„Das Universum besteht aus Geschichten“, sagt eine alte Volksweisheit. Diese Aussage kann ich nur bestätigen. Besonders dann, wenn ich mir Zeit nehme, mich für das zu öffnen, was sich auf den ersten Blick verbirgt, reiht sich eine berührende Geschichte an die nächste.
Ein unerwartetes Wunder: Die Kohlmeise und die Weisheit von Feng Shui
Gerne möchte ich eine Erfahrung teilen, die ich vor einigen Wochen auf meinem Balkon gemacht habe. Als digitale Nomadin bin ich viel unterwegs, liebe es aber gleichzeitig, immer wieder in ein schönes Zuhause zurückzukommen. So machte ich mich an einem sonnigen Frühlingstag daran, die Reste des Winters vom Balkon zu kehren, um ihn für den kommenden Sommer einladend herzurichten.
Einige Pflanzen blühten bereits und streckten ihre roten, gelben und lila Köpfchen in die Sonne. Der ganze Balkon war innerhalb kurzer Zeit aufgeräumt. Naja, nicht der ganze Balkon. Es gab eine Ecke, in der seit einigen Jahren leere Blumentöpfe und Besen, versteckt hinter einem Tuch, standen.
Als mein Blick in diese Ecke fiel, kam mir zum ersten Mal das Prinzip des Feng Shui für diesen Bereich meiner Wohnung in den Sinn. Dort wird ein Raum in verschiedene Abschnitte unterteilt, und jeder Abschnitt hat eine bestimmte Bedeutung. Laut Feng Shui soll man allen Abschnitten gebührende Aufmerksamkeit schenken und sie pflegen.
Also machte ich mich an die Arbeit, räumte die leeren Blumentöpfe weg und entsorgte einen Reisigbesen, der ziemlich zerrupft war, weil Vögel den Reisig scheinbar für den Nestbau verwendet hatten. Das Einzige, was ich stehenließ, war eine alte Gießkanne. Sie war aus Aluminium und hatte die Form eines Hahns. Als ich fertig war, setzte ich mich auf einen Stuhl und überlegte, welche Pflanzen ich kaufen würde, um diese Ecke zu „beseelen“.
Während ich so da saß, kam plötzlich eine Kohlmeise angeflogen. Sie setzte sich in einiger Entfernung auf das Geländer des Balkons und beobachtete mich. Dabei erschien sie mir ein wenig aufgeregt und unruhig und schaute immer wieder zu mir und dann zu dem Hahn. Irgendetwas schien sie vor zu haben, aber auf den ersten Blick konnte ich nicht erkennen, was es war. Also wurde ich still und bewegte mich nicht mehr.
Ein paar Augenblicke später flog sie in die kleine Öffnung auf dem Rücken des Hahns, die als Wasserzufuhr für das Gießen gedacht war. Kurz darauf kam sie wieder heraus, flog weg und kehrte bereits nach ein paar Minuten wieder zurück. Jetzt erst sah ich, dass sie etwas im Schnabel trug. Als sie wieder zielsicher in die Öffnung des Hahns flog, realisierte ich, dass sie dort brütete. Sie war dabei, ihr Junges zu füttern, während ich ihr vom Stuhl aus zuschaute.
Berührt von dem, was ich dort sah, zog ich mich in die Wohnung zurück, um den Vögeln den Ort zu überlassen.
Am nächsten Tag schaute ich neugierig auf den Hahn und sah zufällig, wie ein kleines Köpfchen aus der Öffnung des Hahns lugte. Ein Jungvogel war gerade dabei, sich langsam aus der Öffnung der Gießkanne seinen Weg in die Freiheit zu bahnen. Er flog auf den Boden des Balkons und wartete im Schatten einer Pflanze auf seine Mutter. Was für ein Zufall! Ich war scheinbar genau im richtigen Moment am richtigen Ort, um miterleben zu dürfen, wie das Junge das Nest verließ.
Normalerweise beträgt die Brutzeit bei Kohlmeisen etwa 13 bis 14 Tage. Danach schlüpfen die Jungen, die dann noch einige Wochen im Nest bleiben, bis sie flügge sind. Während dieser Zeit werden sie von den Eltern gefüttert und gepflegt. Die Vögel hatten ihre Brut also ganz in Ruhe pflegen können, ohne von mir gestört zu werden. Und ich war zufällig anwesend, als der kleine Vogel seinen Weg in die Freiheit antrat. Und überhaupt, dass ein Hahn eine Kohlmeise ins Leben brachte, glich ebenfalls einem Wunder!
Meine Freude war sehr groß. Nicht nur deshalb, weil ich einer Vogelfamilie einen sicheren Platz für ihre Brut bieten konnte, sondern auch deshalb, weil die Kohlmeise ein Zeichen für Glück, Hoffnung und Neuanfang darstellt. Sie ist auch ein Symbol für Lebenskraft, Energie und Fruchtbarkeit. Da sie ihr Nest laut Feng Shui in dem Bereich für wertvolle Freundschaften gebaut hatte, freue ich mich besonders auf das, was jetzt in mein Leben kommen möchte! Ganz davon abgesehen hatte ich nie zuvor gesehen, wie ein junger Vogel flügge wird.
Verborgene Zusammenhänge: Die Kraft des Universums in alltäglichen Momenten
Aber noch etwas freute mich! Hinter dem Sichtbaren verbirgt sich ein unermessliches Wunder: die unendliche Kraft des Universums, die Energie, die alles Leben durchdringt, und die verborgenen Zusammenhänge, die unser Dasein erst möglich machen. Dort verbirgt sich auch das Prinzip des Entstehens und Vergehens, der Geburt und des Todes, des Kommens und Gehens. Dieses Prinzip der permanenten Veränderung ist so alt wie die Menschheit selbst. Es ist eine Einladung an uns Menschen, uns dessen bewusst zu sein und mit diesem Wissen, mit offenem Herzen und neugierigem Geist auf die Welt zu schauen.
Jenseits der Oberfläche: Einblick in die spirituelle Tiefe
Viele spirituelle Traditionen, so auch der Yoga und der Buddhismus, sprechen davon, dass das Sichtbare nur die Oberfläche eines tieferen, unsichtbaren Wirklichkeitsfeldes ist. Ein buddhistischer Lehrer von mir hat diese Aussage einmal mit folgendem Satz verdeutlicht: „Das, was du hier von dir und mir siehst, diese Person, sind nur 5 % deines gesamten Seins, einer Erscheinung. Oftmals können wir gar nicht erahnen, was alles aus einem Menschen oder an einem Ort entstehen wird.“ Für mich bestätigte sich diese Aussage durch meine Erfahrung mit dem kleinen Nest. Der Ort, den ich für „tot“ hielt, war alles andere als unbeseelt. Dort entstand gerade neues Leben!
Während ich den kleinen Vogel beobachtete, kam mir auch wieder der Gelehrte Jalal ad-Din Muhammad Rumi in den Sinn. Er lebte im 13. Jahrhundert, genauer gesagt von 1207 bis 1273. Er war ein berühmter persischer Mystiker, Dichter und spiritueller Lehrer. Seine Erkenntnisse über das Numinose entstanden vor allem aus seiner eigenen spirituellen Erfahrung, seiner Verbindung zu seinem Lehrer Shams Tabrizi, zu Gott und seiner inneren Suche nach Wahrheit.
Rumi hat einmal den Satz gesagt: „Die wahren Schätze befinden sich unter den Trümmern.“ Manchmal müssen es nicht einmal Trümmer sein, sondern es können auch Ecken auf dem Balkon sein, die einen wahren Schatz für uns bereithalten. Oder es sind Bereiche oder Beziehungen in unserem Leben, denen wir vielleicht wieder mehr Aufmerksamkeit schenken sollten, um zu erkennen, dass dort neues Leben entstehen kann – oder wie wertvoll sie eigentlich sind.
Was für ein Geheimnis, was für ein Mysterium dieses Leben sein kann, wenn wir ihm mit offenen Augen und weitem Herzen begegnen.