Heutzutage sind Kinder – besonders solche, die in Großstädten leben – einer ungesunden Mischung von Stress und Reizüberflutung ausgesetzt. Neben der grundsätzlichen Unruhe, die in einer Stadt herrscht, werden sie von Computerspielen, Smartphones etc. nur noch unruhiger. Dadurch verlieren sie das Gefühl für ihren eigenen Körper und die feine Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse. Während das Nervensystem der Kinder durch viele äußere Reize chronisch überstimuliert wird, lernen sie durch Yoga, sich besser zu sammeln und sich wieder zu entspannen. Durch bewusste Atemübungen wird z.B. die Herz- und Atemfrequenz gesenkt und das zentrale Nervensystem gestärkt, was sich beruhigend auf die Psyche und Emotionen eines Kindes auswirkt. Haben die Kleinen durch die Yogaübungen erst einmal wieder Kontakt zu sich selbst gefunden, wollen mehr davon.

Die folgenden Übungen unterstützen Kinder besonders darin, auf spielerische Weise ihre Ohren zu spitzen und ihre Wahrnehmung zu schärfen.

 

Aufmerksamkeitsübungen

Der Klang der Schale

Die Kinder sitzen mit geschlossenen Augen im Kreis. Eines der Kinder geht mit einer Klangschale außen am Kreis entlang. Es versucht dabei so leise zu gehen, dass die anderen Kinder es nicht wahrnehmen. Nachdem es zwei oder dreimal um den Kreis herumgelaufen ist, bleibt es hinter einem Kind stehen und schlägt dann sanft die Klangschale. Wenn das Kind, das vor ihm auf dem Boden sitzt, den Ton wahrnimmt, steht es auf und übernimmt die Klangschale. Das andere Kind setzt sich auf den Platz, der jetzt frei geworden ist und schließt die Augen. Das Spiel geht so lange, bis alle Kinder einmal dran gekommen sind.

 

Das Summen des Tons

Die Kinder sitzen im Kreis. In der Mitte liegt ein Block DIN A 1 oder DIN A 3. Neben dem Block liegen viele Buntstifte. Nun werden zwei Kinder ausgesucht. Eines der Kinder macht nun die Summatmung. Dabei atmet es tief ein und atmet laut aus, so dass es sich anhört, als würde eine Biene summen. Dabei versucht es, so lange wie möglich auszuatmen. Das andere Kind hat einen Stift in der Hand. In dem Moment, in dem das erste Kind anfängt zu summen, beginnt das Kind mit dem Stift, eine Linie auf dem Blatt zu zeichnen. Diese Linie kann sich schlängeln, kreisen und drehen. Es malt so lange, bis es den Summton nicht mehr hört. Danach machen zwei andere Kinder weiter. Wenn das Blatt viele kleine Flächen aufzeigt, die ausgemalt werden können, dann hören die Kinder auf und malen die Flächen mit verschiedenfarbigen Buntstiften aus.

 

Berg- und Talfahrt

Die folgende Atemübung ist besonders hilfreich für Kinder mit Konzentrations- und Aufmerksamkeitsdefizitstörungen. Sie ist auch als wechselnde Nasenlochatmung bekann. Im Yoga geht man davon aus, dass die Lebensenergie, auch Prana genannt, durch hunderte unsichtbarer Bahnen oder Nadis durch den menschlichen Körper fließt. Durch diese Übung, bei der im Wechsel durch beide Nasenlöcher geatmet wird, können wir die Bahnen freihalten. Dadurch wird die Gesundheit gefördert und das Gleichgewicht zwischen Körper und Geist unterstützt. Darüber hinaus verbindet die Übung die rechte und die linke Gehirnhälfte, wodurch man besser mit seiner eigenen Intuition in Kontakt kommt. Diese Übung ist besonders dann wirkungsvoll, wenn die Kinder überdreht und aufgewühlt sind oder wenn sie andererseits müde und lustlos sind.

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Die Kinder sitzen bequem und mit aufgerichteter Wirbelsäule da. In der Position nehmen die Kinder sich zuerst einmal sitzend wahr und beobachten mit geschlossenen Augen ihre Atmung. Dann stellen sie sich vor, dass ihre Nase ein riesiger Berg ist. Die Stelle zwischen den Augenbrauen ist der Gipfel des Berges und die Nasenlöcher bilden den Fuß des Berges. Auf der einen Seite befindet sich am Fuß des Berges das Haus des Kindes. An der anderen Seite des Berges, ebenfalls wieder ganz unten, befindet sich ein kleines Dorf, in dem das Kind einkaufen gehen muss. Dazu müssen die Kinder in Gedanken den ganzen Berg hinauf- und auf der anderen Seite wieder hinunterwandern, um Brot, Eier und Käse einzukaufen. Mit den gekauften Sachen wandern sie nun wieder den gesamten Weg wieder zurück, bergauf und auf der anderen Seite wieder bergab, um nach Haus zu kommen. Der Einkaufskorb ist allerdings sehr schwer und der Berg ganz steil. Zum Glück aber gibt es dort einen ganz besonderen Sessellift, der die Kinder dorthin bringt: es ist der eigene Atem.

Die Übung
Die Kinder beginnen die Übung nun, indem sie zuerst einmal kräftig ausatmen und das rechte Nasenloch mit dem Zeigefinder der rechten Hand zuhalten. Dann atmen sie langsam durch das linke Nasenloch ein und stellen sich vor, dass sie in einem knallroten Sessellift sitzen, der sie auf den Gipfel des Berges bringt. Wenn die Lungen mit Luft gefüllt sind, ist der Gipfel des Berges erreicht.

Dann lassen die Kinder das rechte Nasenloch los und halten das linke Nasenloch mit dem Zeigefinder der linken Hand zu. Auch hier atmen sie ganz langsam und achtsam durch das rechte Nasenloch aus, um an den Fuß des Berges zu gelangen und einkaufen zu gehen.
Nachdem alle Einkäufe erledigt sind, ist es Zeit für den Rückweg. Jetzt wird das linke Nasenloch zugehalten und durch das rechte Nasenloch eingeatmet. Wenn die Lungen mit Luft gefüllt sind, ist der Gipfel des Berges erreicht. Die Kinder lassen dann das linke Nasenloch los und halten das rechte Nasenloch mit dem rechten Zeigefinger zu. Sie atmen nun wieder langsam durch das linke Nasenloch aus, um nach Hause zurückzukehren.

Zu Hause angekommen, merken sie allerdings, dass sie vergessen haben, für die Katze frisches Futter zu kaufen und machen sich nun ein zweites Mal auf den Weg und wiederholen die Übung.
Nach der Rückkehr bemerken sie, dass sie vergessen haben ein Geschenk für die Großmutter zu kaufen, die bald Geburtstag hat. Also machen sie sich ein drittes Mal auf den Weg, um mit dem roten Sessellift ins Dorf zu fahren, das Geschenk zu kaufen und wieder mit dem Sessellift nach Hause zurückzukehren.

Wiederhole die ganze Reise drei Mal mit den Kindern.
Danach sollen sie sich zum Entspannen auf den Rücken legen, da Bergluft müde macht.

 

 

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.