Als Astrologen uns vor einigen Jahren erzählten, dass wir uns in einer Zeit des großen Wandels befinden, konnten sich die wenigsten vorstellen, was damit gemeint ist. Das hat sich inzwischen verändert. Der Wandel ist da. Unaufhaltsam. Herausfordernd. Öffnend.
Das Gewohnte zerbricht
Viele Menschen erleben nun am eigenen Leib, dass sich ihr Leben grundlegend verändert. Vertraute Koordinaten verschwimmen, gewohnte Strukturen zerbrechen. Was früher gut und richtig war, kann sich heute plötzlich schal und fad anfühlen. Für manche kommt der Wandel von innen heraus, andere werden in ihn hineingezwungen: Der Ehemann, mit dem wir uns jahrelang gut verstanden haben, wirkt plötzlich fremd. Die beste Freundin vertritt auf einmal eine völlig andere politische Haltung – und plötzlich findet man keinen gemeinsamen Nenner mehr.
Was uns gestern noch Sicherheit schenkte, löst sich heute scheinbar auf: Das Haus, in dem wir lange als Mieter gelebt haben, wird verkauft, und wir müssen uns eine neue Wohnung suchen. Die Firma, die Jahrzehnte unsere berufliche Heimat war und uns Stabilität gab, geht bankrott. Das Yogastudio, in dem wir mindestens einmal pro Woche bei unserem Lieblingslehrer praktizierten, wird an eine große Fitnesskette verkauft. Die Regierung, einst gesellschaftliches Symbol für Ordnung, wirkt plötzlich nicht mehr vertrauenswürdig. Der Euro und die EU verlieren an Stabilität. Und selbst das Wetter, einst zuverlässig in seinen Jahreszeiten, ist nicht mehr das, was es früher einmal war.
All das macht vielen Menschen Angst. Dabei unterliegt doch alles ständig dem Wandel …
Wer unsere Printausgaben von YOGA AKTUELL liest oder hier im Blog unterwegs ist, begegnet immer wieder Gedanken aus der Yogaphilosophie, die uns daran erinnern: Alles ist in Bewegung. Yoga hilft uns, diese Grundwahrheit bewusster wahrzunehmen – und den Wandel mit mehr Gelassenheit zu begleiten.
Mut statt Angst
Obwohl die alten yogischen Schriften den ständigen Wandel ebenso betonen wie der Buddhismus oder moderne spirituelle Strömungen, fällt es uns oft schwer, uns in diesen Wandel hineinzuentspannen.
Das liegt maßgeblich an einer der Kräfte, die uns von innerer Freiheit abhalten: dem, was im Yoga als Klesha bezeichnet wird. Gemeint ist hier Abhinivesha, die Angst vor dem Tod. Dabei geht es aus yogischer Sicht nicht nur um den physischen Tod. Auch eine Trennung, ein Abschied oder ein tiefgreifender Umbruch können sich wie eine Art „kleiner Tod“ anfühlen – und uns in ein Gefühl des Kontrollverlusts führen.
Angst – ein stiller, aber äußerst wirksamer Begleiter
Viele Menschen sind sich ihrer eigenen Angst nicht bewusst. Das kann damit zusammenhängen, dass die Angst als ständiger Begleiter so vertraut ist, dass wir sie gar nicht mehr als solche erkennen. Angst kann ein leiser Schatten sein, der sich in verschiedensten Facetten zeigt: als innere Unruhe, Gereiztheit, unerklärliche Müdigkeit oder körperlich als Nacken- und Schulterschmerzen, Schlaflosigkeit oder dauerhaft erhöhter Blutdruck.
Oft finden Ärzte und Ärztinnen, wenn sie aufgesucht werden, keine körperliche Ursache für diese Empfindungen. Wie auch? Sie hören die Angst nicht, die unter der Oberfläche des Herzens liegt oder sich durch die Windungen unseres Gehirns schlängelt – und uns immer wieder ins Ohr flüstert: „Was, wenn es noch schlimmer wird?“, „Was, wenn du die Kontrolle verlierst?“
Wir alle, die sich für Yoga interessieren, wissen, dass solche Sätze, die sich wie ein Mantra immer wiederholen, Wirkung zeigen. Sie können sich von einem bloßen Gedanken in eine feste Überzeugung oder ein unausweichlich wirkendes Zukunftsszenario verwandeln – das, wenn wir ihm nichts entgegensetzen, irgendwann zu unserer gefühlten Realität wird.
Angst als gesunder Instinkt
Angst ist aber nicht nur schlecht. Zuerst einmal ist wichtig zu erkennen, dass sie zutiefst menschlich ist. Sie ist kein Fehler, keine Schwäche – sondern ein Teil unseres natürlichen Überlebensmechanismus. Vielleicht hat sie dir hier und dort sogar schon einmal das Leben gerettet. Und vielleicht hast du mit Hilfe von Yoga gelernt, sie als reines Gefühl oder als Gedanken zu entlarven. Wie wunderbar, denn das ist ein erster wichtiger Schritt in die eigene, innere Freiheit.
Denn es wird sehr kritisch, wenn die Angst uns die Lust am Leben nimmt und uns regiert, und sich so weit in den Vordergrund drängt, dass sie uns die Luft zum Atmen nimmt, den Mut zum Handeln und das Vertrauen ins Leben.
Kontrolle als Schutzmechanismus
Bleiben wir doch gleich beim Atmen. So oft habe ich in Kursen erlebt, dass Teilnehmende bei Meditationen oder Übungen, die dem Loslassen dienen sollten, plötzlich die Ujjayi-Atmung einsetzten. Sie hielten sich an der Atmung fest. Statt durch den Atem in innere Freiheit zu gelangen, wurde die Atmung zu einem Kontrollwerkzeug, das sie im Körper und im Geist festhielt.
Oft merken wir gar nicht, dass wir in solchen Momenten, in denen wir uns ängstlich fühlen, reflexartig nach Kontrolle greifen – sei es durch das Anhalten des Atems oder das forcierte Kontrollieren der Atmung.
Noch tragischer ist, dass Menschen, die körperlich unter ihren Ängsten leiden, von Psychiater und Psychiaterinnen oft starke und potenziell abhängig machende Medikamente verschrieben bekommen. Sie tauschen dann Angst gegen Sucht. Ob dieser Tausch langfristig wirklich hilfreich ist, darf bezweifelt werden.
Wir planen, was nicht zu planen ist – unser Leben
Auf anderen Ebenen zeigt sich Kontrolle darin, dass wir planen, organisieren, uns absichern und an Ritualen, Gewohnheiten und Strukturen festhalten. Kontrolle vermittelt uns das Gefühl, wenigstens etwas beeinflussen zu können in einer Welt, die uns entgleitet.
Doch je mehr wir festhalten, desto stärker leiden wir. Denn das Leben lässt sich nicht kontrollieren – und das war noch nie anders. Heute ist diese Wahrheit nur deutlicher sichtbar als früher.
„Die Wahrheit ist unbequem, aber Sicherheit im Außen ist eine Illusion“, lehrt die Bhagavad Gita. „I sit here and talk to God, and He just laughs at my plans“, singt Robbie Williams.
Die spirituelle Lernaufgabe
Das, was wir in Yogastunden hören oder in Yogalehrerausbildungen lernen, dürfen wir jetzt prüfen: Wie sehr gelingt es uns tatsächlich, in diesen Kontrollverlust hineinzuvertrauen?
Wie sehr hören wir den Weckruf dieser Zeit – die äußere Unsicherheit als Tür zu innerer Gewissheit zu erkennen?
In meinem Badezimmer hängt eine Karte, auf der steht: „Was würdest du tun, wenn du keine Angst hättest?“ Gäste bleiben oft davor stehen und sind tief berührt von dieser Frage. Manche nehmen sie mit nach Hause, tragen sie im Herzen – und für einige wird sie zum Impuls, das eigene Leben zu verändern.
Und du? Was würdest du tun, wenn du keine Angst hättest?
Gerne stelle ich dir noch weitere Fragen: Was, wenn die Angst dich nicht lähmen, sondern aufwecken will? Was, wenn sie dich – so paradox es klingt – in die Arme eines tieferen Vertrauens führen möchte? Was, wenn hinter deiner Angst eine große Freiheit auf dich wartet?
Und zuletzt: Wie wäre es, wenn du es einfach einmal ausprobierst? Verlieren kannst du nichts. Fast nichts. Nur deine Angst.
So geht’s:
Loslassen ist ein Prozess. Es gelingt nicht von heute auf morgen. Es ist kein Schalter, den du einfach im Kopf umlegst, sondern ein Weg, den du mit deinem ganzen Sein gehst. Hier einige sanfte Möglichkeiten, diesen Prozess zu begleiten:
- Alles, was ist, darf sein – auch deine Angst: Vielleicht klingt es paradox: Wie, jetzt? Ich soll doch meine Angst loslassen – und jetzt soll ich sie sein lassen? Damit deine Angst gehen kann, musst du sie zuerst wirklich wahrnehmen und würdigen. Spüre sie im Körper. Lege eine Hand auf deinen Herzraum oder dorthin, wo du sie fühlst, und sage innerlich: „Ich sehe dich. Du darfst da sein.“
- Erde dich regelmäßig: Ängste sind fast immer auf die Zukunft gerichtet. Wenn du dich erdest, kommst du zurück ins Hier und Jetzt. Indem du deine Füße spürst und ganz in deinem Körper ankommst, erkennst du: Du bist nicht die Angst – du bist das Bewusstsein, in dem ein angstvoller Gedanke oder ein Gefühl erscheint.
- Vertraue in den Prozess: Überfordere dich nicht mit dem Wunsch, dein Leben von heute auf morgen zu verändern. Du musst und kannst nicht sofort alles loslassen. Beginne klein: Frage dich, was darf ich heute ein wenig lockern?
- Umarme den Wandel: Schreibe auf, was sich verändert hat – und was dadurch Neues entstehen konnte. Gib dem Wandel Bedeutung und lobe dich für alles, was du bereits loslassen konntest.