Der atmende Gott – Reise zum Ursprung des modernen Yoga und das Clip-Mosaik „Yogawoman“ in der Kritik


Der atmende Gott – Reise zum Ursprung des modernen Yoga
Der deutsche Filmemacher Jan Schmidt-Garre hat sich in den vergangenen 15 Jahren thematisch vor allem mit Musikern, Dirigenten und Künstlern auseinandergesetzt, unter anderem mit den Tenören der Schellackzeit, mit Furtwängler und Celibidache und mit John Baldessari.
Durch seine Frau kam er mit Ashtanga-Yoga in Berührung, und aufgrund eigener Yoga-Erfahrungen hat er sich filmisch auf eine Reise nach Südindien zu einem der Ursprünge des modernen Yoga begeben.

Der legendäre Krishnamacharya steht im Mittelpunkt des Films; drei seiner Schüler geben in Gesprächen Auskunft über ihren Guru und ihr eigenes Yogaverständnis, und man sieht betagte Koryphäen des Hatha-Yoga unterrichtend und Yoga praktizierend: Pattabhi Jois, der während der Dreharbeiten verstarb, B. K. S. Iyengar und T. K. Sribhashyam.

Historische Aufnahmen
Was den Film interessant und sehenswert macht, sind mehrere historische Aufnahmen von Krishnamacharya sowie Aufnahmen von seinen Yoga-Übungen demonstrierenden Kindern und Schülern. Interessant und sehenswert sind ebenso die nachgestellten Yogaszenen, die nachvollziehbar machen, wie es am Hof des Maharajas und während der Yogavorführungen zuging zu jener Zeit. Und interessant und sehenswert ist es, Pattabhi Jois, B. K. S. Iyengar und T. K. Sribhashyam in Mysore und Chennai in Aktion zu erleben. Deutlich wird dabei allerdings auch, dass die Didaktik und der Umgang mit Schülern bei Jois und Iyengar alles andere als modern ist. Beide berichten, dass Krishnamacharyas Yogaunterricht äußerst hart und mitunter brutal war, und dass er manchmal auch hart zuschlug. Diese rüde Art des Umgangs pflegt Iyengar offenbar nach wie vor, und so ist er im Film in einer Unterrichtsszene zu sehen, wie er einen seiner Schüler oder Assistenten auf den Kopf schlägt, weil jener die Yogamatte nicht so ablegt, wie es Iyengar wünscht. Das zeugt weder von einem respektvollen Umgang, noch ist es ein Merkmal von modernem Yoga.

Eine von mehreren Strömungen des modernen Yoga
„Erfinder des modernen Yoga“, wie im Film und im Presseheft mehrfach postuliert wird, sind Krishnamacharya und seine berühmten und hinsichtlich des Unterrichtsstils partiell auch berüchtigten Schüler ohnehin nicht. Gewiss haben sie die Entwicklung des Hatha-Yoga entscheidend geprägt, und natürlich hat Krishnamacharya ein Riesenverdienst und eine gewichtige Rolle bei der Renaissance des Hatha-Yoga in Indien gespielt! Aber es gibt neben ihm und seinen in der westlichen Welt bekannten Schülern noch andere Schwergewichte des Hatha-Yoga, wie z.B. Swami Sivananda aus Rishikesh. Als in den 1930er Jahren Krishnamacharya mit seinen Vorträgen den Yoga im Süden Indiens populär machte, vermittelte der Sivananda-Schüler Boris Sacharow Hatha-Yoga als indische Körperertüchtigung mit Tiefe und philosophischem Hintergrund bereits in Deutschland und in Bulgarien. Und bereits zuvor, in der Zeit der Weimarer Republik, gab es in Deutschland eine vielfältige Yogaszene, die nicht von Krishnamacharya geprägt war, sondern von den Theosophen, von Swami Jnanananda, von Adelmann-Huttula u.a.m.

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Leider hat Jan Schmidt-Garre bei der Musikauswahl offenbar auf frühere Filmthemen zurückgegriffen, und so ist bei den historischen Aufnahmen von Krishnamacharya eine Arie aus Rimsky-Korsakoffs „Sadko“ zu hören, die meiner Meinung nach ebenso ein Fehlgriff ist wie die klassische Klaviermusik aus dem Off. Jan Schmidt-Garre ist im Film selbst auch immer wieder zu sehen, im Gespräch mit Pattabhi Jois, B. K. S. Iyengar und T. K. Sribhashuam, Asanas übend sowie mit dem aus Oslo stammenden Ex-Boxer, Ex-Tänzer, Indologen und „Beinahe-Yogi“ Alex Medin.

Statt dieser zweiten Ebene der nach den Ursprüngen ihrer (!) Yogapraxis suchenden Europäer hätte ich mir Aufnahmen von der charismatischen Krishnamacharya-Schülerin Indra Devi (von der es beeindruckende Filmaufnahmen gibt, z.B. wie sie mit 94 Jahren in Süddeutschland ein Wochenendseminar in der Yogaschule von Roswitha Maria Gerwin leitet) sowie von Desikachar bzw. – mit Rücksicht auf dessen Krankheit – von einem anderen Vertreter dieser Tradition gewünscht.

Doch trotz dieser Einschränkungen und persönlichen Erwartungen bleibt „Der atmende Gott“ eine interessante und sehens- sowie empfehlenswerte Filmdokumentation über die Entwicklung des Yoga und einige jener Persönlichkeiten, die den im Westen populären Hatha-Yoga maßgeblich mitprägten! Kinostart ist der 05. Januar 2012.

 

 

Yogawoman

Nachdem über Jahrhunderte indische Patriarchen und über Jahrzehnte westlich sozialisierte Männer den Yoga geprägt und dominiert haben, ist es gut und gerecht, dass nun zunehmend Frauen im Yoga das Sagen haben. Mit der Filmdokumentation „Yogawoman“ bekommen diese Frauen ein Forum, den Wandel und ihre Yogaweltanschauungen zum Ausdruck zu bringen. Dies hat auch deshalb Sinn, da die ersten Anzeichen einer Yogapraxis in der prävedischen Induskultur zu finden sind, die von starken Frauen, friedlichem Miteinander und Fruchtbarkeitssymbolen geprägt war.

Ein Clip-Mosaik
Die australischen Filmemacherinnen Kate Clere McIntyre und Saraswati Clere, die für Buch, Regie und Produktion verantwortlich zeichnen, lassen vor allem renommierte Yogalehrerinnen, einige Yogaschülerinnen sowie Medizinerinnen zu Wort kommen. Zu 90 % sind es US-Amerikanerinnen, die sich äußern, und die Drehorte sind vor allem New York, Boston, Los Angeles und San Francisco. Insgesamt kommen rund sechzig Frauen zu Wort, die alle irgendwie mit Yoga zu tun haben, darunter mehr und minder bekannte Yogalehrerinnen wie Seane Corn, Angela Farmer, Donna Farhi, Sharon Gannon, Cyndi Lee, Tari Prinster, Shiva Rea und Patricia Walden.

In dem 84-minütigen Clip-Mosaik „Yogawoman“ mit vielen wechselnden Gesprächspartnerinnen werden drei Frauen etwas umfangreicher dargestellt: Seane Corn, Tari Prinster und Patricia Walden.

Bei Seane Corn geht es um deren Initiative „Off the mat into the world“, und man sieht u.a., wie sie sich für Hilfsprojekte in Afrika einsetzt und vor Ort von der Umsetzung ihrer Aktionspläne be- und gerührt ist.

Bei Tari Prinster geht es vor allem um ihre Ängste während ihres mehrjährigen Kampfes mittels Yoga gegen ihren Brustkrebs. Dabei entdeckte sie, dass Yoga mehr ist als eine Technik, um gesund zu bleiben. Sie entschied sich für eine Yogalehrer-Ausbildung bei OM Yoga in New York und bietet nun Yogakurse und Retreats speziell für Brustkrebspatientinnen an.

Bei der Iyengar-Yogalehrerin Patricia Walden geht es um ihre konstante Leidenschaft für Yoga, insbesondere nachdem sie 1976 B. K. S. Iyengar kennengelernt hatte. Sie beobachtete, dass Frauen unter anderem aufgrund von Menstruation, Schwangerschaft oder Menopause andere Anforderungen an Yoga haben, und entwickelte darauf basierend ihren eigenen Yoga-Unterricht weiter.

Weiblich orientierte Praxis und Lebensveränderung?
In der Pressemitteilung zum DVD-Start heißt es, „Yogawoman“ möchte mit Hilfe persönlicher Geschichten zeigen, „wie Yoga das Leben von überstimulierten, ständig ausgebuchten, multitaskingfähigen modernen Frauen grundlegend verändert hat.“ Obwohl von dieser Veränderung im Film mehrfach die Rede ist, wird selten deutlich, worin diese grundlegende Veränderung besteht. Denn trotz oder sogar durch Yoga bleiben diese Frauen multitaskingfähig, ständig ausgebucht und überstimuliert. Sie werden als „Ikonen mit Rock-Star-Status“ bezeichnet, reden gern über sich und ihre Erfolge, und sie propagieren „more stronger“, genau wie ihre männlichen Kollegen. Rein visuell wird die Diskrepanz im Film ab und an deutlich, wenn da von Relaxing und Freude gesprochen wird, aber die Gesichter und Körper an- und überspannt sind und der Blick eher traurig ist.

Faktisch unzutreffend ist im übrigen die Feststellung, die neue Generation von dynamischen Lehrerinnen würde den männlich-orientierten, eher unbeweglichen Stil durch ausgesprochen weibliche Praxis ersetzen. Zum einen ist der von Lehrerinnen vermittelte Yoga in Anlehnung an ihre Lehrer oftmals ausgesprochen maskulin, und zum anderen gab es lange, bevor Frauen die Schülerinnenrolle verließen und sich als Lehrerinnen etablierten, dynamische Übungsabläufe. Surya-Namaskara, der Sonnengruß, ist ein solcher Bewegungsablauf, die tibetischen Niederwerfungen sind ein anderer.

Trotz Mankos sehenswert
Was ich in dieser „Yogawoman“-Dokumentation vermisst habe, sind Yogafrauen aus Europa, und zwar solche, die etwas Eigenes entwickelt haben, also nicht nur Trademark-Yoga made in USA vermitteln. Der Vollständigkeit halber hätte ich gern auch solche Yogafrauen gesehen und gehört, die als Groupies den männlichen Yogaszenestars seit Jahren überallhin folgen und diese anhimmeln, sowie als Pendant dazu solche Yogafrauen, die nicht alles, was mit „Yoga“ etikettiert wird, toll und „amazing“ oder „hip, hot und holy“ finden, sondern die Entwicklung des Yoga auch kritisch reflektieren.

Dennoch und letztendlich ist der Film „Yogawoman“ sowohl für Frauen als auch für Männer durchaus sehens- und hörenswert, zumal ein zentraler Gedanke des Yoga Einheit und Verbundenheit ist, also eher der Ausgleich von polarisierenden Positionen und Anschauungen.

Die DVD „Yogawoman – Never under­estimate the power of inner peace“ gibt es seit Oktober 2011 im Handel. Zu beziehen ist die DVD (mit u.a. deutschen Untertiteln) für EUR 16,99 u.a. über Amazon und die offizielle Website zum Film.

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