Worum geht es auf dem Yogaweg? Diese Frage sollte sich jeder Yogaübende früher oder später stellen. Doch noch wichtiger erscheint mir persönlich die Frage: Worum geht es auf meinem ganz persönlichen Yogaweg, der mein Leben maßgeblich beeinflussen sollte? Sollte er das wirklich? Eigentlich ja. Eigentlich. So lange, wie man Yoga als eine spirituelle, ganzheitliche Praxis versteht. Und genau so verstehe ich Yoga nach all den Jahren der Auseinandersetzung und Praxis.
Der Schatz des Yoga
Bei dieser Auseinandersetzung nehme ich jedoch immer wieder wahr, dass der tiefe, reiche, umfassende und alles durchdringende Schatz des Yoga oft auf die rein körperliche Asana-Praxis reduziert wird. Dabei macht sie nur einen sehr kleinen Teil dieses ganzheitlichen und umfassenden spirituellen Weges aus.
Wenn ich mit Menschen arbeite, frage ich sie als Erstes, was sie sich kurzfristig und langfristig von der Yogapraxis erhoffen, bzw. was sie erreichen wollen. Ich finde diese Frage elementar wichtig, weil nur so ein selbstbestimmter Yogaweg möglich ist.
Von Erwachen und Ent-Täuschungen
Wer mich kennt, weiß, wie sehr mir das spirituelle Erwachen am Herzen liegt. Ich vermeide den Begriff „Erleuchtung“, da er schwer fassbar ist und oft zu inneren Vorstellungen führt, die mit meiner persönlichen Auffassung wenig zu tun haben. Ich wiederhole bewusst das Wort „Vorstellung“, weil auch ich nur eine Idee davon habe, wie sich Erleuchtung tatsächlich gestaltet.
Was ich jedoch mit Sicherheit sagen kann, ist, dass ich immer wieder Momente des spirituellen Erwachens erlebe. Diese Momente sind häufig schmerzhaft, weil sie mir die Augen dafür öffnen, dass ich mir selbst Illusionen über mich, andere oder das Leben gemacht habe. Ich kann diese Erfahrungen auch als Ent-Täuschung bezeichnen.
So schmerzvoll diese Einsichten auch waren, sie waren gleichzeitig erhellend für meinen weiteren spirituellen Weg. Eines war ihnen allen gemein: Sie haben mich dazu veranlasst, mehr Selbstverantwortung für mein Denken, Fühlen und Handeln zu übernehmen. Darüber hinaus wurde ich mir meiner tiefen inneren Essenz bewusst: Klares, reines Bewusstsein – oder anders ausgedrückt: Lichtessenz.
Mein ganz persönlicher Weg
Selbstverantwortung und Selbstbestimmtheit sind im Laufe der Jahre zu zentralen Aspekten meines spirituellen Weges geworden. Sie gehen Hand in Hand mit meiner eigenen Reise und spiegeln mein Streben nach persönlicher Entwicklung, Freiheit und Individualität wider. Das kann jedoch sehr unbequem werden, weil meine persönliche Entwicklung nicht immer dem Mainstream entspricht.
Angetrieben von meinem spirituellen Ziel – auch wenn es eigentlich kein Ziel gibt, weil in mir bereits das vollkommene, unsterbliche Licht oder Bewusstsein die Basis meines Seins bildet – werde ich immer wieder mit einer Gesellschaft konfrontiert, die eine völlig andere Entwicklung vorlebt.
Anstatt sich auf dem Yogaweg immer wieder in die Stille zurückzuziehen, um sich den eigenen Schatten- und Lichtseiten zu stellen, hat sich Yoga zu einer Lebensform der Selbstdarstellung entwickelt, die ihren Ausdruck vor allem in den sozialen Medien findet.
Auf der einen Seite stellen die sozialen Medien eine wunderbare und sehr effektive Möglichkeit zur Vernetzung und zum Selbstausdruck dar. Auf der anderen Seite sind sie in meinen Augen auch zu einer Plattform der narzisstischen Selbstdarstellung, einem Suchtmittel für Anerkennung, einem Sammelbecken für Fake-Nachrichten und einem Instrument der Fremdbestimmung und Manipulation geworden.
Like me!
Beeindruckend ist, dass die Bestätigung durch Likes, Follower-Zahlen und Kommentare zu einer zentralen Währung geworden ist, die mittlerweile eine höhere Wertigkeit für das eigene Selbstwertgefühl zu haben scheint als Geld. Es scheint, als ob diese Anerkennung mittlerweile mehr wiegt als der monetäre Wert, den man durch das Internet erzielt.
Angetrieben von dieser Sehnsucht, gesehen und geliebt zu werden, neigen Menschen – leider auch viele Yoga-, Meditations- oder Achtsamkeitslehrer – dazu, ihre Posts, Fotos und Inhalte so zu gestalten, dass sie möglichst viel positives Feedback erhalten. Leider führt diese Sehnsucht nach Anerkennung oft zu einer Art Selbstverleugnung und zu einer Social-Media-Identität, die weit entfernt ist von der Realität, in der Herausforderungen, Trennungen, Trauer, Wut, Alterungsprozesse und andere natürliche Aspekte des Lebens existieren.
Aufwachen statt einschlafen
Durch diesen subtil wirkenden Mechanismus, der uns von der Selbstbestimmung in die Fremdbestimmung geführt hat, sollten wir uns immer wieder bewusst machen, ob wir mit dem nächsten Schritt auf unserem spirituellen Weg, der für viele in den sozialen Medien seinen Ausdruck findet, unser wahres Selbst auf den Altar der perfekten Online-Persönlichkeit gelegt haben.
Was wir stattdessen brauchen: radikale Ehrlichkeit!
Mehr denn je ist aus meiner Sicht auf dem spirituellen Weg radikale Ehrlichkeit sich selbst und anderen gegenüber gefordert. Wir sollten den Einfluss der sozialen Medien auf unseren eigenen Selbstwert und unsere Selbstbestimmung immer wieder kritisch hinterfragen.
Schriften wie das Yogasutra oder die Bhagavadgita, die jahrtausendalten und gleichzeitig zeitlosen spirituellen Leitwerke des Yoga, können uns helfen, die eigenen Werte und Ziele auf unserem spirituellen Weg zu definieren und ihnen zu folgen.
Dafür müssen wir nichts tun, nichts leisten oder uns durch Zertifikate von staatlich anerkannten Instituten bestätigen lassen. Wir müssen uns nur an das erinnern, was wir immer schon waren: zeitloses, unsterbliches, göttliches Bewusstsein!
Last but not least: Das Erinnern an das, was wir waren, sind und immer sein werden, ist in meinen Augen jenes Licht, das uns auf unserem selbstbestimmten Yogaweg wie ein Leitstern am Himmel dieser so verwirrenden und gleichzeitig klärenden Zeit dienen kann.