In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Kannst du mir generell etwas über die Entwicklung auf dem spirituellen Markt erzählen? Es gibt immer mehr Self-made Gurus, Lamas, Erwachte etc., so dass alles schon etwas fast Inflationäres hat. Woher weiß ich, dass der Lama, Guru vor mir wirklich tiefe transformierende spirituelle Erfahrungen gemacht hat?

Pyar: Ja, es ist teilweise wirklich ein Markt geworden. Und es gibt leider keine sicheren Kriterien für die Güte eines Lehrers. Also nur ein paar Tipps: Mitgefühl, Humor, Freudigkeit, Gelassenheit und der Geruch von Stille sind einige Qualitäten, nach denen man schauen kann.

Wo tun sich Menschen, die eine spirituelle Erfahrung gemacht haben, deiner Meinung nach mit der Integration ihrer Erfahrung besonders schwer?

Pyar: Die Schwierigkeiten tauchen im persönlichen Leben meist in den Bereichen Beziehung, Geld, Arbeit auf. Und sie tauchen häufig auf, wenn es um die Beschäftigung mit gesellschaftlichen, ökologischen, sozialen oder politischen Themen geht. Oder anders formuliert – sie tauchen an den Stellen auf, an denen die Versuchung am größten ist, sich dem Berührtwerden oder dem Schmerz oder der Konfrontation mit anstehenden Problemen zu entziehen.

Wenn du von Berührtwerden sprichst, heißt es, dass man neben einem Guru auch eine Psychotherapie braucht, um biografische Probleme zu lösen?

Pyar: Nein, ich meine damit einfaches, menschliches Berührt-Sein im Jetzt. Trotzdem braucht natürlich der eine oder andere bei einer gravierenden Problematik psychotherapeutische Unterstützung, aber sicher nicht jeder.

Jetzt gerade ist dein neues Buch erschienen: »Wir – Wege zur Verbundenheit« Kannst du kurz aufzeigen, worum es darin geht?

Pyar: Um mit den Herausforderungen unserer Zeit intelligent umgehen und ökologische, soziale und politische Probleme nachhaltig lösen zu können, halte ich es für wesentlich, dass möglichst viele Menschen ein tiefes Verständnis und eine tiefe eigene Erfahrung der überpersonalen Dimension der Raumhaftigkeit und des klaren Gewahrseins des Geistes gewinnen und stabilisieren. Und nicht weniger wichtig ist es, die Wirklichkeit der wechselseitigen Verbindung und Abhängigkeit aller Wesen zutiefst zu verstehen, zu erfahren und umzusetzen. Diese Sicht und auch diese Erfahrung zu vermitteln ist mein Anliegen in meinem neuen Buch „Wir – Wege zur Verbundenheit“, aber auch in meiner persönlichen Arbeit mit Menschen. Meines Erachtens kann es nur mit dieser Sicht aus dem reinen Gewahrsein und im Erfahren der Vernetztheit unserer inneren Strukturen und unserer Umwelt gelingen, adäquat auf die Herausforderungen unserer Zeit zu antworten und dabei ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen. Ich wage zu behaupten, dass diese Sicht aus umfassenderem Gewahrsein heraus die Grundlage für jede nachhaltige Veränderung ist, die über ein Flickwerk hinausgehen soll, und ich halte diese Sichtweise daher für unabdingbar für uns alle – seien wir Ärzte oder Handwerker, Büroangestellte oder Top-Manager, Anwälte oder Politiker, Eltern oder Singles.

Ich gehe in diesem Buch auch ausführlich auf viele Themen ein, die uns allen auf den Nägeln brennen – insbesondere auf all die Bereiche unseres Lebens, in denen wir gerade heute besonders stark Entfremdung und daraus resultierendes Leiden erfahren, wie Umgang mit virtuellen Welten, Geld und Wirtschaft, Wasserressourcen, unsere Nahrung, Informationsflut und deren Bewältigung usw.

Welchen Ratschlag kannst du dem Leser abschließend aus deinem Buch »Wir« geben?

Pyar: Eine kleine Übung aus dem Buch, die dazu dient, sich die wechselseitige Bezogenheit aller Dinge klarzumachen: Überlegen Sie sich: Was ist alles nötig für den Stuhl, auf dem Sie gerade sitzen? Dieser Stuhl besteht aus Holz. Ein Baum wuchs dafür irgendwo auf der Erde und wurde gefällt. Damit dieser Baum wachsen konnte, waren Erde, Regen und Sonne notwendige Voraussetzungen. Zwei Menschen, die sich ineinander verliebt haben, zeugten einen begnadeten Tischler, der Ihren Stuhl fabrizierte. Wenn diese beiden Menschen sich nicht verliebt und ein Kind gezeugt hätten, wäre der Stuhl nicht derselbe, wie der, auf dem Sie gerade sitzen. Wenn Sie sich solchen Überlegungen über die Verbundenheit von allem hingeben, kommen Sie sehr schnell zu dem Bewusstsein, dass alles, was jetzt existiert, und alles, was bis zum Anfang der Welt existierte, notwendig ist, damit Sie hier sitzen können. Und vielleicht erfahren Sie dieselbe Einsicht, die Buddha hatte, als er unter dem Bodhibaum saß, im ersten Morgenlicht ein Blatt dieses Baumes betrachtete und erkannte: „Die Quelle eines Dings sind alle Dinge.“
 
Vielen Dank für das Interview!
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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.