Dr. Vasand Lad gehört zu den beeindruckendsten Ayurveda-Ärzten Indiens und spätestens seit dem Film „Der Doktor aus Indien“ auch zu den wohl bekanntesten hierzulande. In einem sehr persönlichen Interview erzählt er über seine spirituelle Praxis und die vielen kleinen Wunder, die er im Laufe seiner jahrzehntelangen Arbeit erfahren hat.

Interview

YOGA AKTUELL: Haben Sie eine Erfahrung mit einem Patienten gehabt, die Sie so tief berührt hat, dass Sie immer noch daran denken?

Dr. Lad: Während meiner Zeit als Ayurveda-Arzt habe ich zahlreiche ayurvedische Behandlungen an mir sowie an meinen Patienten durchgeführt, die davon zahlreich profitierten. An einen Patienten erinnere ich mich besonders gut. Er wurde in das Krankenhaus eingeliefert, wo ich als Hausarzt gearbeitet habe, da er Blut erbrach. Er verlor so viel Blut, dass er stationär behandelt werden musste. Er erhielt Bluttransfusionen und wir behandelten ihn mit einem Gemisch aus ayurvedischen Medikamenten, die wir gemeinsam mit Granatapfelsaft verabreichten, um sein Pitta zu beruhigen, denn dieses war sehr hoch. Ich verordnete eine Abführkur und veränderte damit die Richtung der Pitta-Energie, die sich zunächst aufwärts bewegt hatte und nun nach unten strebte. Dabei handelt es sich um eine faszinierende Behandlungsart und bereits nach wenigen Tagen hörte sein Erbrechen auf. Wir behielten ihn noch eine Woche unter Beobachtung und entließen ihn dann. Dieser Patient hatte einen großen Einfluss auf mein klinisches Leben.

Der zweite Patient war ein kleiner Junge, der an häufigen epileptischen Anfällen (Status epilepticus) litt und einen Anfall nach dem anderen erlitt. Bei ihm steckte Prana im Gehirn fest und verursachte diese sich wiederholenden Krampfanfälle. Ich verabreichte ihm ayurvedische Kräuter über die Nase (vacha pradhamana nasya) und veranlasste damit wiederholtes Niesen. Gleichzeitig bearbeitete ich die Marmapunkte auf den Lippen (oshtha marma), an den Schläfen (shankha marma) und auf den großen Zehen (kshipra marma). So behandelte ich ihn zwei Tage lang. Erstaunlicherweise hörten die Anfälle am dritten Tag auf und der Patient kam wieder zu Bewusstsein.

Ich erlebe viele, viele kleine Wunder bei meiner Arbeit. Sie sind meine besten Lehrer. Sie inspirieren mich, und leiten mich in meiner Tätigkeit als Ayurveda-Arzt. Ich liebe meine Patienten, weil ich Gott in ihnen sehe. Ayurvedische Behandlungen sind für mich ein Dienst an der Menschheit, der ein Dienst an Gott ist.

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Welche Rolle spielt eine spirituelle Praxis für sie im Ayurveda?

Die spirituelle Praxis, die ich von meinem Lehrer, meinem Mentor, gelernt habe, bringt eine große Disziplin in mein Leben, die es mir ermöglicht, frühmorgens um 5:30 Uhr aufzuwachen, um mit meiner ayurvedischen und spirituellen Routine zu beginnen. Ich putze meine Zähne, reinige die Zunge, spüle meinen Mund und trinke ein Glas warmes Wasser. Dann mache ich meine Pranayama Praxis: Bhastrika, Kapalabhati, Anuloma Viloma, Agni Sara, Ujjayi, Shitali, Shitkari, und Utgeeta. Während dieser Zeit bin ich in Ekstase, Freude, Glückseligkeit. Denn allein durch meine Pranayama Praxis bin ich in Kontakt mit meiner Seele. Ich bin in Kontakt mit dem Allmächtigen. Plötzlich kommt ein selbstverständliches, passives, beobachtendes Gewahrsein in mein Bewusstsein. Der Körper wird leicht, der Geist wird klar, die Sinne werden hell, und ich erlebe eine Art grundloser Freude. Dann erlaube ich meinem Körper, sich zu bewegen. Er bewegt sich in natürlichen, spontanen Asanas und der ganze Stress und die Belastung auf der körperlichen Ebene verschwinden. Der Körper wird flexibel und ist erfüllt von großer Energie, Kraft und Vitalität. Nach dieser spontanen Yoga-Kriya erreicht mich eine tiefe Atmung und der Körper nimmt bestimmte Haltungen ein, die Mudras genannt werden.

Ich liebe etwa Shambhavi Mudra – der Blick ist auf die Nasenspitze gerichtet, ohne dabei die Augen zu belasten. Dann kommt Kesari Mudra – ich richte die Augen auf das dritte Auge, dort sehe ich das violette Licht, welches ich als meinen Guru ansehe. Dann mache ich Abhyanga, Shirodhara und Nasya und dusche mich schließlich. Danach ziehe ich saubere Kleidung an. Ich bin kein Frühstücksmensch und esse daher nichts am Morgen, trinke aber gerne eine Tasse Chai. Chai, Apfel und Mäßigung lauten die Geheimnisse eines langen, spirituellen Lebens. Dann gehe ich in die Arbeit; Ich liebe meine Schüler und meine Studenten lieben mich. Obwohl es sich um eine medizinische Klinik und eine Panchakarma-Klinik handelt, werden alle Beschwerden und Symptome der Patienten auch aus einer spirituellen Dimension erforscht. Den Grund für das Leiden des Patienten, können wir etwa anhand seiner Ernährung und Lebensweise wiederfinden. Dann schlage ich entsprechende pflanzliche Panchakarma-Behandlungen, Ernährungstipps und Farbtherapien vor. All unsere Panchakarma-Praktizierenden sind so spirituell, liebevoll und mitfühlend, dass sie meinen Anweisungen akribisch genau und mit Hingabe folgen. Schon nach einer einwöchigen Panchakarma-Kur erfahren die Patienten einen radikalen Wandel und eine Transformation.

Mein Tagesablauf ist – sowohl in Albuquerque als auch in Pune – sehr durchstrukturiert: Ich unterrichte regelmäßig Klassen. Manchmal weinen die Schüler und erfahren einen radikalen Wandel. Meine Morgen- und Abendkurse sind wie Satsangs. Und viele Studenten machen die Erfahrung, dass sich ihr Leben verändert, wenn sie ins ayurvedische Institut kommen. Wir halten die Bereiche Wissenschaft, Religion, Philosophie und Heilung in einem perfekten Gleichgewicht und wir propagieren kein bestimmtes Dogma oder jedwede organisierte Religion. Und doch ist jeder Mensch in seinem Herzen zutiefst religiös beziehungsweise spirituell und diese Qualitäten entfalten sich auch in ihrem Leben. Die spirituelle Praxis hat also einen großen Einfluss auf mein persönliches Leben, mein Familienleben sowie auf das Leben des Instituts und auf das Leben der Praktizierenden. In diesem Sinne ist mein Leben also meine Botschaft an mich. Dein Leben ist deine Botschaft an dich. Hör einfach auf das Leben und lerne von deinem Alltag.

Behandeln Sie Ihr eigene Familie ebenfalls? Oder ist es hier besser, wenn ein anderer Arzt dies tut, weil es heißt, dass einem der objektive Blick verloren geht, wenn Menschen einem so nahestehen.

Ich behandle meine Familie, meine Frau, Kinder und Enkel bei Beschwerden wie Erkältung, Husten, Durchfall oder Übelkeit und sie reagieren ziemlich gut. Aber eines Tages spielte mein Enkel auf dem Boden und ein kleines Stück Stein schlug ihm gegen die Kehle, er drohte zu ersticken. Er weinte und war traumatisiert, also brachten wir ihn ins Krankenhaus. Sie machten Röntgenaufnahmen, fanden aber nichts. Es handelte sich um ein psychologisches posttraumatisches Stresssyndrom. Sie gaben ihm Beruhigungsmittel, auf die er aber nicht gut reagierte. Schließlich haben wir Panchakarma und Basti gemacht und das hat dann schließlich wirklich geholfen. Ich kenne mich in einer Vielzahl mächtiger Medizin aus, wie etwa mit Rasashastra (Anm. d. Red.: die vedische Alchemie Indiens). In Indien kann auch ich Notfälle behandeln, aber meine Familie lebt in den USA und dort ist das Gesetz sehr streng und niemand darf einen Notfall behandeln. Da ich kein Risiko eingehen möchte, schicke ich sie also ins Krankenhaus.

Ayurvedische Kräuterbehandlungen und Marmatherapien haben eine sehr starke Wirkung, aber wenn jemand aber ein perforiertes Geschwür, eine Blinddarmentzündung oder eine Fraktur hat, schicke ich sie ins Notfallkrankenhaus. Ich respektiere die moderne Medizin. Ich ehre die Ärzte und finde auch ihren Ansatz faszinierend. Die moderne Medizin verwendet Antibiotika, um Infektionen zu kontrollieren, und Steroide als Notfall-Medikament im Fall von akutem Asthma sowie Antidepressiva bei schweren Depressionen. Diese Behandlungen sind lebensrettend und es ist gut, dass wir sie haben. Aber hinsichtlich präventiver und ernährungswissenschaftlicher Aspekte sowie hinsichtlich unseres Lebenswandels ist Ayurveda die beste Wahl. Ich habe sowohl die allopathische, als auch die ayurvedische Medizin studiert. Und ich habe die Schönheit und Herrlichkeit beider erlebt. Es ist also vollkommen in Ordnung, wenn meine Familie auch Behandlungen von anderen Ärzten erhalten, weil niemand die Probleme aller behandeln kann und weil wir Einschränkungen unterliegen und das ist ja auch das Schöne daran. Sogar meine Frau erhielt eine moderne medizinische Behandlung ihrer Arthritis und sie hat sich einer Knieersatzoperation unterzogen, wir sind dankbar dafür. Kein guter ayurvedischer Arzt hält starr an seinem eigenen System fest. Er sollte sein Herz und seinen Geist offen halten für andere medizinische Behandlungen.

Wenn Sie drei Wünsche hätten, welche wären das?

Meine drei Wünsche…

Der erste Wunsch ist: Möge ich gesund sein!
Der zweite Wunsch: Möge meine ganze Familie gesund sein!
Der dritte Wunsch: Möge meine Nachbarschaft und die Gemeinschaft gesund sein, damit wir globale, vollkommene Gesundheit erfahren können!

Herzlichen Dank für dieses schöne Interview!

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Doris Iding
Doris leitet Seminare, Fort- und Ausbildungen zum Thema Yoga, Meditation und Achtsamkeit. Nach dem Motto „Alles was ist, darf sein. Es gibt kein Richtig und Falsch, sondern immer nur die eigene subjektive Erfahrung des gegenwärtigen Moments“ ist es ihr sowohl in ihren Kursen als auch in ihren Artikeln und Büchern ein großes Anliegen, den Menschen zu vermitteln, dass es in der Praxis um Selbsterkenntnis geht, nicht aber um Selbstoptimierung. Begegnen wir uns also mit viel Selbstmitgefühl, Wohlwollen und Geduld, wird das Leben leichter und die Achtsamkeits- und Meditationspraxis erfüllender. 18 ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.

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