Als sich Tino Fiedler bei uns gemeldet hat, waren wir sofort begeistert: Der Arbeitstherapeut bietet Yoga für Menschen mit geistiger Behinderung an und hat damit schon viel Gutes erreicht. Um mehr über Tino und seine Schüler zu erfahren, hat YOGA AKTUELL die Gruppe in Ravensburg besucht

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:


Ich bin noch gar nicht ganz durch die Eingangstür, als mir die erste Hand entgegengestreckt wird: „Hallo, ich bin Andreas!“ Der junge Mann lacht mich freudestrahlend an. „Du bist bestimmt die Frau von dem Magazin?“ Noch bevor ich antworten kann, wollen vier weitere Hände geschüttelt werden – herzlicher kann man nicht empfangen werden. Andreas fühlt sich sofort verantwortlich und bugsiert mich zu der Tür, hinter der ich Tino Fiedler finden kann. Er ist hier als Arbeitstherapeut tätig und bietet einmal pro Woche Yogaunterricht für die Mitarbeiter der OWB Werkstätten an. Hier finden Menschen mit geistiger Behinderung eine Möglichkeit, ihre Fähigkeiten und Talente einzubringen und einer Arbeit nachzugehen. Es gibt vielfältige Förderungs- und Betreuungsangebote, die zu einer bestmöglichen Integration der Menschen in die allgemeine Arbeits- und Alltagswelt führen sollen.

Die bunte Vielfalt des Menschseins

„Bevor ich 2008 mit meiner Gruppe gestartet bin, habe ich versucht, mehr darüber zu erfahren, wie man Menschen mit geistiger Behinderung Yoga vermitteln kann“, erzählt mir Tino bei einer Tasse Kaffee in der hauseigenen Kantine. „Leider habe ich dazu kaum Informationen gefunden.“ Deshalb hat er sich bei YOGA AKTUELL gemeldet: Er möchte seine Erfahrungen weitergeben und andere Lehrer und Pädagogen motivieren, Yoga auch für Menschen mit besonderen Bedürfnissen anzubieten. Und die Bedürfnisse hier sind ganz unterschiedlich: In den OWB Werkstätten arbeiten Menschen mit Down-Syndrom und Autismus, aber auch mit Schizophrenie. Viele haben eine ganze Reihe von Symptomen, die ihren Alltag prägen, wie z.B. starke Unruhe, Depressionen, Herz- oder Schilddrüsenprobleme. Durch die jahrelange Einnahme bestimmter Medikamente ist bei vielen die Muskulatur stark verkürzt. Die Gruppe von Tino ist also sehr bunt und vielfältig.

Aber auch wenn die Anforderungen an den Yogalehrer besonders sind – er ist mit voller Überzeugung dabei, das merkt man sofort: „Ich bin immer wieder begeistert, wenn ich die positiven Wirkungen von Yoga bei meinen Schülern beobachte“, sagt Tino. Etwa bei der jungen Frau mit geistiger Behinderung, die mit Depressionen zu kämpfen hat. Während sie anfangs Probleme hatte, Vertrauen zu fassen und ihre Augen beim Üben auch mal zu schließen, liegt sie heute entspannt auf der Matte und kann sich voll auf die Praxis einlassen. „Während der Stunden strahlt sie mich unentwegt an“, berichtet der Yogalehrer, der selbst Ashtanga Yoga übt. „Und es ist ein Strahlen, das aus dem Herzen kommt.“ Tino kennt seine Teilnehmer gut.

Als er mich schließlich mit zum Unterricht nimmt, lerne ich die junge Frau, über die wir gerade gesprochen haben, persönlich kennen. Sie schüttelt mir – genau wie alle anderen – lachend die Hand. Als ich sie frage, ob Yoga ihr Spaß macht, nickt sie beherzt und setzt sich zur Bestätigung gleich auf ihre Matte. Neben ihr stehen heute fünf weitere Schüler der Yogagruppe. Schnell werde ich in ihren Kreis aufgenommen, und alle erzählen, was sie über Yoga wissen: „Yoga – das ist gut für den Rücken und für das Herz“, „Yoga ist mehr als Sport“, „Beim Yoga kann man sich entspannen“. Dann beginnt Tino seinen Unterricht mit Shavasana und ich staune, wie schnell es im Raum ruhig wird. Es dauert nur wenige Minuten, bis alle tief atmend nebeneinander auf dem Boden liegen. Von Tino weiß ich, dass es ein weiter Weg bis hierhin war. Durch die Nase gleichmäßig und tief zu atmen, mussten die meisten erst lernen. An kompliziertes Pranayama ist hier nicht zu denken. Auch, dass die meisten inzwischen 90 Minuten fokussiert bei der Sache bleiben können, darf als Erfolg gewertet werden. Selbst der junge Mann, den Tino mir vor der Stunde vorgestellt hat und der anfangs Schwierigkeiten hatte, auch nur eine Übung ruhig auszuführen, ohne dazwischen herumzuzappeln, ist heute völlig konzentriert. Nur manchmal packt ihn die Neugier, und er sieht zu mir herüber und zwinkert mir schmunzelnd zu.

Geduld und Einfühlungsvermögen sind wichtig

Tino beginnt mit einer Reihe von Asanas, und alle wissen sofort, was gemeint ist, wenn er vom Halbmond, der Kobra, dem Hund, der Katze oder dem Krokodil spricht. Sogar die Sanskritnamen der Haltungen kennen viele und kommen sofort auf alle Viere, wenn von Adhomukha-Shvanasana die Rede ist. Zwischendurch ist der Lehrer vor allem damit beschäftigt, seine Schüler zu korrigieren. Vielen fällt es schwer, rechts und links auseinanderzuhalten oder zu spüren, wo sich ihre Hand oder ihr Bein genau befindet. Sanft und geduldig hilft Tino allen in die Haltung – so gut es eben gerade geht. Hier geht es nicht um Perfektion, niemand muss etwas Bestimmtes leisten oder können. Dafür sind alle mit vollem Enthusiasmus dabei. „Wichtig ist, dass man die eigenen Erwartungen als Lehrer nicht zu hoch schraubt“, hat mir Tino vor der Stunde erzählt. „Was man für den Unterricht mit so einer Gruppe vor allem braucht, sind Geduld und Einfühlungsvermögen.“ Während der Stunde sehe ich ihm an, dass er sich auch über die kleinsten Erfolge seiner Schüler freut und jeden Fortschritt würdigt.

Als gegen Ende der Stunde alle den Held auf einem Bein versuchen, hört man manche vor Anstrengung laut atmen. Nach der Stunde erklärt mir Tino, wie wichtig die Bewegung für viele ist. „Die Eltern sind häufig schon genug damit beschäftigt, die vielen Termine und Arztbesuche gut zu koordinieren. Da kommt die körperliche Bewegung bei manchen einfach zu kurz.“ Bevor es aber zu anstrengend wird, lockert der Yogalehrer den Unterricht wieder mit einem seiner Scherze auf. Es wird viel gelacht während der ganzen Stunde, und man merkt, dass das genauso wichtig ist wie das Atmen, Bewegen und Entspannen. Zwischendurch gibt es viele Pausen, in denen einer Haltung nachgespürt werden kann. Schließlich geht es hier auch darum, ein wenig zur Ruhe zu kommen.

Yoga ist für alle Menschen

Als ich Ravensburg wieder in Richtung Redaktion verlasse, bin ich tief berührt. Auch begeistert von der Arbeit, die Tino mit seiner Gruppe leistet, und von den Erfolgen, die er bereits erzielt hat. Wieder einmal zeigt sich die wunderbare Kraft von Yoga. Mögen möglichst viele Menschen in Zukunft davon profitieren. Mögen alle Menschen die Gelegenheit dazu bekommen – egal ob sie groß, klein, dick, dünn, alt, jung, physisch oder psychisch eingeschränkt oder eben völlig durchschnittlich sind.

Infos

Tino Fiedler (39) ist Arbeitstherapeut und Yogalehrer. 2004 wurde er von Yogi Dhirananda in die Kriya-Yoga-Technik eingeweiht. 2008/09 folgte die Ausbildung zum Yogalehrer in St. Gallen. Inzwischen unterrichtet er in verschiedenen Studios in Ravensburg, im Rahmen der Betrieblichen Gesundheitsvorsorge in den Oberschwäbischen Werkstätten.Anzeige