Hanf ist in Indien untrennbar mit dem großen Gott Shiva verbunden. Welche Rolle die Pflanze im Shiva-Kult spielt und wie die Sadhus sie konsumieren

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In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Cannabis spielt seit vielen Jahrtausenden eine wichtige Rolle im Himalaya, am Ganges und in ganz Indien, dem Land der wandernden Sa­dhus, der Heiligen und Pandits. Schon früh, vermutlich mit den Indoariern, kam diese bewusstseinsverändernde Pflanze aus Zentralasien in den Subkontinent. Und schon vor mehr als 3500 Jahren, als die Veden verfasst wurden, galt Hanf (Sankrit „bhanga“, Hindi „bhang“) als mächtige Medizin für Körper, Seele und Geist.

Schriftliche Aufzeichnungen über den heiligen Status der Pflanze hingegen finden sich erstmals im Atharva-Veda, der irgendwann zwischen 2000 und 1400 v. Chr. verfasst wurde. Hier wird Cannabis als „eine der fünf heiligen Pflanzen“ bezeichnet. Die Erwähnung in den heiligen Schriften macht deutlich, dass das Wissen um die halluzinogene Wirkung des Hanfs in der indischen Geschichte weit zurückgeht, und verdeutlicht gleichzeitig die tiefe mythologische und geistige Bedeutung. Somit ist nicht verwunderlich, dass man Hanf als Sakralpflanze sogar den gleichen Stellenwert einräumte wie dem heiligen Basilikum (Hindi „tulasi“) und dem heiligen Feigenbaum (Hindi „pipal“). Eine bestimmte Form der Zubereitung, das so genannte Bhang, galt sogar als so heilig, dass man glaubte, sie halte Böses fern, bringe Glück und läutere den Menschen von Sünde.

Bhang, Ganja und Charas

Heute gibt es neben Bhang noch zwei weitere Arten von Cannabis: Ganja und Charas. Alle drei werden auf ganz unterschiedliche Weise getrunken, gegessen oder geraucht und in verschiedenen Kontexten konsumiert. Aber wie auch immer man sich die Substanz zufügt, Shiva, der „Gütige“, der „Mahadev“, der „Große Gott“, lebt in der Hanfpflanze, beseelt denjenigen, der sie zu sich nimmt, und erweitert dessen Bewusstsein. Deshalb ist diese Pflanze für die Inder ein Sakrament, welches – in einen korrekten rituellen Kontext eingebettet eingenommen – die Kommunion mit diesem „Gott der Götter“ ermöglicht. Aus rein hedonistischen Gründen wird Cannabis nicht genommen, weil dies dem Konsumenten eher schaden als helfen würde. Denn für die Hindus stellt es eine besondere Möglichkeit dar, eine Verbindung mit Shiva herzustellen, der ja zugleich unser eigenstes, wahres Selbst ist. Ja, selbst heute noch, im Zeitalter des Hightech, spielt der Hanf in Indien in den wichtigsten religiösen Zeremonien und bei den gesellschaftlichen Übergangsritualen, etwa bei Hochzeiten und Bestattungen, eine Hauptrolle. Oder aber er wird im religiösen Kontext eingesetzt, um Darshana – das Schauen des göttlichen Hintergrundes des Seins – zu ermöglichen.

Bei Bhang handelt es sich um einen flüssigen Brei oder um eine weiche, feuchte Kugel, die aus zermahlenen männlichen wie weiblichen Hanfblättern unter Zusatz von Jogurt und Pfeffer gebraut wird. Aber auch das Rauchen von Ganja, den getrockneten weiblichen Blättern, dient der Gottesschau und wird als solche von den meisten Indern geschätzt. Selbst gebildete und bekannte nepalesische Kulturwissenschaftler wie Trilok Chandra Majupuria und Indra Majupuria von der Tribhuvan University (Kathmandu, Nepal) räumen dem Kraut einen transformierenden und heiligen Status ein und schreiben: „Marihuana ist die heiligste Pflanze Lord Shivas. Dieser Herr der Yogis oder Asketen bleibt im immerwährenden Zustand der ewigen Wonne, wobei seine Augen in Unmani-Mudra verharren. Die Verbindung zwischen Marihuana und höheren Bewusstseinszuständen ist wohlbekannt. Das Rauchen von Charas unterstützt das visionäre Durchdringen des Schleiers der Unwissenheit, öffnet das Tor zur Zukunft und spielt eine Rolle in der Transformation des menschlichen Bewusstseins.“ (Majupuria, Trilok Chandra und Indra Majupuria, Pashupathinath, Arihand Press, Jullandur). Cannabis ist in Indien sogar so heilig, dass man – wie bei uns auf eine Bibel – Eide und Gelübde auf seinem Blatt schwören kann. Und bei Wolf-Dieter Storl heißt es, dass derjenige, der den Schwur nicht einhält, dem Tode geweiht ist. Selbst im Traum wird die Pflanze als Zeichen des Segens beschrieben. Denn wer von Bhang träumt, dem ist die Glücksgöttin Lakshmi hold. Dagegen ist es ein böses Omen, wenn man träumt, dass jemand das Hanfkraut mit Füßen tritt.

Der Gott der 1008 Namen im Rausch

Eine weitaus größere Rolle als Lakshmi spielt jedoch Shiva im Zusammenhang mit Cannabis. Der Gott, der in seiner Erscheinungsform vielfältig ist und deshalb 1008 Namen trägt, wird in Indien auch gerne als Aushadhishvara, als Herr der Rauschdrogen und Heilkräuter, bezeichnet, eben weil er neben vielen anderen besonders Hanf und den Stechapfel liebt. Und er ist der einzige Gott im ganzen Götterpantheon, der immer berauscht ist, was die alten Schriften, wie das Bhagavata-Purana, bezeugen. Über Shiva wird erzählt, dass er, um einen seiner Verehrer zu retten, „halb die weibliche Gestalt Parvatis annahm, sein ungepflegtes Haar aufband, seinen Körper mit Asche einrieb, große Mengen Hanf, Seidenpflanze und Stechapfel verzehrte, sich eine weiße Schlange als Brahmanenschnur, eine Elefantenhaut und ein Halsband aus Totenschädeln anlegte. So ritt er auf Nandi, seinem Stier, in Begleitung seiner Gespenster, Teufel und halbtierischen Kreaturen, mit dem Mond auf der Stirn und blutroten Augen aus, um seinen Anbeter zu rächen. (Wolf-Dieter Storl: Bom Shiva). Eine weitere von zahlreichen Erzählungen über Shiva besagt, dass seine Blaufärbung auf eine Vergiftung zurückzuführen ist, die Shiva mit Haschisch behandelte und überlebte.

Die Shiva-Sadhus

Aber nicht nur Shiva selbst ist dem Kraut ergeben. Auch seine Anhänger, jene Sadhus, die viel Haschisch rauchen, lieben es, nicht nur um ihre Meditation zu vertiefen, sondern auch um sich mit Shiva zu vereinen. Und es sind genau die Sadhus, die viele Menschen im Westen durch ihr wildes äußeres Erscheinungsbild in den Bann ziehen. Im Sanskrit bedeutet „sadhu“ „guter Mann“ und bezeichnet jene Menschen, die sich ganz ihrem spirituellen Weg widmen und dafür vollkommen ihr weltliches Leben aufgegeben haben und asketisch leben. Für diese Sadhus haben der Akt des Haschischrauchens und das anschließende Verschmelzen mit Shiva einen höchst sakralen Charakter. Aus diesem Grund rauchen die meisten Sadhus auch nur Charas, das heißt von Hand gemachtes Haschisch bester Qualität. Kein Wunder also, dass das beste Haschisch, das man in Indien rauchen kann, von Sadhus im Bezirk Kullu in der Region Himachal Pradesh produziert wird. Geraucht wird Charas von den Sadhus meistens im Shillum, einem etwa 10 bis 20 cm langen Holz-, Ton- oder Steinrohr. Ursprünglich kommt das Shillum vom indischen Subkontinent und aus dem Himalaya, wo es seit Jahrhunderten zum rituellen Rauchen von Haschisch eingesetzt wurde. „Bom Shiva“ oder „Bom Shankar“ rufen die Sadhus ihren Shiva an, wenn sie ihre Shillum anrauchen und rufen. Shankar ist dabei nur einer der vielen Namen Shivas und heißt „der Segnende“ oder „der den Segen Gebende“. Die Shivas, die wie ihr Herr aschebeschmiert, Ganja rauchend, zottelhaarig und schelmisch die Weiten Indiens durchwandern, nennen ihren Gott sogar liebevoll „Bhangeri Baba“, was so viel bedeutet wie „der von Bhang berauschte Vater“. Der Haschischkonsum hilft ihnen anscheinend sogar bei Brahmacharya, der sexuellen Enthaltsamkeit, die so wichtig ist, um die Shaktikraft zu sammeln.

Auf dem Gipfel thronend

Dem indischen Mythos zufolge thront Shiva auch heute noch auf dem Kailash, dem 6714 hohen Monument aus Eis. Verglichen mit den Achttausendern des Himalaya-Gebirges ist er von seiner Größe her eher bescheiden, aber was seine religiöse Bedeutung betrifft, überragt dieser Berg als Sitz Shivas alle anderen Berge. Dort, wo Wolken um den Gipfel wabern, thront Shiva, der Herrscher über Tod und Wiedergeburt. Der „Gütige“ wohnt in einem Palast aus Edelsteinen, meditiert auf einem Tigerfell, raucht Haschisch und regiert auch heute noch die Welt. Kein Mensch, kein Bergsteiger hat diesen verzauberten Ort je zu Gesicht bekommen. Denn aus der Sicht der Shivaisten ist es keinem Sterblichen erlaubt, die Wohnstatt des Gottes zu betreten. Und somit bleibt den Sadhus nur die Möglichkeit, Shiva im Cannabis zu erfahren und zu erkennen, dass es niemals eine Trennung gab und nie geben wird, zwischen ihnen, den vom Winde begürteten, mit Staub bekleideten Asketen und dem großen gütigen Gott.

Infos

Literatur:
Wolf-Dieter Storl: Bom Shiva. Der ekstatische Gott des Ganjas, Nachtschatten Verlag 2008 (2. Aufl.)
Richard E. Schultes / Albert Hofmann: Pflanzen der Götter. Die magischen Kräfte der Rausch- und Giftgewächse, AT Verlag 1996 (2.Aufl.)Anzeige