion des (gesunden) Fußes werden durch seinen gewölbeartigen Aufbau bestimmt. Dieser wird durch das Längs- und Quergewölbe gebildet. Das Längsgewölbe spannt sich von der Fersenaußenkante schräg über den Fuß bis zum Großzehengrundgelenk. Durch die Balance aus der Verankerung der Fußaußenkante (Supination) und des Großzehenballen (Vorfuß-Pronation) findet der Fuß durch eine Art Verschraubung optimale Stabilität. Das Quergewölbe befindet sich im Vorfuß zwischen Großzehen- und Kleinzehengrundgelenk. Beim Laufen und Gehen überträgt der Fuß durch das Abrollen die Belastungskräfte über das Fersenbein nach vorne auf das Quergewölbe. Durch das Nachgeben des Quergewölbes dämpft der Fuß die beim Auftreten entstehenden Stöße ab, leitet sie weiter als Energie nach oben in die Aufrichtung des Beckens und der Wirbelsäule. Dabei federt er im Quergewölbe elastisch ab und nutzt die Kräfte, um sich gegen die Schwerkraft abzustoßen. Wie eine pulsierende Feder arbeitet der Fuß als Schnittstelle zwischen Boden und Körper.

Blattfederdynamik

Der Impuls für die aufsteigende Energie aus dem Fuß ist im Quergewölbe verortet. Es gleicht in seiner Dynamik einer Blattfeder. Federn dienen häufig als Speicher für Energie. Wie eine Blattfeder kann das Quergewölbe absinken und sich dabei abflachen. Zusätzlich kann es sich wie ein Bogen spannen. Beide Positionen werden vom Fuß im Wechsel eingenommen, die verbindende Bewegung erzeugt eine elastische Dynamik mit einem aufschnellenden Impuls nach oben. Verliert eine Blattfeder ihre Spannkraft, flacht sie ab und verharrt in einem ausgeleierten oder versteiften Zustand ohne Dynamik.

Im Yoga ist das dynamische Quergewölbe des Fußes wichtig für die energetische Leitfähigkeit und Durchlässigkeit von Impulsen aus dem Fuß durch die Beine, weiter in die Aufrichtung des Beckens und der Wirbelsäule. Die pulsierende Bewegung des Abflachens und Aufspannens des Quergewölbes kann in seiner energetischen Wirkung wie die eines Bandhas betrachtet werden. Durch Muskelanspannung wird Energie angesammelt, durch die Entspannung wird die Energie schubartig in eine bestimmte Richtung gelenkt. Durch Anspannung der tiefen Fußmuskeln wird Energie im Fuß angesammelt, durch Loslassen durch die Beine nach oben gelenkt. Ist das Quergewölbe zusammengebrochen, verliert der Fuß eine potenzielle Energiequelle, und Impulse bleiben stecken.

Quergewölbe Aufbau

Das Quergewölbe wird zwischen dem Groß- und dem Kleinzehengrundgelenk im Vorfuß wie ein Bogen aufgespannt. Es ist vor allem im unbelasteten Zustand aufgespannt, unter Belastung gibt es elastisch nach. Der knöcherne Aufbau des Gewölbes beginnt im Mittelfuß mit der Anordnung der Fußwurzelknochen. Hier rollt sich das Kahnbein (Naviculare) gemeinsam mit dem ersten Keilbein (Cuneiforme) gegen das Würfelbein (Cuboideum) ein. Die dazwischen befindlichen Keilbeine werden – wie der Name schon sagt – gewölbeartig verkeilt. Der aktive Aufbau wird vor allem durch die kurzen, tiefliegenden Fußmuskeln geleistet. Das sind im Wesentlichen die Fußadduktoren mit Unterstützung der Zwischenknochenmuskeln und der Fußabduktoren.

Sind die tiefen Fußmuskeln unbeweglich, zu schwach und untrainiert, fällt das Quergewölbe zusammen. Der erste und fünfte Mittelfußstrahl rutschen zur Seite weg, die anderen Mittelfußstrahlen verlieren ihren Halt. Das Quergewölbe flacht dauerhaft ab. Die Muskeln werden unbeweglich und die Ansteuerung fällt schwer. Ebenso verhält es sich mit den Fußwurzelknochen. Kahn-, und erstes Keilbein sowie das Würfelbein verlieren ihren Halt, rutschen weg und das Gewölbe bricht ein. Ist das Quergewölbe nicht mehr aktiv, bleiben energetische Impulse stecken und der Energie – und Bewegungsflussfluss kommt ins Stocken.

Fußtypen

Typische Fußdeformationen mit zusammengesunkenem Quergewölbe sind Knick-, Senk-, Platt- und Spreizfuß. Beim Knickfuß ist der Fuß insgesamt dauerhaft nach innen in die Pronation abgeknickt. Dabei ist das Fersenbein fehlbelastet. Das Fersenbein steht nicht mehr senkrecht, sondern ist aus dem Lot geraten. Die weiterführende Statik nach oben zum Knie, zur Hüfte, zum Becken und zum Rücken steht auf einem schiefen Fundament. Der Plattfuß ist meist eine Kombination aus Senk- und Spreizfuß. Die gesamte Fußsohle liegt dann flach am Boden auf. Das Fersenbein und das untere Sprunggelenk weisen eine Knickstellung zum Innenknöchel auf, das Fußlängsgewölbe ist abgeflacht und das Quergewölbe zusammengesunken. Ursache sind zu schwache Fußmuskeln. Der Fuß läuft ohne Schutz auf den Mittelfußknochen. Folgen sind Knieschäden, Bandscheiben- und Rückenprobleme. Beim Spreizfuß ist das Quergewölbe durchgetreten, der Vorfuß ist verbreitert und liegt flach am Boden. Unterhalb der Grundgelenke der zweiten und dritten Zehe befindet sich eine dicke Hornhaut. Die natürliche Fußsohlenpolsterung ist stark verringert. Der Spreizfuß läuft ohne Dynamik direkt auf den Knochen, der Vorfuß ist überbelastet .

Die Folge des Spreizfußes kann ein Hallux valgus mit Schiefstand des großen Zehs im Grundgelenk sein. Das Grundgelenk knickt ab, der große Zeh wird nach außen gezogen und übt zusätzlich Druck auf die kleinen Zehen aus. Hammer- und Krallenzehen bleiben dann meist nicht aus. Wird diese Deformation nicht frühzeitig behandelt, kann es zu schmerzhaften und beeinträchtigenden Auswirkungen führen. Im fortgeschrittenen Zustand folgt in vielen Fällen die Operation, ohne dass die Ursachen behoben wurden.

Anzeige