Über das Zubereiten von Speisen kann man lernen, das “Ganze“ zu sehen. Eine alte Geheimlehre und ein wunderbares Sommer-Menü: freuen Sie sich auf zwei echte Geheimtipps!

Im letzten Artikel ging es bereits um die Oktave des Kochens als Prozess der Transformation. Wer hätte gedacht, dass es sich beim einfachen Zubereiten von Mahlzeiten, beim Schneiden, Waschen, Kochen und Anrichten von Obst und Gemüse um eine transformierende Tätigkeit handelt? Haben Sie gewusst, dass die Rolle des Koches und Gastgebers als spirituelle Praxis  erlebt werden kann?

Es wurde bereits erwähnt, dass es im Kochprozess um eine Erhöhung der Schwingungsebene geht –  sowohl der einzelnen Zutaten, die sich zu einem Gericht formen, als auch der inneren Schwingungsebene derer, die die Gerichte zubereiten sowie der Gäste, die in den Genuss der Speisen kommen. Man könnte es auch so ausdrücken, dass die vielen beteiligten Zutaten, Dinge, Menschen und Räume einen gemeinsamen Prozess durchlaufen und ihn in einem Zustand höherer Organisation wieder verlassen. Nun geht es um die geistige Schulung, die jedem Prozess innewohnt, um die Erweiterung unserer Wahrnehmungsfähigkeit und unserer Fähigkeit zu denken.

Die potentielle Fähigkeit, die uns innewohnende Schwingungsfrequenz oder auch die Schwingung von Dingen, Räumen, Zutaten usw. zu erhöhen, gehört zu den uns als Menschen gegebenen spirituellen Möglichkeiten und dies ist im ursprünglichen Sinne Yoga – die Anbindung an das göttliche Prinzip. Nun geschieht dies nicht oder nur sehr selten zufällig. Es handelt sich vielmehr um einen bewussten Prozess, eine Umwandlung oder Transformation, die alchemistischen Gesetzmäßigkeiten folgt. Dieses Unterfangen ist durch körperliche, emotionale und geistige Bewegung charakterisiert. Denken Sie nur daran, wie begeistert man sich manchmal in ein Vorhaben stürzt und dass fast immer der Punkt kommt, an dem man sich fragt, ob es überhaupt einen Sinn hat, weiter zu machen – dies ist nur ein Beispiel für die Wellen der emotionalen Bewegung, die ein Vorhaben begleiten. Die Emotionen sind sozusagen unser Treibstoff. Ohne Begeisterung werden wir nichts beginnen, und auch die weniger angenehmen sogenannten negativen Emotionen haben ihren Sinn in dem Ganzen, denn sie treiben die inneren Prozesse voran. Allerdings können Emotionen mitunter auch einen Prozess gefährden oder ganz zum Abbruch führen.

Wenn ein Vorhaben, also eine Oktave, sich schließt, befinden sich die beteiligten Menschen und Dinge wieder auf einem stabilen Niveau, jedoch auf doppelt so hoher Schwingungsfrequenz wie zuvor. Sie befinden sich, anders ausgedrückt, im Einklang mit dem Höheren. Eine Handlung, die in diesem Sinne ausgeführt wird, ist die Essenz des Karma-Yoga (der Yogaweg des selbstlosen Handelns), da sie uns im alltäglichen Tun die spirituelle Dimension eröffnet und von der Selbstbezogenheit wegführt zur Verbundenheit mit anderen Menschen und mit dem, was höher ist als wir. Viele Menschen erfahren dies z.B. im Rahmen des Work & Study – Programms im Weg der Mitte, Kloster Gerode. Wenn Sie teilhaben an einem Projekt, und sich dabei innerlich auf den Prozess einlassen, können Sie auch im spirituellen Sinne wachsen – und dabei Ihre körperlichen und „geistigen“ Muskeln trainieren. Sie gehen daraus innerlich gestärkt und mit neuer Inspiration hervor. Das Work & Study – Programm beinhaltet Tätigkeiten in Haus und Garten, fast jeder Teilnehmer nimmt auch an den Arbeiten in der Küche teil, die, wie in jedem Kloster und in jeder spirituellen Gemeinschaft ein Ort ist, an welchem für alle Mitglieder und Gäste wichtige Arbeit geleistet wird, da sie die Menschen ganzheitlich nährt.

Einzelne Stadien und Charakteristika der Oktave des Kochens wurden im letzten Artikel (Yoga Aktuell  N° 32) herausgegriffen. Sie finden sie auch in der folgenden Abbildung unter Punkt 1 – 9. Schauen wir uns diesen Prozess nun einmal näher an: Sie werden sehen, dass dieser Vorgang, wie jede wirkliche Handlung des Menschen, die nicht auf mechanische Art und Weise geschieht, bestimmten, jeder Handlung innewohnenden Gesetzmäßigkeiten folgt. Das Enneagramm beschreibt den Prozess der Neun, ist eine alte östliche Geheimlehre und wurde erstmals von G.I. Gurdjieff in der westlichen Welt bekannt gemacht. Im Enneagramm wird die Verbindung des Gesetzes der Oktave mit dem Gesetz der drei Kräfte (im Yoga die drei gunas) dargestellt und zeigt uns die Anforderungen der einzelnen Schritte, die jeweils von 1 bis 9 eine stufenweise Erhöhung der Schwingungsfrequenz bedeuten. Punkt 9 ist das Ende des Enneagramms und gleichzeitig der Beginn eines neuen Enneagramms.

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Enneagramm einer Mahlzeit
1. Idee, die Küche steht bereit
2. Planung
3. Zutaten
4. Vorbereitung
5. Das Essen ist gekocht
6. Die Gäste kommen
7. Servieren der Speisen
8. Essen der Speisen   
9. Lebensenergie durch Nahrung

Der äußere Ablauf wird durch den Kreis veranschaulicht, die Punkte 1 – 9 beschreiben die zeitliche Abfolge der einzelnen Schritte. Sie entsprechen unserem gewohnten, linearen Denken. Die Beziehungen der Punkte untereinander werden durch die inneren Linien dargestellt. Sie veranschaulichen die Bewegung außerhalb der Zeit; sie beschreiben den Prozess der Personen, die die Oktave durchlaufen. Nun geht es darum, unseren Geist in einer triadischen Perzeption zu üben. Normalerweise denken wir linear und in zeitlichen Abläufen. Dies entspricht nicht den Gegebenheiten unserer Welt. Die Welt entfaltet sich, dem Gesetz der drei Kräfte (tri guna) entsprechend, in Triaden. Das Enneagramm zeigt auf, dass, egal an welchem Punkt wir stehen, wir mit zwei weiteren Punkten des Prozesses verbunden sind, ganz gleich, ob wir dies nun wahrnehmen oder nicht. Können wir jedoch die beiden Punkte, die mit der jeweiligen Stufe verbunden sind, in unserem Geist erkennen, und in unsere Handlungen mit einbeziehen, so wird der Prozess lebendig weitergehen.  

Schauen wir uns nun die beiden Hälften des spiegelsymmetrischen Symbols an. Auf der rechten Seite, Punkt 1 – 4, sind die Zutaten roh. Die Küche steht bereit, wir haben die zündende Idee, deren Energie uns durch das ganze Vorhaben trägt, und sind entschlossen, das Vorhaben durchzuführen. Der Beginn an Punkt 1 ist auch durch eine gewisse Romantik und durch Enthusiasmus gekennzeichnet. Wir stellen uns vor, wie die Speisen aussehen werden, wie wir sie servieren möchten, welche Atmosphäre wir kreieren wollen. An Punkt 2 geht es darum, den Kochplan und das Ziel des gesamten Vorhabens zu verstehen. Wenn wir planen, tun wir dies also in Bezug auf Punkt 4, die nötige Vorbereitung der Zutaten, und in Bezug auf Punkt 8, das gemeinsame Mahl. Die inneren Linien drücken diese Verbundenheit mit den späteren Schritten der Oktave aus und entsprechen der triadischen Wirklichkeit. In unserem Enneagramm stehen an Punkt 3 die Zutaten –  ein äußerst empfindlicher Punkt im Kochprozess, der sorgfältiger Einkaufsplanung und Auswahl bedarf und nicht selten unliebsam scheinende Überraschungen birgt. Sie sehen, dass die Punkte 3, 6 und 9 in einem gleichseitigen Dreieck untereinander verbunden sind. Sie stehen für die drei Kräfte. Dies sind Stellen, an denen Einflüsse von außen auf den Prozess einwirken, ihm Energie geben, ohne die er nicht weitergehen könnte. An Punkt 3 begegnen wir auch anderen äußeren Einflüssen, die unsere aktive Kraft herausfordern. Da kann auch mal der Herd versagen, der Strom ausfallen oder ähnlich Unvorhergesehenes geschehen, was in jedem Fall die Wachheit, Zielstrebigkeit und Flexibilität der Köche herausfordern wird. Zum Punkt 4 gelangt man durch eine gute handwerkliche und haushälterische Fähigkeit, die sich zum Beispiel beim gut organisierten und routinierten Hausmann oder bei der erfahrenen Hausfrau einstellt: „Alles läuft wie am Schnürchen“.

Sie sehen, dass Punkt 4 und 5 nicht über innere Linien verbunden sind. Dies ist der schwierigste Schritt, an dem die Feuerenergie (im Yoga tapas, im Ayurveda rajas) ins Spiel kommt. Dabei wird die relative Stabilität von Punkt 4 zugunsten einer ganz neuen Qualität verlassen. Die Zutaten, die an Punkt 4 noch roh sind, sind an Punkt 5 gekocht. Die Zutaten werden verdaulich und essbar. Durch die Feuerenergie werden Proteine zerstört und die Zellwände aufgelöst oder aufgeweicht. Dies sind Prozesse, die einer inneren Wandlung entsprechen.  Dieser Vorgang ist nicht wieder umkehrbar, wenn er einmal stattgefunden hat. Dabei erfolgt das Kochen der Zutaten entsprechend der Triade im Hinblick auf die weitere Verarbeitung bis zum Servieren der Speisen und im Hinblick auf die Mahlzeit selbst. Alles wird aufeinander abgestimmt. Möchte man ein ayurvedisches Essen servieren, so sind die Kochverfahren beispielsweise deutlich anders als in der westlichen Vollwertküche.

An Punkt 6 kommen die zu beköstigenden Gäste. Sie sind ein wichtiger Motor, der den Prozess der Oktave voranbringt, und stellen den zweiten äußeren Einfluss dar. Sind wir in diesem Moment bereit, sie zu empfangen? Sind wir in Hektik, sind wir genervt oder können wir uns innerlich frei machen und auch für einen entspannten äußeren Rahmen sorgen? Der ein oder andere kommt vielleicht früher als geplant, der andere später als wir dachten… Können wir großzügig sein und flexibel reagieren? Vielleicht ist gerade der zu früh gekommene Gast die Hilfe, die wir brauchen, wenn wir nur dafür offen sind…. An dieser Stelle geht es darum, für die Bedürfnisse der Menschen und für die Anforderungen der Situation empfänglich zu sein und dementsprechend zu handeln. Wie viel Energie dieser Punkt ins Spiel bringt, merken wir daran, wie schwer es ist, für sich selbst zu kochen. Wenn man selbst an Punkt 6 steht, ist man sozusagen die eigene Antriebskraft.

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