„Du hast mich so reich gemacht, mein Gott, lass mich auch mit vollen Händen austeilen können. Mein Leben ist zu einer ununterbrochenen Zwiesprache mit Dir geworden, o mein Gott, eine große Zwiesprache. Wenn ich in einer Ecke des Lagers stehe, meine Füße auf Deine Erde gepflanzt und das Gesicht zu Deinem Himmel erhoben, dann laufen mir manchmal die Tränen über das Gesicht, geboren aus der inneren Bewegung und Dankbarkeit, die sich einen Ausdruck sucht. Auch am Abend, wenn ich im Bett liege und in Dir ruhe, mein Gott, laufen mir manchmal die Tränen der Dankbarkeit über das Gesicht, und das ist dann mein Gebet.“
(Etty Hillesum, Auszug aus einem Brief aus dem Konzentrationslager Westerbork)
Etty Hillesum (1914–1943) war eine niederländische Jüdin, die inmitten der Judenverfolgung in den von den Nazis besetzten Niederlanden ein spirituelles Erwachen erfuhr und so die Geschehnisse der damaligen Zeit aus einer sehr außergewöhnlichen Perspektive erlebte. Von 1941 bis 1943 führte sie ein Tagebuch, in dem sie ihre persönliche und spirituelle Entwicklung während dieser dunklen Zeit sowie die Verbindung zu ihrem geistigen Lehrer Julius Spier beschreibt. Rund vierzig Jahre nach ihrer Ermordung im Alter von neunundzwanzig Jahren in Auschwitz wurde eine erste Auswahl aus d