Das spirituelle Erbe Indiens machte auch nicht vor Indiens Dichtern halt. Klar, dass viele von ihnen erleuchtete Personen waren. Joachim Reinelt über die mitreißende Kraft der Worte und die außergewöhnliche Begabung Indiens erleuchteter Poeten

Viele von uns wachsen in der Ansicht auf, dass Mystik nichts mit dem normalen Leben zu tun hat. Wir halten Mystik für etwas Unzeitgemäßes und Weltfremdes, oder für eine Beschäftigung, die nur jenen auserwählten Menschen vorbehalten ist, die eine angeborene Gabe zu inneren Visionen und außergewöhnlichen Kräften besitzen. Wenn wir uns aber einmal das Leben der Mystiker eingehender betrachten, erkennen wir, dass der mystische Weg nichts anderes ist, als das Leben selbst, und dass Mystik von unserem angeborenen Recht auf die höchste Erfahrung handelt – und deshalb Mystik jeden von uns betrifft.

Das Leben der großen Mystiker in der ganzen Welt bestand darin, uns diese Erfahrung zugänglich zu machen. Sie lebten in der Erfahrung der vollkommenen All-Einheit, der Erfahrung, dass die Welt ein Spiel des höchsten Bewusstseins ist und alle Formen in ihr Ausdruck der allumfassenden göttlichen Liebe sind. Auf ihrem mystischen Weg strebten sie zunächst danach, diese Erfahrung in sich selbst zu verwirklichen, um sie dann mit anderen zu teilen. Allein durch ihre Gegenwart öffneten sich für viele Suchende die entscheidenden Pforten, um dann zur höchsten Erfahrung zu gelangen.

Nur wenig ist bisher bei uns über das große Erbe der Mystiker und Dichterheiligen Indiens bekannt, die mit ihrem Leben und ihren Werken Zeichen setzten für den Weg zur höchsten Vollkommenheit und Freiheit. Es waren – obgleich oft von einfacher sozialer Herkunft – Frauen und Männer von hohem Geist, außergewöhnlichem Charisma und göttlicher Bestimmung. Sie waren es, die die großen Traditionen des Yoga und der Bhakti entscheidend prägten und zu dem machten, was sie heute sind – sichere Wege, auf denen unzählige Menschen ihrem Ziel entgegen gehen.

Diese großartigen Frauen und Männer waren so unterschiedlich wie das Leben selbst. Dennoch verband sie eines miteinander – die Erfahrung des höchsten Bewusstseins, gepaart mit der einzigartigen Fähigkeit diesen Zustand mit der Kraft des Wortes anderen Menschen nahe zu bringen. Und dies ist durchaus wörtlich zu verstehen. Denn die Kraft ihrer eigenen Erfahrung ist auf geradezu magische Weise mit ihren Gedichten und Liedern verwoben. Sie überträgt sich auf den Leser bzw. Hörer und schafft so Raum für die eigene, unmittelbare Erfahrung.

Einer der berühmtesten Mystiker und Dichter-Heiligen Indiens ist Jnaneshvar. Jnaneshvar, auch Jnanadeva, wörtlich „Herr“ oder „Meister des Wissens“, war ein in literarischer und spiritueller Hinsicht einzigartiges Phänomen. Die Menschen nannten und nennen ihn noch heute Jnaneshvar Maharaj, den „großen König“, obgleich er nachweislich nur 23 Jahre (!) alt wurde. Er kam 1271 in dem Gebiet des heutigen Staates Maharashtra (Westindien) zur Welt, und sein Leben war ein Feuerwerk von ungewöhnlichen Ereignissen und Taten. So führte er schon als Jugendlicher seine eigene Muttersprache, Marathi, als Sprache der Philosophie, Literatur und Religion ein:

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„Meine Sprache, Marathi, so einfach sie scheint, wird selbst über den Nektar siegen. Solche Worte werde ich formen durch Gefühl.“

Dies war höchst ungewöhnlich für die damalige Zeit, denn ähnlich wie hier in Europa das Latein die Sprache der Priester und Gelehrten war, so war in Indien ausschließlich das Sanskrit die Sprache, in der die heiligen und philosophischen Texte verfasst waren und rezitiert wurden.

Doch um auch den einfachen Menschen das Göttliche näher zu bringen, schrieb Jnaneshvar im Alter von neunzehn Jahren einen der maßgeblichen Kommentare zur Bhagavadgita, die Jnaneshvari, bestehend aus 1788 Doppelversen. Darüber hinaus verfasste er zwei weitere umfangreiche philosophische Werke und ca. tausend Gedichte, und das alles in dem von ihm entwickelten Versmaß, dem Ovimeter. Mit der Jnanesh­vari, einer äußerst yogischen und tantrischen Auslegung der Bhagavadgita, legte Jnaneshvar den Grundstein zur Marathi-Literatur. Über dieses einzigartige Werk schrieb der indische Gelehrte Professor W.B. Patwardhan: „Die Jnaneshvari … ist so erlesen, von solcher Schönheit, von solcher Poesie in ihren Metaphern, ihren Gleichnissen, ihren Analogien, stilistisch so erhaben, so feinsinnig in ihrem Ton, so melodiös, so originell im Gedanklichen, so rein im Geschmack…, dass der Leser einfach fasziniert ist, sich hingerissen auf den Schaumkronen ihres Flusses treiben lässt.“

Da Jnaneshvar den nach yogischem Verständnis höchsten geistigen Zustand – die Vereinigung mit dem höchsten Bewusstsein – erlangt hatte und eins geworden war mit der höchsten Shakti, der Quelle der Kraft, Inspiration und Kreativität, waren auch seine gesprochenen und geschriebenen Worte von dieser Kraft. Für immer verschmolzen mit dem höchsten Bewusstsein und nur noch scheinbar oder zum Spiel ein Individuum, konnte er alle Lebewesen mit seiner Sprache, seinem Ruf erreichen. Sein Ruf war ein Ruf der höchsten Liebe und seine Sichtweise die Sichtweise der Gleichheit. Obwohl noch von zartem Alter, nannten und nennen ihn die Menschen Mauli, „Mutter“, denn sie spürten die ungeheure nährende und behütende Kraft in seiner Gegenwart.

Jedes Mal, wenn ich in seinen Werken lese, werde ich von der Kraft seiner Gegenwart gepackt und es ist fast so, als wenn er vor oder neben mir stünde. Ich war oft in Alandi, der malerischen kleinen Stadt in der Nähe von Poona, in der sich der große und berühmte Tempel mit seinem Samadhi-Schrein befindet, und in der sich alles um Jnaneshvar und die Orte, an denen er lebte und wirkte, dreht. Aber selbst unmittelbar vor seinem Samadhi sitzend suche ich ihn – wohingegen ich ihn in den Worten seiner Werke sogleich finde.

Er gehört zu dem erhabenen Kreis der Dichter-Heiligen, die sich uns – man ist unwillkürlich an die Kraft von Mantras erinnert – in ihren Worten offenbaren und lebendig werden. Jeder Satz, jedes Wort hat nur einen einzigen Zweck: den Leser oder Hörer nach innen zum Selbst zu ziehen und ihn die eigene Liebe und Göttlichkeit spüren zu lassen.

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