Die Selbstregulation spielt besonders im traumabasierten Yoga eine immer größer werdende Rolle. Der Vagusnerv ist hierbei maßgeblich beteiligt. Ihn zu kennen und zu nutzen, kann das eigene Leben maßgeblich erleichtern.
Der Vagusnerv gilt als einer der bedeutendsten Nerven des menschlichen Körpers und zugleich als einer der faszinierendsten. In Medizin, Psychologie und zunehmend auch im Yoga wird er als zentraler Faktor für Entspannung, Regeneration und emotionale Stabilität beschrieben.
Der Vagusnerv, lateinisch Nervus vagus, ist der zehnte von insgesamt zwölf Hirnnerven. Er gehört zum Parasympathikus, ist der längste Nerv des parasympathischen Nervensystems und ist somit maßgeblich an der Entspannung beteiligt. Sein Name leitet sich vom lateinischen vagari („umherschweifen“) ab, und er wird gerne als „Wanderer“ bezeichnet. Sein Name verweist somit auf seinen ausgedehnten Verlauf durch den Körper.
Er entspringt im Hirnstamm, genauer in der Medulla oblongata, und tritt durch das Foramen jugulare aus dem Schädel aus. Von dort verläuft er beidseitig entlang des Halses, nahe der Halsschlagader, weiter durch den Brustraum bis in den Bauchraum. Auf seinem Weg verzweigt er sich zunehmend und versorgt eine Vielzahl lebenswichtiger Organe, darunter Kehlkopf und Rachen, Herz und Lunge, Magen, Leber, Bauchspeicheldrüse sowie große Teile des Darms bis zur linken Dickdarmbiegung.
Der Vagusnerv und das Ohr
Was mir persönlich besonders gefällt, ist seine Verbindung mit dem Ohr. Über einen kleinen sensiblen Seitenast ist er an der Innervation des äußeren Gehörgangs und eines Teils des Trommelfells beteiligt. Dies stellt die einzige direkte, oberflächliche Verbindung des Vagusnervs zur Körperoberfläche dar.
Die Reizung dieses Bereichs kann vagale Reflexe auslösen, bei dem Berührung des Gehörgangs Hustenreiz verursacht. Durch die Stimulation bestimmter Bereiche der Ohrmuschel kann der Vagusnerv stimuliert werden, was zu einer beruhigenden Wirkung des autonomen Nervensystems führen kann.
Diese kleinen, aber sehr wirksamen Übungen kann man überall machen, wenn man gestresst ist oder die Angst einen überfluten möchte.
So geht’s:
Außenseite der Ohren streichen
Streich mit den Zeigefingern sanft an der Rückseite der Ohrmuschel herauf und herunter. Du kannst bewusst die Rückseite des Ohrs entlangfahren. Dadurch stimulierst du den Vagusnerv. Üb so ruhig ein bis zwei Minuten. Halt zwischendurch gerne inne und nimm wahr, ob du eine Veränderung spüren kannst.
Knorpel oberhalb des Ohrläppchens massieren
Oberhalb des Ohrläppchens gibt es einen feinen Knorpel. Berühr ihn mit der Daumenseite an der Außenseite des Ohrs und dem Zeigefinger im Ohr. Und dann streich mit dem Daumen vor und zurück. Auch hier führst du diese Bewegung ein bis zwei Minuten aus.
Punkt vor dem Hörgang stimulieren
Innerhalb der Ohrmuschel gibt es vor dem Eingang in den Gehörgang einen Punkt, durch den du den Vagusnerv stimulieren kannst. Drück diese Punkt sanft und stimulier ihn in kreisförmiger Bewegung zu beiden Seiten. Üb den Druck nicht zu stark aus. Spür auch hier kurz nach, ob du eine Veränderung wahrnehmen kannst.
Teil des autonomen Nervensystems
Der Vagusnerv gehört zum parasympathischen Anteil des vegetativen Nervensystems, das alle unwillkürlichen Körperfunktionen steuert. Dazu zählen der Herzschlag, die Atmung, die Verdauung oder die Immunreaktionen. Während der sympathische Anteil für Aktivierung, Wachheit und Stressreaktionen zuständig ist, wozu auch die Kampf- oder Fluchtreaktion gehört, fördert der Parasympathikus Zustände von Ruhe, Erholung und Regeneration. Diese beiden verhalten sich wie eine Wippe zueinander. Im Normalfall kann immer nur einer der beiden „oben“ bzw. aktiv sein.
Beim Parasympathikus spielt der Vagusnerv eine zentrale Rolle. Wenn er stimuliert wird, senkt er die Herzfrequenz, vertieft die Atmung, fördert Verdauungsprozesse und unterstützt die Erholung des Organismus nach Belastung.
Die Zunge stimulieren
Stimuliert wird der Vagusnerv auch durch die Zunge. Zum Beispiel dadurch, wenn ein Baby am Schnuller nuckelt. Als Erwachsene können wir ihn aber auch aktivieren, indem wir die Zungenspitze eine Weile gegen den Gaumen drücken. Diese Übung können wir überall machen. Besonders dann, wenn wir uns in öffentlichen Räumen bewegen und uns hier gestresst oder ängstlich fühlen.
Zärtliche Küsse können den Vagusnerv ebenfalls stimulieren und haben also nicht immer nur eine erregende, sondern manchmal auch eine durchaus beruhigende Wirkung.
Aufgaben und Wirkungsweise
Was diesen Nerv in meinen Augen auch so besonders macht, ist die Tatsache, dass rund 80 Prozent der Fasern des Vagusnervs afferent sind. Das bedeutet, dass sie Informationen vom Körper zum Gehirn leiten. Der Vagusnerv fungiert somit weniger als „Befehlsgeber“, sondern vielmehr als Kommunikationskanal, über den das Gehirn fortlaufend über den Zustand der inneren Organe informiert wird.
Zu seinen wichtigsten Funktionen zählen:
- Regulation von Herzfrequenz und Blutdruck
- Steuerung der Atmung
- Aktivierung der Verdauung
- Modulation von Entzündungsprozessen
- Einfluss auf Stressverarbeitung und emotionale Regulation
Ein gut funktionierender Vagusnerv wird auch mit einer gut funktionierenden Resilienz gegen Stress und Frustration, mit emotionaler Stabilität und schnellerer Regeneration in Verbindung gebracht. Deshalb spielt er bei der Stressreduktion und in der Achtsamkeitspraxis eine so wichtige Rolle.
Verbindung von Körper, Nervensystem und Bewusstsein
Kein Wunder, dass der Vagusnerv auch in Körpertherapien wie dem Traumasensiblen Yoga immer mehr an Bedeutung gewinnt.
Auch wenn der Vagusnerv im klassischen Yoga nicht namentlich erwähnt wird, entsprechen viele yogische Praktiken genau jenen Mechanismen, die seine Aktivität fördern: ruhige, bewusste Atmung, sanfte Bewegungen, Entspannung und Meditation. Aus dieser Perspektive lässt sich Yoga als eine Praxis verstehen, die das Nervensystem gezielt in Richtung Balance und Regeneration lenkt.
OM und Vagusnerv
Mir persönlich ist in diesem Zusammenhang ein Licht aufgegangen, als ich 30 Minuten lang das OM mit 432 Hz getönt habe. Da der Vagusnerv auch durch den Hals läuft, wird er bei einer so langen Chantingpraxis ebenfalls stimuliert, und durch das heilige OM wird seine Wirkung durch eine weitere, spirituelle Dimension vertieft.
Eine Teilnehmerin meines Kurses, die schwer an Krebs erkrankt war und in ihrer Verzweiflung auf der Suche nach einer göttlichen Erfahrung war, erfuhr bei dieser Praxis einen tiefen inneren Frieden. Ich glaube, dass es hier ein Zusammenspiel vieler Faktoren war, der diesen Frieden auslöste. Die Stimulation des Vagusnervs war aber bestimmt auch ein Aspekt.
So geht’s:
Lass im Sitzen den Kopf langsam zur rechten Schulter sinken, halt die Position für einige Atemzüge und wechsle die Seite. Anschließend sanfte Kreisbewegungen des Kopfes. Der Bereich des Halses ist ein zentraler Durchtrittsort des Vagusnervs und reagiert sensibel auf Entspannung. Töne anschließend 30 Minuten das OM und achte dabei besonders auf einen langen, tiefen Ausatem.
Der Vagusnerv als zentrale Schnittstelle
Somit wird deutlich, dass der Vagusnerv eine wesentliche Schnittstelle zwischen körperlichen Zuständen und emotionalem und sogar spirituellem Erleben ist. Signale aus Herz, Atmung und Bauchraum beeinflussen über ihn maßgeblich unsere Stimmung, unser Sicherheitsgefühl, unsere Stressverarbeitung und unseren inneren Frieden. Damit bestätigt die moderne Neurowissenschaft, was in Yoga und Achtsamkeitstraditionen seit Langem bekannt ist: Innere Ruhe entsteht nicht allein im Geist, sondern durch das Zusammenspiel von Körper, Atem und Aufmerksamkeit.
Der Vagusnerv ist ein zentrales Bindeglied zwischen Körper, Nervensystem und emotionalem Erleben. Sein weitreichender Verlauf und seine vielfältigen Funktionen machen ihn zu einem Schlüsselakteur für Gesundheit, Resilienz und innere Balance. Für Yogaübende eröffnet das Wissen um den Vagusnerv eine faszinierende Brücke zwischen moderner Wissenschaft und jahrtausendealter Yoga- und Achtsamkeitspraxis und lädt dazu ein, Entspannung als eine kultivierbare Fähigkeit zu begreifen.
Zum Weiterlesen:
Ellen Fischer: Das Vagus-Training: Selbstheilung aktivieren – Übungen für den Vagusnerv, GU Ratgeber Gesundheit / GU Verlag