Die Yogalehrerin Diana Sans ist auf ihrer persönlichen Suche nach einer zeitgenössischen Spiritualität auf die Philosophie des Tantra gestoßen. Darin hat sie das große JA zum Leben entdeckt. In ihrem gleichnamigen Buch vermittelt sie einen einfachen Zugang für eine tiefgründige Philosophie und zeigt, dass Tantra viel mehr ist, als fälschlicherweise angenommen eine sexuelle Praxis. Wir sprachen mit ihr über das Mysterium Tantra.

Interview

Doris Iding: Du hast ein wunderschönes Buch geschrieben: Das große JA zum Leben! Tantra als Weg zu innerer Freiheit. Was hat dich dazu bewegt, dieses Buch zu schreiben?

Diana Sans: Ich unterrichte die tantrische Philosophie seit Langem in Workshops, Teacher Trainings und meinen Yoga-Klassen. So viele Menschen sind fasziniert und begeistert, wenn sie das erste Mal mit dem befreienden Weltbild des Tantra in Berührung kommen. Ich bin unzählige Male gefragt worden, welches Buch ich zu diesem Thema empfehlen kann. Und konnte nie eine gute Antwort geben, einfach, weil es auf Deutsch so gut wie keine Literatur dazu gibt. Das ging über einige Jahre so, bis ich irgendwann beschlossen habe, diese Lücke zu füllen und selbst ein Buch darüber zu schreiben.

Wie genau würdest Du Tantra definieren?
Wenn ich von Tantra spreche, meine ich den klassischen, nicht dualistischen Shaiva Tantra, wie er z.B. im Kaschmirischen Shivaismus gelehrt wird. Tantra ist eine Lebenshaltung, die wir uns durch äußerst wirkungsvolle Praktiken für Körper, Geist und Seele erschließen können. Am Ende geht es darum, uns wacher, lebendiger und freier in diesem Leben zu bewegen, weil wir die Mechanismen unseres selbst gemachten Leidens durchbrechen.

Du bist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Wie genau hat Tantra deine persönlichen Beziehungen positiv beeinflusst?
Diese Frage müsste eigentlich mein Mann beantworten … Tatsächlich sind meine persönlichen Beziehungen liebevoller, toleranter und weniger reaktiv geworden. Und das ist gut so, denn ich lebe zusammen mit zwei rebellischen Teenagern und einem temperamentvollen Franzosen.
Seit ich verinnerlicht habe, wer wir sind und wie alles zusammenhängt, bin ich so viel verständnisvoller – und zwar im wahrsten Sinn des Wortes. Ich kann Dingen, die mich früher schier in den Wahnsinn getrieben haben, mit einer gewissen heiteren Gelassenheit begegnen. Und wenn ich doch mal ausraste – auch das kommt vor – tue ich es bewusst und koste es aus: Auch meine Wut ist heilig und darf sein.

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Worin besteht für dich genau das Mysterium des Tantra?
Im „Sowohl-als-auch“. Es gibt nie eine absolute Wahrheit. Wir müssen lernen, in die vielen Paradoxe des Lebens hinein zu entspannen, auch wenn unser Verstand gerne eine „Entweder-oder-Lösung“ hätte. Das ist mit unseren sozio-kulturellen Konditionierungen nicht einfach, doch Schritt für Schritt finden wir in uns eine Weite und Offenheit, die Raum schafft für jegliche Erfahrung. Das ist die innere Freiheit, von der ich im Buch spreche.

Hast du persönlich die Einheit hinter der Vielfalt erfahren, auf die du in dem Buch eingehst? Wenn ja, wo war das und inwiefern hat diese Erfahrung dein Leben verändert?
Ich erfahre die Einheit täglich in kostbaren Momenten, wenn mein Geist still wird. Häufig findet das morgens auf meinem Meditationskissen statt. Manchmal in einem beliebigen Augenblick des Innehaltens und Lauschens, irgendwo im Alltag. Immer wieder in innigen Momenten mit anderen Menschen. Und oft tatsächlich auch beim Yoga-Unterrichten, meist während der Meditation kurz vor Ende der Klasse oder wenn das „Om“ so richtig durch mich hindurch spült. Gemeinsames Singen ist übrigens eine wunderbare Möglichkeit, die Einheit zu erfahren. Ich glaube, deshalb weinen so viele Menschen bei Deva Premals Konzerten.

Du schreibst in deinem Vorwort, dass du bedingt durch Tantra weniger an den Schwierigkeiten in deinem Leben leidest. Das ist eine schöne Aussage. Welche Praktiken aus dem Tantra haben dich darin unterstützt, einen solchen Perspektivenwechsel vornehmen zu können?
Zwei Dinge haben mir besonders geholfen. Erstens: Ich habe die Kontrolle über meine inneren Dialoge erlangt. Wenn ich in eine destruktive Spirale der Negativität gerate, kann ich sie relativ rasch unterbrechen. Zweitens: die Arbeit mit Emotionen. Das ist für mich ein zentrales Thema, das Tantra von anderen Lehrsystemen unterscheidet. Ich kann heute so viel besser mit der Energie schwieriger Gefühle umgehen, als noch vor einigen Jahren.
Tatsächlich liefert Tantra eine sehr praktikable „Bedienungsanleitung“ für das menschliche Leben – wir drücken nicht mehr wahllos irgendwelche Knöpfe, sondern bewegen uns in Harmonie mit der natürlichen Intelligenz von Körper und Geist.

Du gehst in deinem Buch auf Gewahrsein und Energie, die beiden Aspekte des Göttlichen ein. Kannst du näher beschreiben, welche Rolle diese beiden Aspekte für dich persönlich spielen und welche Praktiken du hast, um diese Aspekte zu erfahren oder zu vereinen?
Für mich war Shakti, der weibliche Aspekt des Göttlichen, der Energie und Dynamik verkörpert, eine revolutionäre Entdeckung. Die weibliche Seite Gottes ist für uns, der wir in einem christlichen Kulturkreis aufgewachsen sind, ein unbekanntes Terrain. Ich bin völlig fasziniert von der Vorstellung, dass alles im Universum Energie ist, der Körper der Göttin, sich entfaltend auf dem stillen Hintergrund des unendlichen Raums.
Die Praxis des Tantra besteht darin, in uns beide Aspekte – Shaktis dynamische Energie und Shivas stilles Gewahrsein – in einem harmonischen Tanz zu vereinen. Die Energie, mit der sich das Leben in jedem Moment neu entfaltet, wach und präsent auszukosten, ohne die zeitlose Stille in uns aus den Augen zu verlieren. Volle Präsenz, volle Hingabe ans Leben, wissend, dass wir in unserer Essenz gleichzeitig jenseits von Zeit und Raum sind. Das ist Lebenskunst. Das ist das tantrisches „Sowohl-als-auch“.

Du gehst auch auf „Spanda“ ein und stellst es als eines der faszinierendsten tantrischen Konzepte dar. Was genau fasziniert dich daran?
Spanda, der ewige Rhythmus von Expansion und Kontraktion, ist ein Konzept, das man intuitiv erfassen und sofort körperlich erfahren kann – und zwar mit einem tiefen, bewussten Atemzug. Die Schwingung des Wortes offenbart schon, worum es geht, um Atem, um Puls, um die organische Bewegung des Lebens.
Wir leben in einer Zeit, in der es immer nur um Expansion geht – höher, weiter, schneller – die Wirtschaft soll unendlich wachsen, wir wollen mehr, mehr, mehr. Das hat viel Leid über uns und diesen Planeten gebracht. Ich wünsche uns, dass wir zurück in die Balance finden, die Gnade der Kontraktion wiederentdecken, die fruchtbare Kraft der Dunkelheit, in der wir erkennen, dass weniger am Ende mehr ist.

Wo kann Tantra in deinen Augen nicht mehr weiterhelfen?! Ich frage deshalb, weil Yoga gerne als Allheilmittel verkauft wird. Das ist es aber nicht. Und wie siehst du dies in Bezug auf Tantra? Wo bist du auf deinem persönlichen Weg an Grenzen gestoßen und musstest dir möglicherweise anderswo Hilfe holen, um weiterzukommen auf deinem Weg?
Tantra ist ein Weg der Integration. Es ist keine Religion, für die man sich entscheiden muss, sondern lässt sich mühelos mit anderen Traditionen, Techniken und Wissenschaften kombinieren. Ich beschäftige mich viel mit Buddhismus und christlicher Mystik und sehe nichts, was sich gegenseitig ausschließt.
Allerdings ist schon eine gewisse Vorsicht geboten: Die Praktiken für den feinstofflichen Körper machen uns durchlässiger, offener und sensibler. Ich kann das gut bei mir selbst beobachten: Die Dinge berühren mich unmittelbarer als noch vor einigen Jahren, ich bin weniger „gepanzert“, fühle und erlebe alles viel tiefer. Deshalb empfiehlt es sich im Tantra, wie in allen anderen spirituellen Disziplinen, schrittweise mit einem guten Lehrer zu arbeiten und nicht auf gut Glück alle Schleusen unkontrolliert zu öffnen.
Vorsichtig wäre ich vor allem bei der Arbeit mit Emotionen. Für Trauma-Patienten etwa ist das ein Weg, den sie äußerst behutsam und nur mit professioneller Hilfe durch einen Therapeuten beschreiten sollten. 

Herzlichen Dank für das Interview!

Weitere Informationen zu Diana: www.dianasans.com

Zum Weiterlesen:

Diana Sans: Das große JA zum Leben! Tantra als Weg zu innerer Freiheit. Königsfurt-Urania Verlag 2019, ISBN 9783 868 261 820

(c) Königsfurt-Urania Verlag

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