„Es heißt doch, dass ich mein Ego überwinden soll, oder?!“ – diese Frage stellte mir vor einigen Tagen eine verzweifelte Frau, die versuchte, ihren spirituellen Weg wahrhaftig und „gut“ zu gehen. Sie erzählte mir, dass es ihr wichtig sei, sich ganz in den Dienst des Yoga zu stellen und sich selbst nicht mehr so wichtig zu nehmen. Ich selbst nahm diese Frau als sehr unsicher wahr, weshalb ich diese Begegnung als Aufhänger für diesen Artikel nutzen möchte. Diese Unsicherheit begegnete mir nicht nur bei dieser Frau, sondern ich treffe sie immer wieder bei Menschen an, die in der Spiritualität Antworten und Hinweise auf Sinn- und Lebensfragen suchen. Häufig haben sie genug von einem leistungsorientierten Alltag und sehnen sich nach einem Leben, in dem die Sprache des Herzens im Vordergrund steht.
Das Ego und die Fähigkeit, Grenzen zu setzen
Allerdings geht es auf dem spirituellen Weg – meiner persönlichen Meinung nach – zunächst darum, dass wir uns unseres Egos bewusstwerden und es möglicherweise erst einmal stärken, indem wir ein klares „JA!“ zu uns selbst und zu all unseren Licht- und Schattenseiten entwickeln – vorausgesetzt, wir besitzen keine starke Ich-Kraft. Damit meine ich nicht, dass wir uns mit der „Kraft der Ellenbogen“ durch den Tag bewegen, sondern vielmehr, dass wir in bestimmten Situationen und bei bestimmten Menschen lernen, Grenzen zu setzen und diese auch zu akzeptieren.
Die eigenen Grenzen, Bedürfnisse und Wünsche zu kennen und zu benennen, ist meiner Ansicht nach ein wichtiger Meilenstein auf dem spirituellen Weg. Auch auf unserem eigenen Yogaweg sollten wir überprüfen, wie es um unser Ego und unsere Fähigkeit steht, Grenzen zu setzen und zu akzeptieren.
Unsere körperlichen Grenzen
Beginnen wir doch gleich mit den eigenen körperlichen Grenzen. Diese zu erkennen und zu würdigen, ist ein großer und wichtiger Schritt auf dem Yogaweg. Wer ständig über seine Grenzen hinweggeht, wird früher oder später körperlich oder psychisch dafür zahlen müssen. Jeder Körper ist einzigartig, und nicht jeder ist in der Lage, alle Asanas auszuführen. Wer glaubt, dass es nur eine Frage des Übens ist, tief und lange in den Haltungen zu bleiben, hat möglicherweise wichtige Gesetzmäßigkeiten der Anatomie noch nicht verstanden.
Unsere psychischen Grenzen
Das Gleiche gilt meiner Meinung nach auch für die psychische Belastbarkeit. Nicht jede Psyche verträgt jede Methode, die spirituelles Wachstum verspricht. Die Teilnahme an extremen Yogaretreats, die Einnahme psychoaktiver Substanzen, Fasten oder lange Schweigeretreats können für den einen Menschen einen spirituellen Durchbruch bedeuten, für einen anderen jedoch zu einer spirituellen Krise, Depression oder sogar Psychose führen. Deshalb sollte man die eigene psychische Konstitution nicht überfordern, sondern lieber achtsam und liebevoll Schritt für Schritt den eigenen Weg erkunden – gerne auch in Absprache mit einer kompetenten Begleitung – anstatt sich von unerfüllbaren Heilsversprechen oder verführerischen Lockangeboten verführen zu lassen.
Grenzen wahren: Wie du dich in der Yogacommunity schützt und entwickelst
Wer besser auf seine eigenen körperlichen und psychischen Grenzen achten kann, wird auch schneller seinen Platz in einer Yogacommunity finden, ohne dabei die eigenen Grenzen – oder die der anderen Menschen – zu missachten oder sich ausnutzen zu lassen. Ausgenutzt werden kann man zum Beispiel, wenn man dazu ermuntert wird, lange und viel Karma Yoga zu praktizieren. Karma Yoga, das selbstlose Dienen, ist eine wunderbare Methode, um sich in den Dienst des Yoga zu stellen. Es kann aber auch dazu führen, die eigenen Bedürfnisse zu übersehen, die eigenen Grenzen der körperlichen oder psychischen Belastbarkeit zu überschreiten oder andere Menschen für die eigenen Belange auszunutzen.
Meiner Meinung nach ist das Setzen und Erweitern der eigenen Grenzen in der eigenen Yogacommunity ein besonders gutes Übungsfeld für Menschen, die gerne gefallen wollen oder ein großes Harmoniebedürfnis haben. Erst dann, wenn man die eigenen Bedürfnisse und Grenzen gut kennt und kommuniziert, kann man sich sicherer fühlen, authentisch bleiben und sich voll auf die Yogapraxis konzentrieren.
Sätze wie: „Wenn du dein Ego abbauen willst, musst du dies tun oder für jenes dienen…!“ sind meiner Meinung nach hier und da eine billige Ausrede, um jemanden hinter den eigenen Karren zu spannen und ihn dazu zu bringen, ohne Bezahlung zu arbeiten oder andere körperliche, emotionale oder materielle Dienste zu leisten.
Du musst meiner Meinung nach übrigens gar nichts! Denn nur dann, wenn du wirklich JA sagst zu dem, was du tun sollst, ist es auch richtig. Natürlich gibt es auch immer eine Komfortzone, die wir verlassen müssen, um zu wachsen, aber wir dürfen uns dabei nicht überfordern.
Authentisch werden bzw. bleiben
Wenn du lernst, deine eigenen Grenzen deutlich wahrzunehmen und diese auch zu benennen, machst du auf deinem spirituellen Weg große Fortschritte. Möglicherweise kann es eine große Herausforderung sein, ein NEIN zu sagen, wenn die ganze Yoga-Community oder die Leitung der Yoga-Community ein JA von dir fordert. Vielleicht ist aber gerade dieses NEIN ein so wichtiger Schritt auf deinem Weg, dass es mehr Wachstumschancen für dich bietet.
Authentisch zu sein oder eine andere Haltung einzunehmen als die Menschen, zu denen wir uns zugehörig fühlen, kann manchmal anstrengender und fordernder sein, als mit dem Strom der Masse mitzuschwimmen. Gleichzeitig wird dir diese Grenzsetzung jedoch ganz neue Kräfte und ein neues Selbstwertgefühl vermitteln.
Erschöpfung vermeiden, Kräfte sammeln
Wenn du lernst, deine eigenen Grenzen zu erkennen und zu wahren, wirst du mit der Zeit auch mehr Energie zur Verfügung haben. Denn wer viel gibt, nur um anerkannt zu werden oder dazuzugehören, wird auf Dauer ausbrennen. Damit handelst du auch im Sinne des Karma Yoga, denn dieser Geist zielt ganz bewusst auf nachhaltiges und klares Handeln ab.
Die eigenen Energien bewusst einzusetzen, ist ein wichtiger Aspekt der täglichen Sadhana-Praxis. Yoga als Lebensweg ist kein Sprint. Wer Yoga täglich praktizieren möchte und eine tiefe Transformation anstrebt, sollte mit seinen Energien gut und gezielt umgehen. Auch hierfür ist das Wissen um die eigenen Grenzen wichtig. Wenn dein Körper dir das Signal sendet, dass er eine Pause braucht oder sich erholen muss, um die eigenen Batterien wieder aufzuladen, solltest du ihm Gehör schenken.
Ein solch achtsamer und ressourcenorientierter Ansatz ist übrigens kein Anzeichen für ein „fettes Ego“, sondern für gesunde Selbstfürsorge. Sich überfordert zu fühlen und dies zu benennen, spricht für eine gesunde Selbstwahrnehmung und schafft häufig mehr Vertrauen und Respekt, als wenn man versucht, sich unterzuordnen oder es allen recht zu machen.
Dienen aus vollem Herzen
Wenn du anderen im Sinne des Karma Yoga dienen möchtest, dann tue es aus ganzem Herzen und mit Freude und Respekt. Alles ist Energie. Wenn dein Handeln und Dienen erfüllt ist von Freude, wirst du auch ebenso positive Wertschätzung zurückbekommen.
Grenzen zu setzen und zu wahren ist für mich also eher ein Königsweg – ein Ausdruck von Selbstfürsorge und Achtsamkeit, von einem gesunden Umgang mit den eigenen Ressourcen. Nur so wirst du lernen, langfristig für dich selbst und andere zu sorgen und dem Yoga als einer umfassenden Disziplin zu dienen.
Grenzen jenseits der Matte setzen
So wie wir uns auf der Yogamatte oder in unserer Yoga-Community verhalten, so verhalten wir uns auch im täglichen Leben. Deshalb ist es wichtig, auch in anderen Lebensbereichen dafür zu sorgen, dass du deine eigenen Grenzen setzt und diese von deinen Kollegen, Mitarbeitenden, deinem Chef oder deiner Vorgesetzten genauso respektiert werden wie von deinem Lebensgefährten, deinen Eltern oder deinen Kindern.
Egal ob bei der Arbeit oder in unseren intimen Beziehungen: Viele Menschen haben Angst, Grenzen zu setzen, weil sie Angst vor Ablehnung, Liebesentzug oder Jobverlust haben. Doch auch hier schätzen Arbeitgeber, Mitarbeitende, Freunde und Familienmitglieder es sehr, wenn man die Bedürfnisse und Wünsche seiner Mitmenschen kennt und weiß, woran man ist.
Deshalb bleibe höflich und konsequent. Egal ob in der Yoga-Sangha, im Job oder in familiären Kontexten – die Grenze, die du setzt, sollte klar und deutlich sein. Heute eine Grenze zu ziehen und diese morgen aufzuweichen, macht einen Menschen unglaubwürdig. Ein konsequentes Verhalten spricht eher für einen Menschen, als gegen ihn. Es macht deutlich, womit man es zu tun hat und worauf man sich einstellen und verlassen kann. Aber nicht nur für andere Menschen ist ein solches Verhalten wichtig. Es ist auch gut für das Vertrauen in die eigene Person, wenn wir nicht wie ein tibetisches Gebetsfähnchen im Wind unsere Meinung über unsere Grenzen ändern, sondern uns auf uns selbst verlassen können. Spreche deshalb immer wieder offen und respektvoll über deine Bedürfnisse und frage auch die anderen, was sie brauchen, um sich wohl und sicher zu fühlen.
Sich selbst treu zu bleiben in einer Zeit, in der Authentizität und Individualität immer seltener werden, ist ein hohes spirituelles Gut. Wenn nicht das höchste überhaupt. Und wenn wir die Qualität und Notwendigkeit dessen vollkommen verinnerlicht haben, dann können wir uns aufmachen, unser Ego loszulassen und anderen bedingungslos zu dienen.