Wie wir lernen, besser mit uns umzugehen: Mitgefühl für uns selbst und für andere kommt durch Stress oder inneren Druck oft zu kurz – wie also können wir diesen wichtigen und fruchtbaren Zugang zu nährender Güte kultivieren?

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Als ich in Göttingen auf einen Zug wartete, kündigte eine Durchsage seine Verspätung an: „Die Ankunft des ICE 475 nach München verzögert sich wegen Personenschaden.“ Smartphones wurden reflexartig gezückt. Einen Geschäftsmann hörte ich sagen: „Da hat sich anscheinend wieder ein Idiot vor den Zug geworfen. Ich melde mich, sobald ich hier wegkomme.“ Auch anderen Reisenden stand offensichtlich der Unmut ins Gesicht geschrieben – mir übrigens auch!

Nachdem der erste Ärger verflogen war, gingen meinen Gedanken voller Empathie zu dem Menschen, der die Verspätung verursacht hatte. Wie groß muss das Leid sein, wenn man seinem eigenen Leben bewusst ein Ende setzt? Und wie schrecklich muss eine solche Situation für den Zugfahrer, die Polizisten und für das nahe Umfeld eines solchen Menschen sein, das oftmals noch viele Jahre danach von Selbstvorwürfen und Schuldgefühlen geplagt wird? Vielleicht hatte die Verspätung aber auch andere Gründe, etwa einen Herzinfarkt oder einen Kollaps. Auch hier dachte ich voller Mitgefühl an den Betroffenen. Durch das Mitgefühl verschwand der Groll und verwandelte sich in Dankbarkeit dafür, dass es mir selbst gutging.

Wer gestresst ist, hat weniger Mitgefühl

Im Zug sprach ich mit dem Mann, der seinem Ärger auf dem Bahngleis lauthals Ausdruck verliehen hatte. Er erzählte mir, dass diese Verspätung ihm möglicherweise einen großen finanziellen Schaden bringen würde. Sein innerer Druck war spürbar. Jetzt verstand ich seine emotionale Kälte, als er auf dem Bahngleis von der Verspätung gehört hatte. Der Stress hatte ihn dazu veranlasst, so zu reagieren.

Dass Stress unser Mitgefühl reduziert, ist mittlerweile wissenschaftlich erforscht: Menschen, die gestresst sind, weil sie auf der Karriereleiter höherkommen möchten als andere, empfinden weniger Mitgefühl sich selbst und anderen gegenüber. Kommen wir dann jedoch nicht so schnell voran, wie wir es uns wünschen, verurteilen wir uns. Dabei gehen wir oft viel zu hart mit uns ins Gericht. Hier rät die Psychologin Kristin Neff uns, liebevoller zu uns selbst zu sein und mehr Mitgefühl mit uns zu entwickeln, anstatt uns von unserem allzu strengen inneren Kritiker anklagen zu lassen. Es ist aber nicht nur der innere Kritiker, der uns das Leben schwermacht. Es sind auch archaische
Gehirnstrukturen, die permanent nach Höchstleistung schreien. Auch wenn wir es in Zeiten des Hightech immer wieder vergessen, ist unser Organismus so eingerichtet, dass er uns vor Gefahren schützen und unser Überleben sichern möchte. Gefahren und mögliche Schmerzen von uns abzuwenden, ist hier die oberste Priorität. Deshalb reagieren Körper und Geist gleichermaßen mit extremer Abneigung auf alles, was uns zu bedrohen scheint. Wenn uns zum Beispiel in der Arbeit ein Fehler unterlaufen ist, ist der erste Reflex, dass wir mit uns selbst in einen Konflikt geraten. Ein Teil von uns schämt sich dafür und will sich verstecken, ein anderer ist wütend und will sich rechtfertigen, ein anderer Teil ist verängstigt, weil er sich darum sorgt, was passieren wird. Durch einen solchen inneren Konflikt fühlen wir uns innerlich verzweifelt und zerrissen, weil unser Gehirn primär überleben möchte. Glücklich zu sein, steht viel weiter hinten. Überleben können wir dann, wenn wir uns zu einer Gruppe zugehörig fühlen, zu ihr eine enge Bindung pflegen und von ihr für das, was wir tun und denken, Wertschätzung erhalten. Aus genau diesem Grund reagieren wir normalerweise hochempfindlich auf alles, was uns in den Augen der anderen als unattraktiv oder minderwertig erscheinen lassen könnte.

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.