Die bekannte Meditations­lehrerin Tara Brach verbindet westliche Psychologie mit buddhistischer Weisheit. Im Interview mit YOGA AKTUELL spricht sie über die Grundqualitäten der Achtsamkeit, über das Nach-Hause-Kommen an einen inneren Ort der Weite, der auch in schwierigen Situationen Zuflucht bietet, und über die essenzielle Rolle von Selbstmitgefühl

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Auf Dauer möchten wir doch alle lieber ankommen als weiterkommen. Die amerikanische Meditationslehrerin zeigt uns, wie wir einen Weg finden können, der zu uns selbst führt. Im Interview verrät sie, wie wir ihn finden.

Interview

YOGA AKTUELL: Du hast ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Nach Hause kommen zu sich selbst. Im erwachten Herzen Zuflucht und Geborgenheit finden.“ Was hat dich dazu bewegt, dieses Buch zu schreiben?

Tara Brach: Jeder Mensch erlebt Situationen, in denen sein Leben außer Kontrolle gerät, oder wird mit dem Älterwerden, mit Verlust oder Krankheit konfrontiert. Dann brauchen wir eine Möglichkeit, mit diesen Situationen umgehen zu können. So war es auch bei mir vor ca. 10 Jahren, nachdem sich meine Gesundheit mysteriöserweise immer mehr verschlechtert hatte. Ich konnte nicht mehr wandern, unterrichten und all die Dinge tun, die mir so am Herzen liegen. Ich erhielt eine niederschmetternde Diagnose: Es handelte sich um eine genetisch bedingte Krankheit, die unheilbar ist und im Wesentlichen nur durch Schmerzmittel behandelt werden kann. Diese Diagnose veranlasste mich, noch tiefer in die spirituellen Lehren und die buddhistischen Praktiken einzutauchen, die mein Leben bis dahin sowieso schon ausgemacht hatten. Die tiefe Unsicherheit der menschlichen Existenz, die meine innere Welt zur Zeit der Diagnose erschütterte, brachten mir die Lehren noch einmal unmittelbar näher und führte mich noch einmal tiefer zu dem inneren Ort des Friedens, der Verbundenheit und Freiheit, der auch unter schwersten Herausforderungen trägt.

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Tara Brach

Hast du diesen Ort gefunden?
Ja, ich habe ihn gefunden und nenne ihn „wahre Zuflucht“. Er ist unabhängig von allen äußeren Situationen, Menschen, Heilungen und sogar von äußeren Stimmungen und inneren Emotionen.

Das ist schön. Du bist bei Weitem nicht die Einzige, die sich einen solchen Ort wünscht …
Der Wunsch, einen solchen Ort zu finden, wohnt allen Menschen inne. Das Verlangen danach ist universell.

Was hat dir dabei geholfen, diesen Ort zu finden und, damit einhergehend, mit den Schwierigkeiten, denen du ausgesetzt waren, besser klarzukommen?
Ich fing an, mich mehr für den gegenwärtigen Moment zu öffnen und darin eine natürliche Präsenz zu entwickeln. Präsent im gegenwärtigen Moment zu sein, ist kein exotischer Zustand, den wir irgendwie erzeugen müssen. Diese Präsenz entsteht, wenn wir vollkommen bei unserer Erfahrung sind. Diese Präsenz ist jenes Gewahrsein, das uns allen von Natur aus innewohnt. Es ist eine unmittelbare, körperliche Erfahrung, die wir über die Sinne wahrnehmen. Wenn wir diese Erfahrung von Präsenz genauer betrachten, dann stecken darin drei Qualitäten: Wachheit, Offenheit und Feinfühligkeit. Wenn du wirklich wach bist, dann bist du dir dessen, was gerade geschieht, bewusst und wirst erkennen, dass sich die Erfahrungen von Moment zu Moment verändern und nichts permanent bestehen bleibt. Es ist eine gewisse Qualität des Gewahrseins. Unter Offenheit ist der Raum der Bewusstheit zu verstehen, in dem das Leben stattfindet. Diese Bewusstheit lehnt die Erfahrungen nicht ab, wertet sie aber auch nicht auf. Selbst wenn eine Erfahrung noch so schmerzhaft ist, erkennt sie einfach, was gerade passiert, und kann alles da sein lassen. Vergleichbar ist diese Erfahrung mit dem Himmel, der vom Wetter unabhängig ist. Und als Feinfühligkeit bezeichne ich die Fähigkeit, auf alles, was sich zeigt, mit Staunen, Mitgefühl und Liebe einzugehen. Natürlich sind diese drei Qualitäten nicht voneinander zu trennen. Sie helfen mir dabei, mit dem zu sein, was gerade in meinem Leben passiert.

Als ich dein Buch gelesen habe, hatte ich das Gefühl, dass die Konfrontation mit der Krankheit dich noch einmal auf eine ganz neue Art und Weise auf deinen spirituellen Weg gebracht hat, wie du auch vorhin schon kurz erwähntest …
Ja, das stimmt. Dies ist ein wichtiger Punkt. Jede Herausforderung in meinem Leben hat dazu geführt, dass ich mich selbst noch einmal tiefer auf meinen spirituellen Weg eingelassen habe. Es gab Situationen in meinem Leben, da tat ich mich schwer, mich der Präsenz anzuvertrauen. Dann aber gab es einen Moment, in dem ich die Wellen von Angst und Sorge durch mich hindurchlaufen ließ und sich mir ein ruhiger, innerer Zustand eröffnete, in dem ich einen weiten Horizont hatte. In jenem Moment wusste ich, dass ich nur den gegenwärtigen Moment hatte und dass dieser Augenblick vollkommen in Ordnung war. In mir stellte sich eine Verbindung mit einer weiten Präsenz ein, die es mir in schwierigen Momenten möglich machte, mein Leben mit mehr Selbstmitgefühl und mit mehr Weisheit zu betrachten. Und dieser Prozess geht natürlich immer weiter. Mit jedem Erwachen von Bewusstheit, mit jedem Gewahrsein und Zulassen dessen, was ist, löst sich die einengende Identität weiter auf, und wir können uns mehr und mehr in unsere natürliche Ganzheit hinein entspannen.

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.

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