Genießen als bewusstes Sein – »Schmauen« statt Schlingen: von der wunderbaren Erfahrung mit einem völlig neuen Essgenuss, der schlanker, gesünder und zufriedener macht

Wahrnehmen & Genießen
Eines Tages sagte ein Mann aus dem Volk zu Meister Ikkyu: »Meister, wollt Ihr mir bitte einige Grundregeln der höchsten Weisheit aufschreiben?« Ikkyu griff sofort zum Pinsel und schrieb: »Aufmerksamkeit«. »Ist das alles?« fragte der Mann. »Wollt Ihr nicht noch etwas hinzufügen?« Ikkyu schrieb daraufhin zweimal hintereinander: »Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit.« »Nun«, meinte der Mann ziemlich gereizt, »ich sehe wirklich nicht viel Tiefes oder Geistreiches in dem, was Ihr gerade geschrieben habt.«  Daraufhin schrieb Ikkyu das gleiche Wort dreimal hintereinander: »Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit.« Halb verärgert begehrte der Mann zu wissen:  »Was bedeutet dieses Wort Aufmerksamkeit überhaupt?« Und Ikkyu antwortete sanft: »Aufmerksamkeit bedeutet Aufmerksamkeit.«

„Du stehst nicht eher vom Tisch auf, bis du deinen Teller leer gegessen hast!“ Darin war meine Mutter unerbittlich. Um den fruchtlosen Streitereien und der gedrückten Stimmung bei den täglichen Mahlzeiten zu entkommen, sah ich keinen anderen Ausweg, als die Berge von Kartoffeln, Gemüse, Fleisch und Salat in Windeseile herunter zu schlingen. Wer in späteren Jahren über meine getriebenen Essensgewohnheiten in Erstaunen geriet, dem erklärte ich, dass es eben ein Ausdruck meiner satyrhaften Natur und meiner ungebremsten Lebensfreude sei, so ungestüm zu essen. Tatsächlich redete ich mir ein, ich sei ein meditativ schwelgender Genießer. Dagegen verachtete ich die eitle Zurschaustellung des Feinschmeckertums von VIPs und prominenten Hobbyköchen im Fernsehen und in den bunten Illustrierten. In Wirklichkeit ärgerte ich mich nur, dass wir alle so taten, als wäre Genuss und Befriedigung in ihrer exhibitionistischen Darbietung zu finden.

Der Kernpunkt des Problems war jedoch: Ich selbst war beim Essen und Schmecken nicht bei mir, sondern außerhalb von mir. Das veräußerlichte Bewusstsein, das die meiste Zeit an der Oberfläche der Dinge lebt, ist wie der Bettler, der nicht weiß, dass in seinen Lumpen ein kostbarer Diamant eingenäht ist. Ebenso vergessen wir, dass der Mundraum die direkteste Pforte zur Vereinigung mit der Welt ist. Als Nahrung verleiben wir uns die materielle Welt auf die intimste Weise ein. So kann es in der Totalität des Schmeckens prinzipiell jederzeit zu einem Verschmelzungsprozess – zum Samadhi des Kauens – kommen.

Die meditative Praxis des Yoga war für mich immer zugleich Weg und Ziel, um die ursprüngliche Einheit mit mir selbst und der Welt „da draußen“ wieder zu erkennen. Es brauchte viele Jahre, bis ich begriff, dass der Liebesakt mit der Welt im Mund stattfinden kann. Aber wie ist es möglich, dass bei all dem Kult ums Essen und Genießen soviel unbewusste Gier regiert?

Im Yoga werden die Beweggründe, die die unbewussten Muster unseres Verhaltens steuern, Samskaras genannt, was soviel bedeutet wie Eindrücke oder Nachwirkungen. Es sind die zahllosen, flüchtigen Empfindungen, Stimmungen, Gedanken und Bilder der Vorstellung, die ihre Spuren im psychophysischen Organismus hinterlassen. Die Wiederholung bestimmter Sinnesreize webt im Laufe der Zeit ein feines, prägendes Muster im Unterbewussten. So kommt es zu Gewohnheiten oder Zwängen, wie beispielsweise das Programm: „Ob es schmeckt oder nicht, ob ich Hunger habe oder keinen – ich muss meinen Teller so schnell wie möglich leer essen, um von hier wegzukommen!“

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Der Ursprung dieser Konditionierungen kann so weit zurückliegen, dass es müßig ist herauszufinden, was letzten Endes dazu geführt hat. Wesentlich ist zu erkennen, dass das Denken und Fühlen von Reflexen bestimmt ist, die einem nicht gestatten, in der Gegenwart zu sein. Die Rastlosigkeit und das Getriebensein lösen sich nicht auf durch das Verstehen des „Warum“, durch kluge Einsichten und aufgeklärte Überzeugungen, sondern allein durch das rückhaltlose Fühlen dessen, was uns gegen unseren Willen antreibt, gewohnheitsmäßig und reflexartig zu handeln. Die leidigen Angewohnheiten, die wir gerne loswerden möchten, sind allesamt auf die Samskaras zurückzuführen. Hier ist die regelmäßige Übung des Yoga, das methodische Bemühen, die Natur eben dieser prägenden Webmuster zu erkennen, sehr hilfreich.  

Yoga sagt: Im Prinzip ist man frei, aus der Gebundenheit seiner Verhaltensmuster auszubrechen, wenn man erkennt, dass das Gewebe aus flüchtigen, nicht-substantiellen Fäden besteht. Unser inneres Bild von der Welt, das durch zahllose Eindrücke (Samskaras) entstanden ist, ist – wie die Fata Morgana – lediglich ein illusionäres, schemenhaftes Gebilde, das wie dauerhafte Realität erscheint. Doch diese „Traum-Realität“ des Alltags, die Erfahrung von Zeit- und Leistungsdruck, von scheinbaren Notwendigkeiten, von Pflicht und Verantwortung, hat uns zumeist fest im Griff. Es ist nicht so leicht, aus diesem Traum zu erwachen.

Als Yogalehrer, der seinen Kursteilnehmern als gutes Beispiel vorangehen wollte, habe ich mir selbst oft gesagt: „Langsam… Kirti, schling´ das Essen nicht so herunter – das ist doch keine Olympiadisziplin! Wo bleibt eigentlich die Aufmerksamkeit, auf die du in jeder Yogastunde hinweist? Was sind denn deine vermeintliche Spiritualität und die vielen Bemühungen um Meditation wert, wenn du es noch nicht einmal schaffst, im Augenblick des Kauens und Schmeckens präsent zu sein!? Was soll das Gerede um verfeinerte Sinnlichkeit und erweitertes Bewusstsein?“ Ich hatte keine Ahnung, was mich trieb, und so wollte es mir trotz jahrelanger Beobachtung meiner selbst nicht gelingen, diesen blinden Fleck zu erkennen.

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