Mehr Yoga üben, öfter meditieren, gesündere Gewohnheiten pflegen – das nehmen sich viele fest vor. Doch auch bei unserem Streben nach positiven Veränderungen sollten wir uns nicht zu sehr unter Druck setzen. Wie wir uns realistische Ziele stecken und uns wirklich etwas Gutes tun

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Vor einem Jahr traf ich während einer ayurveda/">Ayurveda-Kur auf Sri Lanka Christa. Christa ist eine sehr erfolgreiche Frau, die dort ihre erste Pancha-Karma-Kur machte. Sie war begeistert und sehr ambitioniert, all die kostbaren und wertvollen Empfehlungen des Ayur­veda-Arztes zu Hause umzusetzen. Die Liste der Empfehlungen war sehr lang, und Christas tägliche To-do-Liste – sowohl geschäftlich als auch privat – war es ebenfalls. Wir blieben auch nach der Kur in Kontakt. Ich konnte mitverfolgen, wie Christa sechs Wochen lang alle Regeln des Ayurveda-Arztes einhielt, die ihr auf Sri Lanka so gutgetan hatten. Dann aber kam es – wie so oft in unserem Leben – zu unvorhersehbarem Stress, der die ganze Aufmerksamkeit von Christa erforderte. Plötzlich hatte sie keine Zeit mehr, die ayurvedischen Richtlinien weiterzuverfolgen. Sie war frustriert. Jetzt konnte sie nicht nur das, was ihr guttat, nicht in ihren Alltag integrieren, sondern jetzt fühlte sie sich auch noch als Versagerin. Hätte sie die kostbaren Empfehlungen des Arztes mit etwas mehr Distanz betrachtet, dann hätte sie selbst erkennen können, dass so viele Veränderungen auf einmal einfach nicht machbar sind.

Christa steht stellvertretend für viele Menschen, die mir begegnen – inklusive mir selbst. Manchmal kommen wir voller guter Vorsätze aus einem Retreat, einer Kur oder einem Seminar und möchten unser Leben am liebsten von heute auf morgen ändern. Aber anstatt uns etwas Gutes zu tun, überfordern wir uns vor lauter Enthusiasmus häufig. Zu oft nehmen wir uns nämlich zu viel auf einmal vor.

Den eigenen Alltag berücksichtigen

Erwiesenermaßen ist es effektiver, einen Schritt nach dem anderen zu machen, damit sich das, was wir in unser Leben integrieren möchten, so tief verankern kann, dass es auch stressigen Zeiten standhält.

Untersuchungen haben gezeigt, dass es mindestens 30–60 Impulse braucht, bis sich eine Verhaltensveränderung vollständig etabliert hat. Erst nach 30–60 Tagen haben sich im Gehirn neuronale Verbindungen bleibend verknüpft. Ist die Verbindung noch zu instabil, verfallen wir vorschnell wieder in alte Muster und reagieren mit Stress und Anspannung wie immer. Deshalb solltest du bereits im Vorfeld gewisse Aspekte mit in deine Planung einbeziehen, bevor du etwas in dein Leben integrieren oder ein Verhaltensmuster ändern möchtest.

Berücksichtige folgende Punkte:

1. Den richtigen Zeitpunkt wählen

Überleg dir genau, wann zeitlich ein guter Start ist, um das Vorhaben umzusetzen. Idealerweise eignet sich ein Urlaub oder eine Phase in unserem Berufsleben, die nicht so stressig ist, um ein neues Verhalten zu etablieren. Sollte ein solcher Zeitpunkt aber in weiter Ferne liegen oder es dein Alltag derzeit nicht zulassen, zum Beispiel als neues Ritual morgens eine halbe Stunde zu meditieren oder Yoga zu machen, so ist schon eine 10-minütige Praxis immer noch besser, als wenn du es ganz sein lässt. Wenn es nicht anders möglich ist, dann fang lieber mit kleinen Einheiten an. Der Yogalehrer Mark Whitwell sagt hierzu, dass bereits sieben Minuten täglicher Praxis dein Leben verändern können.

2. Der eigenen Anatomie gerecht werden

Ein schöner Körper in einem perfekt ausgeführten Asana kann anmutig und wunderschön aussehen – und den Ehrgeiz auslösen, diese Vollendung ebenfalls zu erreichen. Manchmal ist es aber anatomisch gar nicht möglich, ein bestimmtes Asana auszuführen. Das heißt, dass selbst eine 20–30-jährige Praxis es nicht möglich machen wird. Der Yin-Yoga-Lehrer Josh Summers formulierte es folgendermaßen: Wenn du in einer Haltung einen gewissen Zug spürst, dann ist es ein sicheres Anzeichen dafür, dass deine Muskulatur verkürzt ist, diese aber mit der entsprechenden Übung, Ausdauer und Geduld nach und nach besser durchblutet wird, weicher wird und du besser in die Haltung hineinkommen wirst. Spürst du hingegen einen gewissen Druck, bedeutet dies, dass hier eine anatomische Grenze vorliegt. Die zu akzeptieren, ist dann die eigentliche Yogapraxis und verlangt eine große Demut den natürlichen Grenzen deines Körpers gegenüber.

3. Dem eigenen Naturell gemäß üben

Ein in sich ruhender Meditierender kann ebenfalls eine faszinierende Ausstrahlung ausüben. Und wohl jeder, der mit der Meditationspraxis beginnt, wünscht sich, dass er stundenlang in tiefer Versenkung dasitzen kann, ohne dass auch nur ein einziger Gedanke die Meditation stört. Allerdings ist es für einen sehr nervösen oder unruhigen Menschen viel schwieriger, über einen längeren Zeitraum still auf dem Kissen zu sitzen, als für einen Menschen, der von Haus aus ruhiger und introvertierter ist. Solltest du dich also generell eher schwer damit tun, lange still zu sitzen, dann kann es für dich vielleicht einfacher sein, wenn du zum Beispiel zwischen einer Geh- und einer Sitzmeditation von jeweils 10 Minuten abwechselst und die Zeiten, in denen du in Stille sitzt, erst langsam steigerst. Die Mediationslehrerin Lisa Grashey hatte hierfür ein schönes Bild: Um ein wildes Pferd an der Longe führen zu können, muss es sich erst einmal austoben – und dafür sollte man die Leine möglichst lang lassen. Auch hier ist es sinnvoll, zu schauen, was deinem Typ entspricht, und hier auch die entsprechende Geduld und Güte für dich selbst zu entwickeln.

4. Das tiefliegende Bedürfnis erkennen

In meinen eigenen Achtsamkeits- und Yogakursen lade ich die Teilnehmer zu Beginn der Stunde immer ein, ohne Leistungsdruck zu üben und stattdessen entspannt in die Praxis zu gehen. Ich erinnere sie dann im Verlauf der Stunde immer wieder daran, dass eine Haltung dann vollendet ist, wenn sie leicht und stabil ist. Immer wieder kommen Teilnehmer nach der Stunde zu mir und berichteten, wie gut es ihnen tut, die Erlaubnis zu bekommen, sich zu entspannen. Da wir in einer sehr leistungsorientierten Gesellschaft leben, kann es schnell passieren, dass wir unseren Ehrgeiz mit auf die Matte nehmen und weit über unsere Grenzen hinausgehen. Verstärkt werden kann dies natürlich durch einen ehrgeizigen Lehrer, der es aus seiner Sicht gut meint und die Schüler fordern oder motivieren möchte. Aber immer wieder spreche ich mit Yogaübenden, deren tieferliegendes Bedürfnis in Entspannung und Ruhe besteht, die sich dann aber selbst auf der Matte durch 108 Sonnengrüße peitschen oder sich vom Lehrer dazu antreiben lassen. Es kann aber auch passieren, dass ein Mensch so weit von seinen eigenen Bedürfnissen entfernt ist, dass er gar nicht erkennt, wie sehr sein Körper sich eigentlich nach Ruhe und Entspannung sehnt. Erst vor Kurzem hatte ich eine Yogalehrerin in meinem Unterricht, die voller Anspannung und Ehrgeiz immer tiefer und weiter in alle Haltungen ging als die anderen Teilnehmer. Als ich sie hier und da ein wenig korrigierte, signalisierte mir ihr Körper, dass er eigentlich das Bedürfnis nach Ruhe hatte. Das verwunderte mich nicht, hatte diese Frau doch gerade eine Krebsoperation hinter sich und ein halbes Jahr vorher eine Knieoperation gehabt, von der sie sich auch immer noch nicht in der Tiefe erholt hatte.

Den Körper zu fordern, ist eine gute Sache. Ihn jedoch zu überfordern, bringt nicht viel, sondern führt nur zu noch mehr Anspannung. Im ursprünglichen Sinne hat Yoga das Ziel, Körper und Geist zu vereinen, so dass beide in vollkommener Harmonie sind, eins werden, still werden. Kein Wunder, dass Yin Yoga gerade so beliebt ist, lädt uns diese Yogarichtung doch genau dazu ein, in die Hingabe, die Stille und ins Loslassen zu gehen und uns nicht zu überfordern. Dies ist eine wunderschöne Einladung, die von immer mehr Yogapraktizierenden angenommen wird. Uns selbst zum Yoga einzuladen und dabei mit uns selbst in Beziehung zu treten, ohne dabei über die eigenen Grenzen zu gehen, kann der Beginn einer lebenslangen Liebesbeziehung werden – mit uns selbst.

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.