Ein Tag ohne Handy. Kann ich das überhaupt noch? Ich will überprüfen, wie groß der Einfluss der Kleshas ist, wenn es darum geht, den Blick nach innen zu richten anstatt auf das Handydisplay. Kleshas sind jene tief sitzenden Kräfte, die uns Menschen als Hindernisse auf dem Weg zur inneren Zufriedenheit erscheinen. Welche Erfahrungen ich gemacht habe, erfährst du hier.

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Im Yogasutra des Patanjali werden Kleshas als Kräfte bezeichnet, die unser Tun und Denken beeinflussen, Leid erzeugen und zur inneren und äußeren Unruhe führen – je nachdem, wie sehr wir uns von ihnen beeinflussen lassen. Sie sind kosmische Urkräfte, die jedem Menschen innewohnen und durch uns hindurchwirken können. Sie gehören zu uns und sind tief in uns verankert, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Die Kleshas werden unterteilt in:

Avidya = falsches Verstehen, Verwechslung
Asmita = falsches Verständnis der eigenen Person
Raga = drängendes Verlangen
Dvesha = unbegründete Abneigungen
Abhinivesha = Angst

Für mein Experiment „Ein Tag ohne Handy“ beschränke ich mich zunächst auf die bewusste Wahrnehmung des Kleshas Abhinivesha. Es mit Abstand, also aus der Sicht der Inneren Beobachterin wahrzunehmen, erfordert schon sehr viel Aufmerksamkeit und macht sich gleichzeitig schneller bemerkbar, als mir lieb ist.

Welcher Tag ist der Richtige?

Denn bereits als ich mir die Frage stelle, an welchem Tag ich mein Experiment ausführen möchte, komme ich mit Abhinivesha in Kontakt. Im Yogasutra wird Abhinivesha häufig als das stärkste Klesha bezeichnet. Die größten Ängste sind die vor Veränderung, Vergänglichkeit und die Angst vor dem Tod. Im Yogasutra heißt es weiter, dass sogar großen Meistern ein tiefes, angeborenes Angstgefühl innewohnt und die Angst als das Hindernis gilt, welches am schwersten zu überwinden ist.

Als ich mir überlege, an welchem Tag ich auf mein Handy verzichten soll, kommt sofort die Angst hoch, dass ich etwas verpassen könnte. Könnte, wohl bemerkt. Da könnte ja ein wichtiger beruflicher Anruf kommen, der innerhalb von nur fünf Minuten beantwortet werden will. Es könnte sich ein Freund melden, der gerade in einer Krise ist und enttäuscht wäre, wenn ich unerreichbar wäre. Und da ich nichts verpassen will, für andere da sein möchte und niemanden enttäuschen mag, fällt mir die Auswahl des passenden Tages schon schwer. Ich spüre, dass die Angst sehr subtil ist, aber ich kann sie zum Glück wahrnehmen und gehe ihr nach. Hier merke ich, wie sehr sie mich in ihren Fängen hat und wie sich dies über den Gebrauch meines Handys äußert.

Yoga als Unterstützung

Ich entscheide mich für einen Tag im Mai. Das passt gut. Da bin ich mit meinem Patenkind in Meran in Südtirol, wo wir hinfahren, um mal wieder Zeit füreinander zu haben und gemeinsam Yoga praktizieren wollen. Ich erzähle meinem Patenkind nichts von meinem Vorhaben, mal einen Tag ohne Handy und offline sein zu wollen. Yoga bringt mich in Kontakt mit der Stille in mir und somit erscheint mir dieser Tag ein guter Tag für mein Experiment.

Um 7.30 Uhr klingelt das Handy, das ich auch als Wecker benutze. Ich springe aus dem Bett, weil wir um 8 Uhr zum Yoga gehen wollen. Nachdem ich den Wecker ausgeschaltet habe, schaue ich dann doch „nur“ noch einmal kurz auf die Mails. Noch bevor mein Experiment richtig angefangen hat, bin ich mit einem weiteren Klesha in Kontakt gekommen: Raga – dem Verlangen nach Kontakt mit Menschen. Ich bin erstaunt, wie intensiv dieses Klesha wirkt und wie automatisch ich doch reagiere. Erst einen Moment später wird mir mein Vorhaben wieder bewusst und ich lege das Handy zur Seite.

Wir gehen in die Yogastunde des Hotels, in dem wir wohnen. Es ist erfrischendes Yoga am Morgen, mit kraftvollen Asanas, die mich aufwecken. Ich genieße die Stunde und fühle mich irgendwie präsenter, als wenn ich morgens schon zehn Mails gecheckt, drei WhatsApp-Nachrichten geschrieben und mal kurz Facebook nach spannenden Neuigkeiten meiner anonymen Freunde durchforstet habe. Kann das sein? Kann der Verzicht auf das Handy sich bereits so schnell bemerkbar machen?

Nach dem Yogaunterricht gehen wir direkt zum Frühstück und reden lange. Mein Patenkind hat kein Handy dabei. Ich staune, sage aber nichts. Nach dem Frühstück gehen wir ins Zimmer und machen uns startklar für eine Wanderung in der traumhaft schönen Umgebung von Lana. Ich ziehe mich an und verliere für einen Moment die Impulskontrolle, als ich am Handy vorbeikomme: ich schaue drauf. Und zwar so schnell, dass Raga – das starke Verlangen – stärker ist als ich und mein Impuls ihm zu folgen schneller war als mein Vorsatz. Und das nur, weil das grüne WhatsApp-Zeichen mir signalisiert hat: „Nimm mich! Lese mich!“ Zwei Nachrichten lese ich und lege das Handy wieder weg. An dieser Stelle bestätigt sich das Yogasutra, das sagt, dass die fünf Kleshas immer da sind und wirken können. Mal tritt das eine stärker in den Vordergrund, mal das andere.

Mir ist genau das passiert, wovon die Handyindustrie lebt: Denn alleine das visuelle Zeichen, dass eine Nachricht für uns eingetroffen ist, produziert Glückshormone und führt dazu, dass wir durchschnittlich mittlerweile bis zu 80-mal am Tag zum Handy greifen. Hier wird genau das Gegenteil vom Yoga praktiziert, bei dem es ja bekanntlich um den Rückzug der Sinne und die Innenschau geht.

Einander begegnen

Unsere Handys bleiben im Zimmer. Wir wandern, reden, lachen, philosophieren und sind sehr vertieft in unsere Gespräche. Was für eine Wohltat, dass wir einander zuhören ohne Unterbrechung, einander anschauen, ohne dass das Handy zwischen uns liegt und dass wir die Landschaft betrachten, ohne dass wir diese mit dem Smartphone festhalten müssen.

Am Abend gibt es eine zweite Yogaeinheit – Yin Yoga. Sehr ruhig. Sehr entspannend. Ich bin ganz bei mir. Liegt es an der guten Anleitung der Yogalehrerin? Oder bin ich einfach nur zu müde, um mit meinen Gedanken abzuschweifen? Oder hat der (fast) handyfreie Tag damit zu tun? Auch wenn es eine Mischung von allem ist, so ist es doch erschütternd, wie beruhigend ein Tag ohne Handy auf mich wirkt. Als wir vor dem Abendessen ins Zimmer kommen, halte ich dem Impuls stand, auf das Handy zu schauen. Aber ich denke: Vielleicht gab es doch einen wichtigen Anruf, auf den ich reagieren sollte. Jetzt wirkt wieder Abhinivesha. Ich nehme es bewusst wahr, atme tief ein und aus und schaue nicht nach. Ich ziehe mich um und die Angst ist verflogen, weil ich ihr keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt habe und stattdessen meinen Fokus auf den Atem gelenkt habe. Es hat ein paar tiefe Atemzüge gedauert, aber dann war der vermeintlich verpasste Anruf schon nicht mehr in meinen Gedanken und ich berührt zu sehen, wie schnell ein Gedanke entsteht und wieder vergeht, wenn ich ihm keine Aufmerksamkeit schenke.

Beim Abendessen spreche ich mein Patenkind darauf an, dass sie selbst ihr Handy nicht die ganze Zeit bei sich trägt, sondern nur kurz darauf geschaut hat, als wir im Zimmer waren. Ich erzähle von meinem Experiment und von der wohltuenden Wirkung, das es auf mich hat. Sie selbst hat kein Experiment gemacht, sondern hat sich angewöhnt, das Handy nicht mehr zu benutzen, wenn sie mit anderen Menschen unterwegs ist. Sie findet es einfach unhöflich mit jemandem am Tisch zu sitzen, der sein Handy auspackt. Ja, sie fühlt sich dadurch nicht ernst genommen und nicht wirklich gesehen. Ganz davon abgesehen möchte sie sich nicht abhängig machen lassen von der Industrie. Ich staune nicht schlecht und ziehe mit einer großen Geste einen imaginieren Hut vor ihr.

Wir reden noch lange über die Auswirkungen von Handys und wie schön dieser Tag war. Denn endlich hatten wir mal wieder so richtig Zeit füreinander, ohne dass uns ein Bimmeln, Klingeln oder Surren gestört hat und wir unsere Gesprächsfäden immer wieder neu aufnehmen mussten.

Ich freue mich über die Fügung des Schicksals, dass ich mir genau diesen Tag für mein Experiment ausgesucht habe. Es war genau der richtige Tag! Und ich fühle mich beschenkt, so ein bewusstes Patenkind zu haben.

Kurz bevor ich an diesem Abend ins Bett gehe, schaue ich noch einmal auf das Handy. Wohlwissend, dass man mindestens eine Stunde vor dem Schlafengehen nicht mehr auf den Bildschirm schauen sollte. Wieder war Raga schneller. Anstatt mich aber jetzt wieder als Versagerin abzustempeln, freue ich mich darüber, dass ich nur dreimal auf das Handy geschaut habe. Dann schalte ich es aus, mit dem Vorsatz, es am nächsten Tag gar nicht erst anzumachen und den Sonntag als solchen zu genießen.

Übung

Nimm dir einen Tag vor, an dem du das Handy nicht verwendest. Beobachte, was dieses Experiment mit dir macht. Schreibe auf, was genau passiert, wenn du dein Handy nicht benutzt und überlege, ob es eine Atemübung oder eine Yogaübung gibt, die dich darin unterstützt, dieses Experiment durchzuhalten.

Viel Spaß!

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse liegt in der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.