Welche Irrtümer die Seele (Jivatman), die sich als Jiva im Menschen verkörpert, auf ihrer Heldenreise begehen muss, um am Ende wieder zu einem kristallklaren Bewusstsein ihrer selbst zu gelangen, führt uns die griechische Mythologie im Archetypus des irrfahrenden Odysseus vor Augen.
Odysseus bedeutet wörtlich „der Zornige“ bzw. „der Leidvolle“, oder der, „dem Zorn oder Leid widerfährt“. Im Epos der Odyssee ist es der Zorn des Poseidon. Poseidon ist die ungeheure Tiefe des All-Bewusstseins, die dem abgespaltenen Jiva (der individuellen, verkörperten Seele) als Unbewusstes entgegentritt. Die „Od-ys-see“ beschreibt die Rückreise der Seele aus Krieg, Zerstörung und Spaltung und ist somit eine „Ode“ an die „See-le“, an die Wiedererinnerung des lichtvollen Seelenbewusstseins.
Odysseus Irrfahrt beginnt nach dem trojanischen Krieg, der um die Entführung der schönen Helena geführt wurde. Homer nennt Troja die auf der Stirn des Hügels thronende Festung. Wer das Bild spirituell liest, sieht darin den Ort des dritten Auges, Ajna-Chakra, und vernimmt im Namen der Stadt „True-ja“, die „Feste der Wahrheit“, den Thron von Buddhi, der höheren Unterscheidungskraft und Weisheit, der höchsten Instanz des Geistes. Belagert wird diese von König Menelaos und seinen Kriegern, Helenas Gatte, dem Verstand in Reinform (von gr. menos und skrt. manas = Verstand). Odysseus, der mit ihm zieht, ist der listige Aspekt von Manas. Helena – die „Helle“ bzw. „Leuchtende“ – ist Schönheit als Licht, nicht als Fleisch. Schönheit ist eine Emanation von Sat-Chit-Ananda – Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit – und hat ihren Platz in der Buddhi Troja. Der Verstand jedoch hat keinen Zugang dazu. Deshalb wird das Begehren des Verlorengeglaubten zur Obsession, und er will es mit Gewalt wieder „kriegen“. Die Belagerung der von Göttern gebauten Feste bleibt zehn Jahre erfolglos, bis die manasische List des Odysseus über ein hölzernes Pferd einen Trojaner in die Wohnstatt der Buddhi einschleust und sie von innen heraus zerstört.
Mit Trojas Fall, dem Verlust von Buddhi und der Machtergreifung des Verstandes (Manas), beginnt die Irrfahrt des Odysseus und seiner „Gefährten“, die seine Wesensanteile sind. Ihre Stationen sind Konflikterfahrungen des in Avidya (Unwissenheit) gefallenen Jiva und gleichsam der initiatische Abstieg in die Tiefen des Unbewussten (Poseidon). Die Bhagavad-Gita fasst den Weg, der bis hierher führte, in zwei Verse: Wer den Dingen nachhängt, in dem entsteht Anhaftung; aus Anhaftung wird Begehren, aus Begehren Zorn; aus Zorn entsteht Verblendung, aus Verblendung die Verwirrung der Erinnerung; mit der Erinnerung geht die Buddhi verloren, und wer die Buddhi verliert, geht zugrunde. Begehren nach Helena, Zorn des Krieges, Verblendung des Verstandes, Fall Trojas: Glied für Glied ist die Kette abgelaufen, und was die Gita „zugrunde gehen“ nennt, ist die Irrfahrt. Sie ist der Zustand des Menschen ohne Buddhi. In ihm sucht der Zorn nach dem Sieg gleich den nächsten Krieg, blendet das Auge der Einheit, den einäugigen Sohn des Poseidon, und rühmt sich aus Hybris beim eigenen Namen dafür; er verliert jede Richtung, betäubt sich, verzehrt aus nie gestilltem Mangel das Licht selbst und endet im goldenen Käfig der Übersättigung, in dem jeder Wunsch erfüllt ist und doch kein Frieden einkehrt. So verliert Odysseus nach und nach alle seine Gefährten (Wesensanteile) und vergisst, wer er in Wirklichkeit ist.
Was ihn als geheimnisvoller Magnet heimzieht, ist seine Frau Penelope. Penelope ist das „Gewebe der Zeit“, Maya bzw. Shakti. Shakti lockt den Jiva in die Schöpfung und zieht ihn an, damit er sich in ihr erkenne. Als die Kraft von Werden und Vergehen webt sie am Tag ein Tuch und trennt es nachts wieder auf, um die Freier, die sie begehren, hinzuhalten. Die Freier sind die Vasanas, die unerfüllten Wünsche und Begierden, die den Palast der Seele besetzt halten. Mit den Mitteln der Maya lassen sie sich nicht erlösen; das gelingt erst, wenn der Jiva seine Identifikation mit den Ich-Kräften auflöst. Den Impuls dafür empfängt Odysseus, als er schiffbrüchig und unerkannt bei Fremden zu Gast ist und ein blinder Sänger vom Untergang Trojas singt. Odysseus hört seine eigene Geschichte, weint darüber und erzählt sie dann zum ersten Mal in Gänze selbst. Im Spiegel der Erzählung wird das Subjekt zum Beobachter seiner selbst, erkennt die Ursachen seiner Wut und seines Leids, kann sie aussprechen und darin Heilung finden.
So kehrt er, einst als König fortgegangen, nach zwanzig Jahren als einfacher Bettler – als Niemand – in den Palast seiner Seele zurück. In dem, der sich selbst zum Beobachter geworden ist, erwacht Buddhi wieder, die in Troja gefallen war. Sie schlägt nicht blind zu, sie prüft und trennt die Spreu vom Weizen. So tötet er die Freier, jene Vasana-Kräfte, die den Dharma verletzt und das Seelenbewusstsein verhüllt haben, nicht mehr als Getriebener seiner Wut, sondern als letzten Akt der Läuterung.
Erst jetzt erkennt Penelope-Shakti im Heimgekehrten den Jiva wieder, der zu seinem Shiva-Wesen erwacht ist, und Athene hält die Morgenröte zurück, damit die Nacht nicht endet. Für den, der in der Maya heimgefunden hat zu seinem atmischen Wesen, steht die Zeit still.
Die Irrfahrt des Menschen endet nicht damit, dass der Jiva die Welt der Maya überwindet. Sie endet damit, dass er in sein Seelenbewusstsein heimkehrt und in der Vereinigung mit Shakti erkennt, dass Shiva und Shakti niemals wirklich getrennt waren.