Erwacht und nicht mehr eingeschlafen: Eckhart Tolle im Porträt
Eckhart Tolle zählt zu den bedeutendsten spirituellen Lehrern der Gegenwart. Vielleicht liegt es daran, dass seine Botschaft, inneren Frieden zu finden und erfüllte Beziehungen zu führen, weder an eine religiöse Zugehörigkeit noch an bestimmte Techniken gebunden ist. Seine Botschaft lautet einfach: Die Liebe ist immer Jetzt! Je mehr wir also lernen, im Jetzt zu verweilen, desto eher werden unsere Beziehungen zu einem Ort der Liebe, der Wahrhaftigkeit und der Entfaltung! Zwei Jahre lang hatte Tolle sich zusammen mit seiner Lebensgefährtin Kim zurückgezogen. Letztes Jahr kam er wieder nach Deutschland, um die Menschen in seinen humorvollen und gleichzeitig tief gehenden Vorträgen zu erfreuen, und um zu vermitteln, wie leicht die Liebe aus dem Jetzt heraus sein kann.

Das Erwachen von Eckhart Tolle gleicht einem Märchen: Während seines Romanistik-Studiums wurde der gebürtige Deutsche immer wieder von Depressionen und Angstzuständen heimgesucht. Nach seinem Staatsexamen, als Doktorand in Cambridge, litt er, damals 29-jährig, unter einer solch schweren Depression, dass er dem Selbstmord nahe war. In diesem Zustand sagte er sich eines Nachts: „Ich will mit mir selbst nicht mehr weiterleben“. Dabei realisierte er plötzlich, dass es neben einem „Ich“ noch etwas anderes geben musste, nämlich ein „Selbst“. Dadurch erfuhr er eine elementare Bewusstseins-Verwandlung. Sein mit der Vergangenheit identifiziertes Ich verschwand. Ein tiefer, nicht enden wollender Friede tauchte auf und blieb bestehen.

Ohne anfangs selbst bewusst zu realisieren, was in der Tiefe mit ihm passiert war, verbrachte er die nächsten Jahre mit der Integration dieser Erfahrung. Tolle: „Nach meiner Bewusstseinswandlung habe ich mehrere Jahre damit verbracht, alle Lehrer, die ich finden konnte, zu besuchen und mit ihnen zu sprechen.

Denn zu der Zeit verstand ich noch nicht, was geschehen war. Ich wusste nur, dass ein innerer Zustand des Friedens da war. Ich hatte das starke Bedürfnis, mehr über meinen inneren Zustand zu lernen. Dann habe ich auch angefangen zu lesen. Gewisse Lehrer haben mir sehr geholfen, meinen eigenen Zustand zu erkennen und zu verstehen. So hat mir zum Beispiel ein Mönch gesagt, dass Zen damit zu tun hat, dass die Gedanken aufhören. Und in dem Moment erkannte ich zum ersten Mal, warum der Zustand des inneren Friedens da war. Da erst realisierte ich, dass ich gar nicht mehr viel denke, dass das zwanghafte Denken nicht mehr da ist. Dieses Denken hatte bei mir früher diesen schrecklichen inneren Zustand hervorgerufen. Jeder Gedanke war schmerzhaft.“

Tiefer Frieden
Mit der Zeit wurde der Friede, den Tolle erlebte, auch für andere in seiner Umgebung spürbar. Immer mehr Menschen fragten Tolle um Rat, wie es auch ihnen gelingen könnte, diesen tiefen Frieden zu erlangen. Auf deren Bitten hin, sein Wissen und seine Lehre aufzuschreiben, verfasste er „The Power of Now. – Jetzt! Die Kraft der Gegenwart.“ Es dauerte auch nicht lange, bis er mit diesem Buch zu einem internationalen Bestseller-Autor avancierte und mit seiner Botschaft „Sei gegenwärtig! Sei im Jetzt!“ um die Welt reiste.
Mittlerweile gehört der in Vancouver, Kanada, lebende Tolle zu den wichtigsten spirituellen Lehrern der Gegenwart. „Jetzt“ wurde in weit über 30 Sprachen übersetzt und stand wochenlang in der Bestsellerliste der New York Times auf Platz Nr. 1. Die Botschaft von Eckhart Tolle begeistert Menschen aus allen Erdteilen und allen Gesellschaftsschichten. Mittlerweile wurden seine Bücher, Videos und Kartensets weltweit bereits über 3 Millionen Mal verkauft und ein Ende seines Erfolges ist nicht abzusehen. Für die Verlage ist Eckhart Tolle ein Erfolgsgarant, den seine Bücher zählen mittlerweile für spirituell Suchende zur Pflichtliteratur auf dem Weg zum Erwachen.

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„Es war für mich selbst auch überwältigend, wie schnell alles angewachsen ist. Aber es ist auch wundervoll zu sehen – wenn nicht das Schönste an dem Phänomen überhaupt – wie viele Menschen sich jetzt in einem Prozess der Bewusstseinswandlung befinden.“ verrät Eckhart Tolle in einem Interview und lacht auf eine sehr natürliche Weise, ohne ein Anzeichen jeglicher Starallüren. Begegnet man Eckhart Tolle persönlich, wirkt er nämlich eher bescheiden. Sein Weltruhm ist ihm nicht zu Kopf gestiegen. Menschen, die mit dem mittlerweile 58jährigen auf seinen Vorträgen und Reisen zu tun haben, erleben ihn als sehr einfachen, stillen, in sich ruhenden Menschen, der eher zurückhaltend, aber sehr liebevoll und auch humorvoll im Kontakt mit anderen ist. Manchmal wirkt er fast scheu und schüchtern und zieht sich gerne zurück, ist dabei aber klar und lässt erkennen, dass er genau weiß, was er will und was nicht.

Unendliche Weite
Interviewtermine mit ihm werden zu einer ganz besonderen Begegnung. Während ich etwa im Vorgarten einer Grünwalder Villa, in der er während seiner Vorträge in München untergebracht war, letzte Fragen an ihn für das bevorstehende Interview formulierte, waren sie in dem Moment verschwunden, als mir der zierlich wirkende Mann in einem kleinen Zimmer auf einem Sessel gegenüber saß. Sein Hemd war bis unters Kinn zugeknöpft und seine blauen Augen, umrahmt von leicht entzündeten Lidern, blickten mich offen und freundlich zugewandt an. Der Friede, den Tolle auf mich ausstrahlte, machte alle Fragen von einem Moment auf den anderen nichtig. Verweilt wäre ich gerne in Schweigen mit ihm! Trotzdem fragte ich ihn, was genau im Jetzt passiert: „Das vom Verstand kreierte Selbst verschwindet in diesem Zustand. Die Vergangenheit ist zwar noch da, man erinnert sich daran, aber man identifiziert sich nicht mehr mit ihr. Die Identität, die dann auftaucht, stammt von einem viel tieferen Ort, einem Gefühl des Seins, einem Gefühl der Lebendigkeit, einem Gefühl des vollkommenen Friedens, das hier im Jetzt ist. Das ist untrennbar von dem, was wir sind. Du bist DAS. Man könnte auch sagen: Du bist das Jetzt, das Bewusstseinsfeld, in dem alles passiert. Aber wir sind nicht das, was passiert. Das kommt und geht. Wir sind nicht die Gedanken und Emotionen, die kommen und gehen, sondern die Ruhe, der Raum, in dem es passiert. Und in dem Moment, in dem man sich erlaubt, das Jetzt zu sein, wie es ist, ist diese Weite, dieses unendliche Bewusstsein plötzlich da. Denn alles, was passiert, passiert in dieser Weite.“

Tiefe Stille
Dieser vollkommene Friede, den Tolle in seinen Interviews, Büchern und auf seinen Vorträgen überträgt, macht ihn so anziehend, dass er auf der ganzen Welt eingeladen wird. Allein in München waren es bei seinem letzten Besuch vor zwei Jahren über Tausend Menschen, die kamen und die lauschten und die ihn am Ende des Vortrags mit Ovationen verabschiedeten. Und auch seine Vorträge für den Herbst 2007 waren innerhalb kurzer Zeit ausverkauft, so dass die Veranstalter nun Videoinstallationen im Vorraum des Vortragsraumes aufbauen, um noch mehr Interessierten die Möglichkeit zu bieten, dabei zu sein, wenn Meister Eckhart über das Jetzt redet, über das es eigentlich nichts zu sagen gibt. Denn die Beziehung zwischen Tolle und seinem Publikum basiert auf der Stille, die im Kontakt mit ihm automatisch entsteht. So beginnt sein Vortrag mit bedeutungsvollem Schweigen. Nachdem er auf seinem Stuhl Platz genommen hat, sitzt er mit geschlossenen Augen für einige Minuten regungslos da. Dann spricht er in das an den Mund gerückte Mikrofon, langsam und leise: „Es ist fast schade, die Stille zu unterbrechen mit Worten.“ Auch wenn im Anschluss an diese Einleitung in den Vorträgen von Tolle zahllose Worte über seine schmalen Lippen kommen, ist der Friede hinter und zwischen den Worten spürbar und verbindet die Menschen in diesem Saal auf fast magische Weise miteinander.

Obwohl Tolle bei seinen Vorträgen spürt, wie sehr die Menschen ihm und seiner Botschaft zu Füßen liegen, so lehnt er einen Großteil der Einladungen ab, die auf ihn zukommen. „Es sind höchstens fünf Prozent, die ich annehme. Und auch das wird sich jetzt noch reduzieren. Ich habe diese Reisen und Veranstaltungen bisher gemacht, weil ich nicht anders konnte. Sie kamen an mich heran. Ich habe sie nie gesucht. Zum Glück hat das Buch mittlerweile eine eigene Energie. Es hat jetzt ein eigenes Leben. Ich sehe es sogar wie einen eigenen Energieraum. Ich habe auch gar nicht mehr das Gefühl, dass es mein Buch ist. Es ist jetzt erwachsen und arbeitet im kollektiven Bewusstsein der Menschen aktiv mit. Dann gibt es auch noch die Videos und Retreats und das alles arbeitet weiter. Schließlich ist es jetzt in fast allen Ländern der Welt zu kaufen.“

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.

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