Historischer Einfluss des Tantra
Tantra ist vielleicht die Hauptströmung in der indischen Spiritualität der letzten tausend Jahre oder mehr und es hilft uns, deren gesamte Bewegung zu verstehen. Der moderne Hinduismus ist meistenteils tantrisch und sogar ein großer Teil des Buddhismus und Jinismus sind tantrisch. Wenn man genauer hinsieht, enthält auch der Sikh Dharma ein deutlich tantrisches Element. Der tibetische Buddhismus ist fast durchweg eine tantrische Form, die von indischen Tantrikern aus Bengalen und Bihar übernommen wurde. Ein solcher Buddhismus der Mantras, Mandalas, Gottheiten sowie des Yoga und der Meditation ist den tantrischen und vedischen Disziplinen des Hinduismus viel näher als dem alten Buddhismus Shri Lankas oder Thailands.

Traditionelles Tantra hat eine starke asketische und monastische Form, obgleich es auch seine Haushälter-Tradition hat. Spezielle tantrische Göttinnen-Verehrung verschiedener Art wird in den Haupt-Shankaracharya-Maths Indiens fortgeführt, wobei mächtige Mantras, Yantras und Rituale zum Einsatz kommen.

Shankara selbst war nicht nur der berühmteste Advaita-Lehrer, sondern auch einer der wichtigsten Tantra-Lehrer. Sein großes Gedicht an die Göttin, Saundarya Lahiri, ist und bleibt vielleicht der bedeutsamste tantrische Text zur Shri Chakra-Verehrung.

Die Verehrung in den agamischen Tempeln Südindiens ist in diesem weiteren Sinne auch tantrisch. Der Shaivismus ist größtenteils tantrisch. Noch dazu gibt es tantrische Elemente im Vaishnavismus und anderen Traditionen.

Tantra-Lehren haben für die meisten der herausragenden Gurus des modernen Indiens seit Ramakrishna und Vivekananda eine wichtige Rolle gespielt, darunter Shri Aurobindo, Shivananda, Anandamayi Ma und viele andere. Ganapati Muni, der bedeutendste Schüler von Ramana Maharshi, war ein anderer großer Tantra-Yogi. Und trotzdem ist diese Tradition sogar noch älter. Durch die vergangenen tausend Jahre hindurch oder mehr waren die maßgeblichen Yogalehrer angefangen mit Goraknath und Matsyendranath vor allem Nath-Yogis, bei denen es sich um shaivistische Tantristen handelte. Solche Nath Yogis waren die Begründer der Hatha Yoga-Tradition und vieler wichtiger Zweige des Tantra. Nath Yogis wurden von Shankara, Jnanadeva, Abhinavagupta und vielen anderen großen Hindu-Lehr­ern des Mittelalters gerühmt. Selbst die Lehren des modernen Yoga-Gurus Krishnamacharya werden einer von einem Natha Muni etablierten Tradition zugeschrieben. Das bedeutet, dass es schwierig ist, Hatha Yoga zu verstehen ohne ein Verständnis des wahren Tantra entwickelt zu haben.

Der beste Weg ursprüngliches Tantra zu verstehen, ist es als erweiterte Form des Raja Yoga zu begreifen. Wie die Yoga Sutras und sogar in größerer Ausführlichkeit lehrt Tantra nämlich Asanas, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana und Samadhi, für die es viel mehr spezifische Formen und Techniken vorsieht. Es liefert Einzelheiten zu Mantras und Methoden, auf die in den Sutras nur wage angespielt wird.

Man kann Tantra auch erklären als yogische Annäherung an Wissenschaft und Kunst. In dieser Hinsicht besteht eine Überschneidung zwischen vedischen und tantrischen Wissenschaften in  Disziplinen wie Ayurveda, Jyotish und Vastu. Tantra ist die Basis des Rasa Shastra, der alchemistischen Seite von Ayurveda, und einem nicht geringen Teil der psychologischen Ayurveda-Behandlungen. Tantra wendet die Regeln des Jyotish an, um günstige Zeitpunkte für das Ritual, für Pujas und so weiter zu bestimmen. Tantrische Architektur und tantrischer Tempelbau leiten sich aus dem Vastu her. Tatsächlich findet man – entgegen der Meinung zeitgenössischer Akademiker, denen es nicht gelingt diese offensichtliche Verbindung zu sehen – gerade im Tantra die detailgetreuste Anwendung der vedischen Lehren von Ritual, Mantra, Yajna, Puja und Meditation.

Ob es uns also gefällt oder nicht, Tantra ist und bleibt eine dominierende Kraft nicht nur in der indischen Spiritualität, sondern derjenigen der ganzen Welt. Während man die Rolle der populären und dem New Age entsprungenen Erscheinungsformen des Tantra als Einstieg in die tantrischen Lehren anerkennen kann, ist es erforderlich, den weiter greifenden und tieferen Inhalt des eigentlichen Tantra zu erkennen, der über sie hinausreicht und sich recht deutlich davon unterscheiden kann. Tantra ist die praktische und energetische Anwendung all der yogischen Weisheiten von Leben, Zeit, Weltraum und Energie. Wenn man sich Tantra mit der richtigen Absicht nähert, kann es helfen, das höchste Ziel, die Realisierung des gesamten Universums innerhalb des eigenen Bewusstseins, zu erreichen.

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