Gefühle von Entsetzen und Isolation stehen im Zentrum eines jeden Traumas und verändern Gehirn und Körper. Warum Betroffene oft noch lange nach einer traumatischen Erfahrung ständig Gefahr wahrnehmen, erklärt ein Einblick in die Funktionsweise des Gehirns – ein Ansatzpunkt für „Traumasensibles Yoga“

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Die Traumaforschung erschließt derzeit ein vollkommen neues Verständnis der Ursachen und Folgen von Traumata. Eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung von traumatischen Erfahrungen spielt dabei unser Gehirn, weil es dafür da ist, unser Überleben zu sichern, egal wie schwierig die äußeren Bedingungen sind. Alles andere ist zweitrangig. Zu wissen, wie schnell unser Gehirn auf äußere Sinneseindrücke reagiert, ist hilfreich für das Verständnis von Traumata und für eine Heilung von traumatischen Erfahrungen, die durch „Traumasensibles Yoga“ (TSY) unterstützt werden kann.

Folgende Gehirnstrukturen spielen für das menschliche Überleben und für die Verarbeitung einer traumatischen Erfahrung eine zentrale Rolle:

Das Reptiliengehirn (befindet sich im Hirnstamm) wird schon vor der Geburt funktionsfähig, da es grundlegende lebenserhaltende Funktionen organisiert: essen, schlafen, wachen, weinen, atmen, Hunger und Schmerz empfinden, den Körper durch Urinieren und Defäkieren von Giftstoffen befreien. Hirnstamm und Hypothalamus (der unmittelbar über dem Hirnstamm liegt) regulieren das Energieniveau des Körpers und sorgen für eine innere Stabilität der wichtigen lebenserhaltenden Systeme. Das Reptiliengehirn reagiert das ganze Leben hindurch sehr stark auf Gefahren.

Das Limbische System entwickelt sich größtenteils erst nach der Geburt und organisiert sich in den ersten sechs Lebensjahren grundlegend, danach nutzungsabhängig weiter. Es ist Geburtsstätte und Sitz der Emotionen und beurteilt, was angenehm und was beängstigend ist. Es entscheidet, was im Interesse des Überlebens wichtig oder unwichtig ist, und darüber, wie wir uns in unseren sozialen Netzwerken verhalten. Im Hippocampus des Limbischen Systems werden subjektiv alle aktuellen Erfahrungen mit abgespeicherten Erinn­erungen abgeglichen, und es wird extrem schnell geprüft, ob die früheren Erfahrungen angenehm, unangenehm oder von Vorteil waren und wie wir aufgrund dieser Überprüfung reagieren sollen.

Ein Trauma kann seine Funktionsfähigkeit während des ganzen Lebens stark beeinflussen.

Der Präfrontalkortex entwickelt sich zuletzt. Hier findet die Empfindung von Zeit und Kontext statt, aber auch die Hemmung unangebrachter Handlungen und das empathische Verstehen. Der Präfrontalkortex ist für unser Denken, Planen, Wollen, sprich unsere rationalen Handlungen zuständig. Auch er wird von traumatischen Erlebnissen beeinflusst. Das kann dazu führen, dass er nicht mehr in der Lage ist, unwichtige Informationen auszufiltern und im Falle einer Gefahr funktionsunfähig zu werden.

Zusammen bilden Reptiliengehirn und Limbisches System das emotionale Gehirn. Es stellt das Zentrum des Zentralen Nervensystems dar und sorgt für unser Wohl. Besteht eine Gefahr oder eine besondere Chance, zum Beispiel auf einen vielversprechenden potenziellen Partner, schüttet es bestimmte Hormone aus, um uns darauf aufmerksam zu machen. Die daraus resultierenden körperlichen Empfindungen führen dazu, dass wir uns möglicherweise nicht mehr auf das konzentrieren können, was wir gerade tun, und möglicherweise anders handeln als ursprünglich geplant. So subtil diese Emotionen auch sein mögen, sie beeinflussen die großen und kleinen Entscheidungen in unserem Leben: was wir essen, mit wem wir schlafen, welche Musik wir hören, welche Yogarichtung wir einschlagen etc.

Sensorische Informationen über Vorgänge im Außen gelangen über unsere Sinne in den Körper und laufen im Thalamus zusammen, einem Teil des Limbischen Systems, der alle Eindrücke zu einer subjektiven Sicht auf das Leben formiert – einem der grundlegenden Kleshas, die im Yogasutra als größtes Hindernis auf dem Weg zum inneren Frieden dargestellt werden. Die damit einhergehenden Empfindungen gehen dann in zwei Richtungen: einerseits zur Amygdala, dem Mandelkern, der im limbischen Gehirn liegt, und andererseits hinauf in den Frontalkortex. Ein überwältigendes bedrohliches Erlebnis gelangt einige Millisekunden schneller in die Amygdala als in den Frontalkortex. Wittert die Amygdala Gefahr, sendet sie ein Signal an den Hypothalamus und den Hirnstamm, um Stresshormone auszuschütten, um uns auf eine Kampf- oder Flucht-Reaktion vorzubereiten. Ist die Gefahr vorbei, kehrt der Körper wieder in seinen normalen Zustand zurück. Ist die Erholungsfähigkeit jedoch durch eine traumatische Erfahrung gestört, verbleibt der Körper in einer für die Selbstverteidigung erforderlichen Verfassung, mit dem Gefühl ständiger Erregung.

Wurde ein Traumata nicht geheilt, wird selbst eine harmlose Situation als gefährlich eingestuft, und dies kann zu schmerzhaften Missverständnissen in privaten oder beruflichen Beziehungen führen. Wutausbrüche, Beziehungsabbruch oder Panikattacken, aber auch Systemabschaltungen können die Folge sein.

Eine radikale Störung der Balance – und zwei Wege, ihr zu begegnen

Durch ein Trauma verändert sich die Balance zwischen emotionalem und rationalem Gehirn so radikal, dass es schwer ist, die eigenen Emotionen und Impulse unter Kontrolle zu halten. Allerdings ist ein effektiver Umgang mit Stress nur dann möglich, wenn die beiden in einer Balance sind. Dies ist auf zweierlei Weise möglich: Wir können lernen, sie von oben (top-down) oder von unten (bottom-up) zu regulieren. Die Top-down-Regulation stärkt die Fähigkeit, Körperempfindungen zu beobachten und zu lernen, sich um die alltäglichen körperlichen Bedürfnisse zu kümmern, indem man sich um genügend Schlaf, gutes Essen, gute Beziehungen, etc. kümmert (jene Erfahrungen, die besonders Menschen, die in frühen Jahren traumatisiert wurden, meist nicht gemacht haben). Besonders wirksam sind hier die Achtsamkeitsmeditation und Yoga. Sie erschließen den Zugang zum Limbischen System. Bei der Bottom-up-Regulation wir das autonome Nervensystem modifiziert. Wir können hiermit mit Hilfe von Atmung, Bewegung und Berührung in Kontakt treten. Die Atmung ist eine der wenigen Körperfunktionen, die sowohl bewusst gesteuert werden als auch autonom funktionieren kann.

Die Beziehung zwischen rationalem und emotionalem Gehirn lässt sich mit einem mehr oder weniger kompetenten Reiter und seinem widerspenstigem Pferd vergleichen. Ist das Wetter gut und verläuft der Weg eben, hat der Reiter das Gefühl, die Situation sehr gut unter Kontrolle zu haben. Doch bei plötzlichen unerwarteten Geräuschen oder Gefahren geht sein Pferd durch. Ähnlich reagieren traumatisiere Menschen, was das Leben für sie selbst und auch für ihr Umfeld extrem anstrengend werden lässt. Auch wenn viele Psychologen versuchen, ihre traumatisierten Patienten in langen Therapiestunden durch Gespräche zu heilen, so ist dies nur bedingt möglich. Unser Verstand kann noch so einsichtig ein – wenn die Alarmglocke des emotionalen Gehirns immer wieder Gefahr signalisiert, bringt keine noch so tiefe Einsicht sie zum Verstummen.

Traumasensibles Yoga (TSY) kann bei der Heilung von Traumata flankierend sehr wirksam sein. Es hilft dabei, dass wir mit Hilfe des „Inneren Beobachters“ Zugang zum emotionalen Gehirn erlangen können, indem wir den medialen Präfrontalkortex aktivieren, jenen Teil des Gehirns, der registriert, was in uns vor sich geht, und uns so ermöglicht, zu fühlen, was wir fühlen. Der größte Teil unseres bewussten Gehirns richtet den Blick normalerweise auf das Außen und darauf, wie wir mit anderen Menschen möglichst gut zurechtzukommen. Wir können aber das, was wir fühlen, nur verändern, indem wir uns unseres inneren Erlebens bewusst werden und lernen, uns mit dem, was in uns vor sich geht, vertraut zu machen. Dies wird möglich, wenn man sich mit viel Selbstmitgefühl, Geduld und Achtsamkeit auf einen umfassenden Prozess einlässt und regelmäßig praktiziert. Es unterstützt dabei, körperliche Übergriffe und/oder psychischen Missbrauch, die selbst vielleicht Jahrzehnte zurückliegen und trotzdem noch wie offene Wunden wirken, zu heilen und zu lernen, mit den Narben zu leben und den mitfühlenden „Inneren Beobachter“ so präsent zu installieren, dass nicht mehr hinter jedem Schatten ein Dämon vermutet wird, der böse Absichten hegt.

Zum Weiterlesen:

Bessel van der Kolk: Verkörperter Schrecken. Traumaspuren im Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann, G. Probst Verlag 2015Anzeige

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.