Ein Häuptling der Guarani über die Vision einer besseren Welt. Ein Beitrag von Reiner Ginolas.
15.6.2025, Rio de Janeiro
Wer Darci Tupa begegnet, hat sofort das Gefühl, dass er es mit seiner Vision vom „Land ohne Böses“ ernst meint. Das Oberhaupt einer indigenen Gemeinschaft der Guarani, deren Wesensmerkmal die Verbundenheit mit der Natur und allen Lebewesen ist, kümmert sich persönlich um die Anliegen seines Stammes und fungiert als Heiler, Lehrer und Erzieher. Hundertzwei Kinder leben in seiner Dorfgemeinschaft, Kinder, die nicht nur zu Medizinmännern, Lehrern oder Jägern ausgebildet werden, sondern die auch Fremdsprachen wie Englisch in ihren Schulen lernen. Über 200 weitere Mitglieder leben auf dem 93 Hektar großen Land, die älteste Frau der Dorfgemeinschaft ist 120 Jahre alt und lebt nach den Traditionen der Guarani etwas abseits im Wald.
Trotz ihrer hohen spirituellen Ausrichtung war das Schicksal dieser Menschen tragisch: Durch die Kolonialisierung und die Abholzung der Wälder wurden sie verfolgt, vertrieben und unterdrückt. Ihr Leidensweg wurde eindrucksvoll in dem Kinofilm „The Mission“ mit Robert de Niro beschrieben, ein Film, der zeigt, wie indigene Kulturen durch die Begegnung mit der sogenannten „Zivilisation“ zerstört wurden. Heute leben die Guarani in verschiedenen Stämmen in Südamerika, einige entwurzelt in den Straßen der Städte, andere in den Wäldern, die sie als ihre einzige und wahre Heimstätte betrachten. Nur dort können sie ihre spirituelle Lebensweise umsetzen, eine Lebensweise, die geprägt ist von einer tiefen Verbindung zur Natur, eine Lebensweise, in der Bäume, Flüsse, Seen und Sterne heilig sind. Hier, in den Wäldern von Brasilien können sie ihrer Vorstellung von einem „Land ohne Böses“ nachgehen: Ein Land, in dem sich alle gegenseitig achten und Respekt vor der Natur bekunden, ein Land in dem es weder Hunger noch Krieg gibt, ein Land, das bei ihnen „Yvy Maraey“ genannt wird.
Ich fliege nach Rio de Janeiro, um Näheres darüber zu erfahren. Mit dabei ist Claudia Herzfeld, eine Begleiterin, die mich zu ihnen führt, beim Filmen hilft und übersetzt. Etwa eine Stunde, nachdem wir die Stadt verlassen haben, biegen wir auf eine langgezogene Erdstraße, die bei den Tupa Guarani endet. Ihnen werde ich Fragen von Lehrern und Kindern der UNESCO Projektschule aus Gillenfeld stellen.
Darci Tupa, das Oberhaupt der Guarani, empfängt mich, sein Gesicht ist bemalt, seine Brust ziert eine Kette, die sich beim genaueren Hinsehen als ein Schlangenskelett entpuppt, sein Federschmuck weist ihn als Häuptling aus. Der Ort ist idyllisch, wir befinden uns an einem Fluss, der an den Wald grenzt, dahinter ein Berg, dessen Kuppe im Nebel verschwindet.
Ich frage ihn, zu welcher Erkenntnis er gekommen ist, wenn er in diese Welt schaut, und Darci Tupa, von seinen Stammmitgliedern nur Tupa genannt, antwortet: „Ich sehe zwei verschiedene Welten“, sagt er, „die eine wunderbare Welt, die ich meine, ist eine Welt, in der wir alle verbunden sind, gemeinsam essen, gemeinsam singen und gemeinsam glücklich sind. Und bei der anderen Welt denke ich an die Aussage eines älteren, weisen Guarani, der einmal gesagt hat: ,Wann immer du den Lärm hörst, der eigentlich nicht zu unserer Natur gehört, zu unserem Planeten, ist es der Lärm, der dich gestresst zurücklässt. Und wann immer du diesen Lärm hörst, musst du tiefer in den Wald hineingehen, um dich mit dem Geist, der dort herrscht, zu verbinden: mit dem Geist des Waldes, dem Geist der Flusses, dem Geist der Luft. Es ist ein Weg, der dich befreit und reinigt von den Ureinheiten der anderen Welt, einer Welt, die auf das Geld verdienen ausgerichtet ist, eine Welt die krank macht, die zerstört.’ Die andere Welt – ich weiß nicht, wie du dich mit ihr verbinden willst“, sagt Tupa. „Diese Welt hat zu viel Informationen. Und ihre „Nicht-Verbundenheit“ mit der Natur vernichtet uns. Die andere Welt befindet sich in einem Krieg, in dem Länder, oft auch aus Habgier, gegen ihre Nachbarn kämpfen.“
Es ist völlig ruhig, die Stille wird nur unterbrochen durch den Flügelschlag von Vögeln und dem Krächzen eines Papageis. Ein Capybara, ein Wasserschwein, schwimmt lautlos durch den Fluss, der leichte Wellengang verrät ihn.
Ob man im Wald überleben kann, frage ich ihn und erwähne, dass es sich um die Frage eines Kindes handelt. „Ja, man kann“, sagt Tupa und nickt. „Der Wald ist unsere Heimat, er ernährt uns, lässt uns atmen, gibt uns Früchte und das klarste Wasser. Der Wald hält uns gesund.“
Ich möchte mehr über ihre Philosophie erfahren und erkundige mich über das „Land ohne Böses“, eine Vision, die seit Generationen in der Vorstellung der Guarani existiert.
„Warum nennt man es ,Land ohne Böses’?“, fragt Tupa. „In der Vision unserer Ältesten ist dieses Land ein Ort, an dem man gut leben kann. ,Das gute Leben’ – es ist schwierig, diesen Ort in Worten zu beschreiben, die ihm gegenüber angemessen wären, ein Ort ohne Streit, ohne Ärger, an dem sich jeder um den anderen kümmert, unabhängig davon, ob man alt oder jung ist, ein Ort, an dem man in Verbindung mit dem Wasser, mit dem Wald und mit allem lebt, was einen umgibt.“
Ob er eine Botschaft an die Menschen richten möchte, frage ich.
Der Wind fährt durch die Federn, die Tupa zurechtrückt. Er lässt Pausen während der Gespräche, zieht an seiner Pfeife und wählt bedachtsam jedes Wort.
„Es ist sehr wichtig, dass wir unsere Gedanken stärken, denn nur wenn wir klare, gute und gesunde Gedanken haben, werden wir ein besseres Leben führen. Und denkt an Eure Kinder: Sät die Saat der Liebe in ihr Herz. Wir sind in eine Welt der Habsucht hineingeboren worden, in eine Welt der Kriege. Wir haben geweint, wir mussten stark sein. Ich möchte, dass Freude, Liebe und Frieden in ihr Herz gelangen. Mit der Saat der Liebe ändern wir etwas, wir bringen Freude und diese Freude wird auf andere übergehen. Darum lasst uns die Saat der Liebe aussäen, nur so schaffen wir eine bessere Welt.“