In dieser YOGA AKTUELL-Ausgabe erschienen:

Svasthavrtta: die präventive ayurvedische Gesundheitslehre für das tägliche Leben
Der Bedarf an gesundheits- und leistungsfördernden Konzepten ist groß. Ob als betriebsinterne Präventionsmaßnahme oder als Einzelintervention: Alle reden davon, dass es wichtig ist, sich gesund zu ernähren, sich mehr zu bewegen und gesundheitsschädliche Risikofaktoren – wie Zigaretten und Alkohol – zu vermeiden. Damit sollen sich nicht nur die Lebensqualität und Fitness des Einzelnen steigern lassen, sondern auch die hohen Kosten im Gesundheitswesen sinken.

Als ganzheitliche Lebens- und Heilkunst hat Ayurveda auch für den modernen Präventionsbedarf viel zu bieten, denn über 80 % der ayurvedischen Empfehlungen dienen der Gesunderhaltung des Gesunden. Dieses umfassende Wissen wird unter dem Begriff „svasthavrtta“ zusammengefasst. In Svasthavrtta, der ayurvedischen Gesundheitslehre, offenbart sich die gesamte Philosophie des Ayurveda. Alle wirkungsvollen Methoden und Empfehlungen, welche die Lebensenergie, Vitalität und Abwehrkraft steigern, werden im direkten Bezug zur körperlichen und mentalen Konstitution angewendet. Dabei gehen Gesundheit, Selbsterfüllung und eine geistig-spirituelle Entwicklung Hand in Hand. Das innere Wachstum und die Herzensbildung werden im Svasthavrtta aber weniger durch meditative Übungen und spirituelle Techniken gefördert, sondern sie manifestieren sich vor allem in der Grundhaltung zum eigenen Leben und den Gewohnheiten und Verhaltensstrukturen im Alltag.

Auf diese Weise können mit Hilfe des Ayurveda nicht nur schwere Krankheiten im Heilungsprozess unterstützt werden, sondern im Idealfall werden Krankheiten von vornherein vermieden, und die Gesundheit bleibt bestehen. Und dies zählt, wie schon angedeutet, zu den größten Anliegen der ayurvedischen Lebenskunde und Ernährungslehre.

»JIVEM SHARADAH SHATAM SHRINUYAM SHARADAH SHATAM PRABHAVAM SHARADAH SHATAM ADINAH SYAM SHARADAH SHATAM BHUYASH CHA SHARADAH SHATAT.«

»Lasst uns Hunderte von Herbsten leben, lasst uns Hunderte von Herbsten (Jahren) leben, lasst uns Hunderte von Herbsten sprechen, diese hundert Herbste sollen wohlhabend und angenehm sein, diese Herbste sollen sogar mehr als hundert sein.« (Yajur-Veda)

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Svasthavrtta in der Praxis
Laut den klassischen Texte des Ayurveda sind das Überleben, die Befreiung von Unbehagen sowie das Streben nach Wohlergehen instinktive Wünsche von Lebewesen. Alle Menschen sind davon erfüllt und richten ihr ganzes Streben nach Unsterblichkeit und maximaler Behaglichkeit aus. Die alte Geschichte von Wissenschaft und Medizin ist nichts als die Geschichte dieser Bemühungen: Die ayurvedischen Rshis erkannten, dass Unsterblichkeit nicht möglich, ein langes Leben mit einem Maximum an Behaglichkeit jedoch für jeden Menschen erreichbar ist. Daher haben sie im Detail die Maßnahmen beschrieben, die ein langes Leben in voller Gesundheit und ohne Unannehmlichkeiten schenken.

Unter Svasthavrtta werden nun viele Empfehlungen für eine tägliche Routine aufgezählt, die detaillierte Verhaltensregeln für den Tag und die Nacht, für die verschiedenen Jahreszeiten und das Nicht-Unterdrücken der natürlichen Körperdränge beinhalten. Denn unser Wohlbefinden hängt von den ständigen Bewegungen der Zyklen wie Tagesrhythmus, Jahreszeiten, hormoneller Zyklus, Mond- und Lebensphasen ab.

Eine harmonische Abstimmung des Lebensrhythmus mit der inneren Bio-Dosha-Uhr entsprechend der eigenen Konstitution ist besonders wichtig. Zu den verschiedenen Tages- und Nachtzeiten sind jeweils unterschiedliche Funktionsprinzipien (Dosh­as) aktiv und wirken sich in unterschiedlicher Qualität auf unser Wohlbefinden aus: So benötigt beispielsweise ein Vata-Typ einen kleinen Mittagsschlaf und anschließend eine aufbauende Zwischenmahlzeit, während ein Kapha-Typ dies tunlichst vermeiden sollte. Für einen Pitta-Typen sind ayurvedische Reinigungsmaßnahmen am Morgen besonders wichtig, um sich von den überschüssigen Stoffwechselprodukten und Säuren zu befreien.

Je besser ein Mensch sich selbst, seine Konstitution und seine Bedürfnisse kennt, umso subtiler kann er auf die verschiedenen Zyklen des Lebens einwirken und in Harmonie mit der Natur leben.

Die ayurvedischen Verhaltensregeln für den Tag (dinacharya) beginnen mit einem täglichen Morgenprogramm, welches den Körper reinigt und den Geist erfrischt. Das morgendliche Ritual beschreibt ein umfassendes Reinigungsprogramm, das weit über das bei uns übliche Duschen und Zähneputzen hinausgeht. Durch wirkungsvolle Maßnahmen wie Zungeschaben, Ölgurgeln, Körperölungen und Yoga werden alle Sinnesorgane geöffnet und sensibilisiert. Das Verdauungsfeuer wird angeregt, die Ausscheidungen werden gefördert, und der Geist wird geklärt und gestärkt. Somit ist die ayurvedische Morgenroutine ein direkt spürbares Fitnessprogramm, das einen dynamischen und gesunden Start in den Tag ermöglicht. Für Langschläfer ist die ayurvedische Morgenroutine jedoch weniger geeignet: In der indischen Tradition steht der Yogi zwei Stunden vor Sonnenaufgang auf, um mit seiner täglichen Reinigungszeremonie zu beginnen. Optimal für unsere Lebenskultur ist es, am Morgen gegen 6.00 Uhr aufzustehen, denn nun ist Vata-Dosha noch aktiv. Der Körper beginnt nun mit seiner natürlichen Ausscheidungsphase, ist noch leicht, beweglich und aktiv. Die frühen Morgenstunden eignen sich besonders gut für spirituelle Übungen, Meditation und das umfassende Programm der ayurvedischen Morgenroutine.

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