Arbeiten, sich für Gott und die Welt aufreiben, fällt vielen Menschen leicht. Aber wenn es darum geht, sich ein paar Minuten der Stille zu gönnen, dann kommt der ein oder andere in Bedrängnis. Dabei können wir andere nur glücklich machen, wenn wir selbst glücklich sind.

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In einem meiner MBSR-Kurse (Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion) war ein Mann in den Vierzigern. Er ist ein sehr fleißiger, gewissenhafter und aufrechter Mann. Er arbeitet viel und kümmert sich nach Feierabend um seine Kinder und auch um seine kranke Mutter. Aber einen Menschen vergisst er bei alldem: sich selbst. Den Kurs besuchte er in erster Linie seiner Frau zuliebe.

Während des 8-wöchigen MBSR-Kurses lernen die Teilnehmer die formelle und die informelle Achtsamkeitspraxis kennen.

Die formelle Praxis beinhaltet die Sitzmeditation, d.h. Meditation mit Fokus auf Atem, Körperempfindungen, Gedanken und Gefühlen sowie Geräuschen und die Gehmeditation.

Wichtige Aspekte der formellen Achtsamkeitspraxis sind:

  • stilles Sitzen / stilles Gehen
  • wahrnehmen, was ist, und dies benennen
  • nicht bewerten
  • sich selbst immer wieder an die Achtsamkeit erinnern
  • geduldig sein
  • wieder von vorne anfangen

Die Dauer der Sitzmeditation sollte im Idealfall 40 Minuten betragen.

Die informelle Praxis besteht aus der Kultivierung der Achtsamkeit bei allen Tätigkeiten im Alltag, sowohl im Beruf als auch im Privatleben. Sie findet also von Moment zu Moment statt.

Wichtige Aspekte der informellen Achtsamkeitspraxis sind:

  • Innehalten
  • den Autopiloten ausstellen
  • wertfrei wahrnehmen
  • Gewohnheiten ändern

Der besagte Mann erzählte immer wieder, wie gut es ihm gelingen würde, die Achtsamkeitspraxis in seinen Alltag zu integrieren. Er meditierte während er mit der S-Bahn zu seinem Büro in der Münchner Innenstadt fuhr und achtete auch beim Mittagessen darauf, ganz präsent jeden Bissen und jeden Schluck wahrzunehmen. Aber niemals gelang es ihm, sich abends Zeit für eine Meditation ganz in Stille zu nehmen.

In einem Gespräch stellte sich heraus, dass er es nicht gewohnt war, sich Zeit für sich zu nehmen. Und schon gar nicht für die Meditation. Das hatte für ihn immer noch den Beigeschmack, als würde er Zeit vertrödeln oder einfach nur rumhängen. Mein Vorschlag, sich zu Hause einen kleinen Altar einzurichten oder eine Meditationsecke zu etablieren, die einen ganz persönlichen Raum für ihn darstellen würde, lehnte er ab. Es war undenkbar für ihn, sich so viel Raum zu nehmen. Äußerlich wie auch innerlich.

Mit diesem Problem ist der Mann nicht alleine. Eine weitere Teilnehmerin meiner Kurse ist eine sehr erfolgreiche Geschäftsfrau. Eigentlich hat sie das Gefühl, nur eine Lebensberechtigung zu haben, wenn sie etwas leistet – am besten etwas, was man offensichtlich sieht.

Obwohl sie sehr gerne meditiert, fällt es ihr sehr schwer, länger als zehn Minuten in die Stille zu gehen. Denn dann zeigt er sich wieder, ihr innerer Antreiber, der – wie sie es mir erzählte – mit der Peitsche hinter ihr steht und sie vom Kissen verjagt. Denn schließlich sei es ja vollkommen nutzlos, nur „rumzusitzen“ und „nichts zu tun“.

Diese beiden Menschen stehen stellvertretend für viele, die nach folgendem Prinzip leben: Erst kommt die Arbeit, dann die Familie. Dann kommt erst einmal lange nichts. Und dann ist man selbst an der Reihe.

Du bist vom Leben gewollt – so wie du bist!

Vielleicht bist du ja selbst einer der Menschen, die glauben, dass sie erst etwas tun oder leisten müssen, bevor sie überhaupt das Gefühl haben dürfen, eine Da-Seins-Berechtigung zu haben. Wenn dem so ist, dann wird es Zeit, dass du deinen Blick auf dich und dein Leben änderst. Denn: Du bist vom Leben gewollt. Und zwar genauso, wie du bist! Du musst nichts leisten. Du musst auch nichts Besonderes sein. Du bist vollkommen, so wie du bist. Sag dir dies immer und immer wieder – nach Möglichkeit auch laut. Denn nur dann hörst du dich selbst. Nur dann, wenn du dich auch tatsächlich hörst, wirst du dich auch verstehen.

5 unterstützende Affirmationen

Folgende Sätze können dich darin unterstützen, dir den Raum und die Zeit zu nehmen, deine eigene Praxis zu etablieren, falls du das Gefühl hast, dass Meditation reine Zeitverschwendung ist und nichts bringt:

  1. Ich bin so, wie ich bin, vom Leben gewollt und darf einfach nur in Stille sitzen.
  2. Ich muss nichts leisten, um leben zu dürfen.
  3. Ich genüge, so wie ich bin.
  4. Nur dann, wenn es mir selbst gut geht, kann ich auch anderen Menschen helfen.
  5. Ich bin es wert, dass ich mir Zeit für mich selbst und meine Meditation nehme.

Wiederhole diese Sätze so häufig wie möglich. Am besten immer dann, wenn du dich zur Meditation hinsetzen möchtest, dich eine innere Stimme aber davon abhält. Wiederhole diese Sätze laut und aus tiefstem Herzen. Vergiss dabei nicht, dass man die Wahrheit oft tausend Mal hören muss, bevor sie Wirklichkeit wird.Anzeige

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.