Die Frage, ob Jesus ein Yogi war und Elemente aus dem Yoga lehrte, eröffnet eine ganz neue Sichtweise seiner Lehren. Paramahansa Yogananda gibt erstmals Einblicke in den verborgenen Yoga der Evangelien
Paramahansa Yogananda, Kriya-Yoga-Meister mit immensem Einfluss auf die Verbreitung des Yoga im Westen, Gründer der Self-Realization Fellowship und als Verfasser der berühmten „Autobiographie eines Yogi“ für Millionen von Lesern weltweit eine Quelle der Inspiration, beschäftigte sich eingehend mit Jesus und seinen Lehren. Im Jahr 2004 wurden seine Diskurse zu den Evangelien zusammengefasst in zwei Bänden unter dem Titel ”The Second Coming of Christ: The Resurrection of Christ Within You” veröffentlicht. Als Auszug aus diesem insgesamt über 1700 Seiten starken Werk erschien später „The Yoga of Jesus: Understanding the Hidden Teachings of the Gospels”. Dieses Buch liegt seit Mai 2009 auch auf Deutsch vor.

Wenn jemand vom „Yoga Jesu” spricht, mag manch ein Christ (hier im herkömmlichen Sinne verwendet als Bezeichnung für jede der christlichen Kirche angehörende Person; Yogananda versteht unter „Christ“ im eigentlichen Sinne hingegen jeden, der das Christusbewusstsein realisiert hat) den Versuch unterstellen, Jesus etwas Fremdes überzustülpen oder ihn zur Propagierung eines ihm fernliegenden Konzepts zu instrumentalisieren. Yogananda legt hingegen dar, dass die östlichen, insbesondere die indischen Lehren Jesus grundlegend prägten und vielmehr die Verwestlichung, die an Jesus vollzogen wurde, irreführend ist und nicht zum Verständnis seiner Person und Mission beiträgt. Bevor wir darauf später näher eingehen, soll jedoch eine Aussage hervorgehoben werden, die gleichzeitig immer mitbedacht werden muss, um den Eindruck zu vermeiden, dass es hier um irgendeine Form der Trennung oder des Für-sich-Beanspruchens geht:

Die essenzielle Einheit aller Lehren
Yogananda findet ein sehr schönes Bild, um zum Ausdruck zu bringen, dass in ihrem Kern alle Lehren die gleiche Wahrheit besagen, auch wenn sie sich auf den ersten Blick scheinbar voneinander unterscheiden: „Die reinen silbergoldenen Strahlen der Sonne erscheinen rot oder blau, wenn man sie durch ein rotes oder blaues Glas betrachtet. Ebenso ist es mit der Wahrheit: Sie scheint unterschiedlich zu sein – je nachdem, ob sie von der östlichen oder westlichen Kultur gefärbt ist. Bedenkt man jedoch, wie einfach der Kern der Wahrheit ist, der von den großen Meistern aller Länder und aller Zeiten verkündet wurde, wird einem bewusst, dass ihre Botschaften sich kaum voneinander unterscheiden.“ Die – um im Bild zu bleiben –  unterschiedlich gefärbten „Gläser“ zu betrachten und zu erörtern, wodurch sie ihre besondere Farbe erhalten haben, ist spannend und aufschlussreich; zugleich sollte jeder ruhig „sein“ Glas finden, durch das er dann auf die Wahrheit schaut. Die eine Essenz zu erkennen, die allen Lehren innewohnt, also durch »Gläser jeder Farbe geschaut werden kann«, ist aber das eigentliche Anliegen. Laut Yogananda sandte Gott immer wieder Avatare auf die Erde, um diese essenzielle Wahrheit zu vermitteln.

Jesus als Avatar
In der indischen Tradition fest verankert ist die Lehre von den Avataren, erleuchteten Wesen, über die Yogananda schreibt: „Das eine, glorreiche, unendliche Bewusstsein Gottes, das Universale Christusbewusstsein, Kutastha-Chaitanya, kleidet sich in das uns vertraute Gewand einer erleuchteten Seele und nimmt eine für das jeweilige historische Umfeld und die Aufgabe dieser Inkarnation geeignete Persönlichkeit und entsprechende göttliche Wesenseigenschaften an.“ Jesus war Yoganandas Auffassung zufolge ebenso wie z.B. Buddha oder Krshna ein solcher Avatar und so sind auch Aussprüche wie „Ich und mein Vater sind eins“ oder „Ich bin im Vater, und der Vater ist in mir“ aus dem Johannes-Evangelium zu verstehen. Das unendliche Gottesbewusstsein hatte Jesus jedoch nicht exklusiv für sich gepachtet, sondern im Gegenteil wollte er auch andere lehren, dieses Bewusstsein zu erlangen. Das Christusbewusstsein oder unermessliche Gottesbewusstsein, das Jesus als Avatar schon realisiert hatte und das er auch für die anderen erfahrbar machen wollte, definiert Yogananda als „Einssein mit der Unendlichen Intelligenz und der Seligkeit, von der die ganze Schöpfung durchdrungen ist“. Dieses Einssein kann man auch mit dem Begriff „yoga“ bezeichnen. Inwiefern aber sind die Lehren Jesu als Yoga in einem noch spezifischeren Sinne zu betrachten? Um diese Frage zu beantworten, muss man tiefer in die Aussagen Jesu eintauchen und zu deren Verständnis auch Jesu Lebensumstände mit einbeziehen.

Jesus und die indischen Meister
Immer wieder stößt man auf die Vermutung, dass Jesus während der so genannten „fehlenden Jahre“, also der im neuen Testament nicht beschriebenen Jahre zwischen seinem 12. und  30. Lebensjahr, Zeit in Indien verbracht haben soll. Während Gelehrte wie z.B. Georg Feuerstein die These von Jesu Indienaufenthalt zurückweisen und auch zahlreiche Argumente zu ihrer Widerlegung anführen, ist Yogananda davon überzeugt, dass Jesus in Indien gewesen ist. Er beruft sich hier u.a. auf die Schriften, die Ende des 19. Jahrhunderts im Hemis-Kloster in Tibet entdeckt worden sind, und die von Nicholas Roerich in den 1920er Jahren in Indien und Tibet aufgefundenen Texte. Diesen zufolge soll Jesus, in den betreffenden Schriften wie in der islamischen Welt Issa genannt, mit Kaufleuten nach Indien gereist sein – in das Land, welches Yogananda als „Mutter aller Religionen“ bezeichnet und das sich, wie er sagt, „auf Religion spezialisiert hat“. Vom 14. bis zum 28. Lebensjahr soll Jesus unter indischen Pandits, Mönchen und Heiligen gelebt haben. Yogananda stützt sich ferner auf Hinweise, denen zufolge die drei Weisen aus dem Morgenland Meister aus Indien waren. Jesus, so Yogananda, erwiderte ihren Besuch und kam dadurch mit den Überlieferungen der alten Rshis in Berührung. Dazu hält Yogananda fest: „Das besagt jedoch nicht, dass Jesus sich alles, was er lehrte, von seinen geistigen Mentoren und Gefährten in Indien und den umliegenden Ländern angeeignet hätte. Avatare bringen ihren eigenen Schatz mit. Die Reise Jesu zu den Hindu-Pandits, den buddhistischen Mönchen und besonders zu den großen Meistern des Yoga, von denen er Einweihung in die esoterische Wissenschaft der Gottvereinigung durch Meditation empfing, diente lediglich dazu, die bereits in ihm schlummernde göttliche Verwirklichung zu wecken und seiner einzigartigen Mission anzupassen.“

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Jesu Geburtsland, Palästina, war nach Yoganandas Meinung keine zufällige Wahl: Diese Drehscheibe zwischen Ost und West erwies sich als vorzüglicher Ausgangspunkt, um als göttlicher Vermittler die Menschen aus Ost und West zusammenzuführen. Dabei ist der Ursprung Jesu, wie Yogananda betont, orientalischer Natur: „Der Sonne gleich, die im Osten aufgeht, ihren Lauf nach Westen nimmt und ihre Strahlen verbreitet, so machte sich auch Christus im Osten auf und kam in den Westen, wo er im weit verbreiteten Christentum von seinen Anhängern verehrt und als ihr Guru und Erlöser betrachtet wurde.“ Dass man wie eingangs schon angedeutet den orientalischen Hintergrund nicht vergessen sollte, erklärt Yogananda wie folgt: „Auch wenn die Lehren Jesu von einem esoterischen Standpunkt aus Allgemeingültigkeit besitzen, sind sie doch ganz und gar durchdrungen von der Essenz orientalischer Kultur und sind tief verwurzelt in einer orientalischen Denkweise…“.  Hiermit meint er, wie er an anderer Stelle ganz explizit hinzufügt, insbesondere die Kultur Indiens. Vor dem Lichte der „seelenerweckenden Weisheit“ der Rshis (nicht so sehr der späteren brahmanistisch-hinduistischen Tradition) können die Evangelien, so Yogananda, richtig verstanden werden.

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